Berlin - Fabian Hischmann ist 33, sieht jünger aus und gilt als einer der vielversprechendsten Nachwuchsautoren im deutschsprachigen Raum. Gerade ist sein zweites Buch erschienen. Also erscheint der Autor, der seit fünf Jahren in Berlin lebt, recht entspannt zum Interview und erzählt von einsamen Arbeitstagen sowie dem Leben zwischen der Beschäftigung als Autor und der Kasse des Neuköllner Clubs Klunkerkranich.

Herr Hischmann, Sie leben seit fünf Jahren in Berlin. Was hat Sie in die Stadt verschlagen?

Die Liebe. Zudem bin ich beim Berlin Verlag unter Vertrag, das passt dann ganz gut, auch von der Logistik her.

Sie haben Kreatives Schreiben in Hildesheim und Leipzig studiert. Ist das nicht seltsam? Wie diese Popakademie, die dann Popstars hervorbringen soll?

Nein, es ist schon universaler. Ich habe ja ein Diplom in Kulturwissenschaften und kann also alles machen (lacht). Alles und nichts. Wie das bei Kulturwissenschaftlern eben so ist.

Ihr erstes Buch heißt „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ und dreht sich um einen anfangs orientierungslosen 30-jährigen Mann und Sie waren damit nominiert für den Leipziger Buchpreis. Die Kritik ging hingegen mitunter sehr harsch mit Ihnen um. „Die Zeit“ warf Ihnen vor, ihr Buch würde sich zwar angenehm lesen, wäre aber nichts weiter als die Literatur eines saturierten Bürgersohns.

Das tat schon weh, es war auch paradox, dass gerade die „Zeit“ das behauptet hat – was ist saturierter und bürgerlicher als die „Zeit“? Ich finde es allgemein sehr schwierig, bei einer Kritik den Background eines Autors heranzuziehen. Es ist natürlich immer schön und gut für Journalisten, wenn es eine Debatte gibt, trotzdem wäre ich froh gewesen, wenn mir das erspart geblieben wäre. Man wird ja danach ewig darauf festgenagelt, wie man auch hier sieht.

Wie viel von Ihnen ist denn aber nun eingeflossen in die Idee Ihrer Hauptfigur Max?

Nun, jede Figur, die ich „erschaffe“ hat ja Teile von mir. Aber überschätzen Sie diese Idee nicht, das wäre ein sehr einfacher Umkehrschluss. Ich bin ja nicht prominent und muss nicht ständig meine Person zum Thema machen.

Also erkannt werden Sie auf der Straße nicht?

Nein, höchstens verwechselt. Aber ich meide diese Berliner Orte des Literaturbetriebs ohnehin. Ich hänge nicht jeden Tag im Literarischen Colloquium rum oder springe auf jede Berliner Lesebühne, die sich mir bietet.

Wie hat man sich Ihren Alltag vorzustellen? Immerhin hatten Sie schon einen Erfolg und jetzt erscheint Ihr zweites Buch.

Ich unterscheide mich da nicht von anderen jungen Kreativen, es ist ein Klischee zu glauben, man könne von einem Buch leben. Da müsste man schon einen Hit landen, der in viele Sprachen übersetzt wird und monatelang in den Bestsellerlisten präsent ist. Ich brauche unbedingt noch einen Nebenjob und sitze deshalb im Klunkerkranich an der Kasse.

Ist das Schreiben eine Art Zwang für Sie? Ist das etwas, das Sie tun müssen?

Nein, es ist manchmal zwar sehr anstrengend, aber ich empfinde es eher als Lust. Noch jedenfalls. Als Zwang habe ich es bislang nie empfunden. Es ist eher so, dass ich eine gewisse Leere empfinde, wenn ich ein Buch fertiggeschrieben habe.

Waren Sie enttäuscht, als Sie den Leipziger Buchpreis nicht bekommen haben? Immerhin eine der renommiertesten Auszeichnungen für Autoren?

Nein, es hört sich komisch an, aber ich war froh. Das generiert eine unglaubliche Fallhöhe. Die Debatte um mich und das Buch hat mich schon sehr angestrengt. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich nicht auf dieser „Nominierten-Liste“ gewesen wäre.

Hildesheim, Leipzig, Berlin – im gesamtdeutschen Zusammenhang wird das als räumliche Verbesserung betrachtet. Haben Sie diese fünf Jahre in Berlin verändert? Schreibt man dann anders?

Nein, aber das Schöne ist, dass man sich hier nicht rechtfertigen muss für das, was man tut. Wenn ich sage, dass ich schreibe, dann ist das in Berlin total in Ordnung. Hier sagt ja gefühlt jeder, dass er Künstler ist. Die Leute erzählen oft direkt, was sie tun, noch bevor man weiß, wie sie heißen. Ich mache das aber nie, wenn man mich fragt. Ich sage, dass ich Fabian und Autor bin. Das ist nichts Besonderes.

Das glaube ich nicht.

Doch. Es ist schön, wenn am Ende das Buch da ist, der Text fertig ist. Aber bis dahin ist es ein zäher Prozess. Mein Alltag ist wirklich nicht sehr glamourös und auch sehr strukturiert. Ich stehe jetzt nicht mittags auf, trinke Champagner und kokse. Ich sitze in der Staatsbibliothek und schreibe an meinen Sachen, weil ich mir kein Büro leisten kann und daheim zu abgelenkt wäre. Wenn ich schreibe, bin ich da fast jeden Tag mehrere Stunden und versuche was hinzukriegen. Es ist ja nicht so, dass das jeden Tag von Erfolg gekrönt ist. Manchmal sitze ich da zwei Stunden und kann intensiv schreiben, manchmal sitze ich da acht Stunden lang, und nichts passiert.

Verfällt man dann in Panik?

Ja, oder man wird sauer. Manchmal ist es einfach nur zäh, und man liest es abends durch und weiß genau, dass es das nicht ist. Andersherum ist aber schlimmer: Man denkt, man hätte einen tollen Text geschrieben, und am nächsten Tag liest man es und denkt sich nur: Was ist das für ein Schrott?

Das klingt nach einem einsamen Leben.

Ja, das trifft es mitunter schon. Daher brauche ich diesen Nebenjob auch. Es ist sehr schön, wenn man nach Tagen in der Stabi so viele Leute trifft.

Inspiriert das?

Hm, ja und nein. Ich laufe jetzt nicht den ganzen Tag durch Berlin und will inspiriert werden, aber sicher wird man hier zwangsläufig zum Sammler von Geschichten und Anekdoten. Immer wieder lustig finde ich beispielsweise die Tatsache, dass man den Klunkerkranich evakuieren muss, wenn es gewittert, der Club ist ja auf einem Dach. Jedes Mal kommt dann die Frage nach dem Blitzableiter. Manche Leute wollen dann einfach nicht gehen und sind mitunter wenig verständnisvoll. Dieses Renitent-Sein, das ist schon etwas, was man hier sehr gehäuft antrifft. Und das sind in der Regel noch nicht mal Berliner.

Es gibt ja die These, dass die Leute nach Berlin kommen um sich gezielt daneben zu benehmen.

Das kann schon gut sein. Eine Freundin von mir wohnt unweit des RAW-Geländes in Friedrichshain und erzählt oft von den Busladungen Jugendlicher, die direkt gegen die Hauswände pissen, sobald sie ausgestiegen sind. Das ist schon „sehr Berlin“, dieses sofortige Umschalten, nur weil man in hier ist. Man muss aber auch ein wenig Verständnis haben, hier sind einfach mehr Leute und der dauerhafte Strom an Touristen ist eben größer als in anderen Städten. Ich kann mir schon vorstellen, dass das nicht immer einfach ist, freundlich zu bleiben, wenn man hier im öffentlichen Raum arbeitet. Die Touristen sind ja nun auch nicht immer freundlich. Wer hat nicht mal einen schlechten Tag?

Sind Sie glücklich, in Berlin zu sein?

Schon, ja. Ich denke aber auch, dass viele Leute ein falsches Bild von Berlin haben und mit den falschen Vorstellungen hierher kommen.

Inwiefern?

Es gibt offenbar so eine Idee, eine Vorstellung nach Berlin zu gehen in dem Glauben, dass es die Stadt dann schon für einen richten wird. Ich glaube, das kann sehr schmerzhaft sein, wenn man dann bemerkt, dass das eben nicht so ist. Diese Stadt kann ja auch unheimlich fies zu den Menschen sein, abweisend, ignorant. Das gilt natürlich für jede Großstadt. Aber in Berlin möchten sehr viele Leute dasselbe machen, irgendetwas schwammig kreatives.

Der richtige große Wurf – träumen Sie davon, gibt es da literarische Vorbilder?

Ich finde Vorbilder schwierig, aber natürlich gibt es so Bücher wie – sagen wir mal – Salingers „Fänger im Roggen“. Dann hätte man es natürlich geschafft und könnte sich danach entspannt in ein Haus auf dem Land zurückziehen und müsste nie mehr mit jemandem reden. Aber wie oft passiert so etwas schon?

Lesen Sie in Berlin? Unterscheiden sich Lesungen in der deutschen Hauptstadt von anderen Städten?

Ja, ich lese natürlich auch hier, und die Lesungen unterscheiden sich von anderen Städten. Die Leute sind schon sehr satt hier, in Berlin kann man ja jeden Tag zu einer Lesung gehen, zu einem Konzert, auf die Party seines Lebens.

Dafür zieht man ja aber nach Berlin.

Ja, das stimmt. Aber ich könnte mir auch vorstellen, anderswo zu leben. Berlin ist ja nicht der Mittelpunkt allen Geschehens.

Es führt sich aber mitunter so auf.

Ja, das ist auch etwas recht berlinerisches, dieser Glaube, etwas ganz Besonderes zu sein.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.