Cottbus - Spektakuläre Sprünge, viel Tempo und jede Menge Spaß: Axel Webster rast mit seinem Rad über Hügel und durch Täler, er überholt einen anderen Fahrer und legt sich auf dem Trainingsplatz mit den Rampen und Anstiegen gekonnt in die nächste Kurve. Was wie ein halsbrecherisches Hobby aussieht, ist viel mehr: Es ist die Sportart deretwegen zwölf Jugendliche an die Lausitzer Sportschule in Cottbus gekommen sind: BMX.

Bicycle Motocross steht für Stunts auf dem Fahrrad. Die Idee ist einfach: Die Fahrer müssen in möglichst kurzer Zeit mit dem kleinen BMX-Rad einen vorgegebenen Parcours bewältigen. Nach dem Start von der fünf Meter hohen Rampe geht es mit bis zu 15 Meter weiten Sprüngen über eine kurvige Piste.

Von Südafrika nach Cottbus

Strahlend bunt sind die Monturen der Fahrer an diesem nass-grauen Winternachmittag. Trainer Lars Ludewig gibt Tipps: „Manchmal nützen einem Sprünge gar nichts, denn auf dem Hinterrad gefahren ist man auf flachen Hügeln schneller“, erklärt der 26-Jährige. Diese Feinheiten, sowie ein guter Start, bringen beim Rennen wichtige Sekunden.

Neben Ludewig steht Sydney Webster mit seinem Sohn Liam. Sie tauschen sich über die Strecke aus. „Das schaffst du besser, aber sei vorsichtig“, gibt Webster seinem Sohn mit auf den Weg. „Ich bin ja nicht Axel. Ich kann ja fahren“, feixt dieser und setzt seinen Helm wieder auf. Sydney Webster seufzt „Bruderliebe“. Denn dass auch sein jüngerer Sohn Axel fahren kann, ist offensichtlich. Um genau zu sein, hat der 15-Jährige seinen zwei Jahre älteren Bruder sogar längst überholt. Zwar kann Liam noch mit dem Deutschen Meistertitel von 2011 und dem 3. Platz in der Meisterschaft 2014 aufwarten, doch Axel holte 2013 den Europameistertitel in seiner Klasse, ist dieses Jahr sogar Deutscher Meister geworden und wurde von der Sportschule zum Eliteschüler des Jahres gewählt. Obwohl er bei der diesjährigen Weltmeisterschaft in Rotterdam gleich zu Beginn stürzte, gilt er dennoch zurzeit als die größte BMX-Nachwuchshoffnung Deutschlands.

Kind mit gebrochener Hand

Für den Sport zog Familie Webster von Südafrika nach Deutschland. Vater Sydney ist Südafrikaner, Mutter Nicole Deutsche. Auf der Sportschule in Cottbus haben ihre beiden Söhne beste Bedingungen: Sie wohnen im Internat vor Ort, trainieren zwei Mal am Tag – und arbeiten den verlorenen Unterrichtsstoff nach wichtigen Wettkämpfen zusammen nach.

„Als Ausnahmetalent startet Axel teilweise auf Bundesebene eine Altersklasse höher“, erklärt Trainer Ludewig. Denn in seiner Altersklasse habe Axel dieses Jahr nur ein Rennen nicht mit Abstand gewonnen – weil er stürzte. Auf diese Weise kann er wichtige Erfahrungen sammeln und auch mal gegen seinen Bruder antreten. Ernsthafte Verletzungen hatte er dabei bisher nicht. Das ist nicht selbstverständlich. Denn das hohe Tempo und die weiten Sprünge machen die Sportart gefährlich. „Diese Woche war ich schon mit einem Kind mit gebrochener Hand im Krankenhaus, letzte Woche war es ein gebrochener Kiefer und eine gebrochene Schulter“, erzählt Ludewig. Dennoch seien Verletzungen selten ein Grund aufzuhören. Mutter Nicole Webster macht sich deshalb zwar Sorgen, wie Axel zugibt, gleichzeitig sei sie aber der größte Fan. Keine Mutter schreie lauter auf den Wettkämpfen.

Sechs Wochen auf dem Rennrad

Zurzeit befinden sie sich in der Saisonvorbereitung. Die wichtigsten Wettkämpfe wie Deutsche Meisterschaft, Europa- und Weltmeisterschaft finden im Juli statt. Das restliche Jahr wird deshalb auf diesen Monat hin gearbeitet. „Das Rennen wird im Winter gewonnen“, erklären die Websters. Denn das Grundlagentraining sei am wichtigsten. Sechs Wochen auf dem Rennrad mit Trainingslager in Spanien haben sie schon hinter sich. So oft das Wetter es zulässt, wird draußen gefahren, denn in der kleinen Übungshalle können nur die Starts trainiert werden. Außerdem machen die Schüler ein exakt auf sie abgestimmtes Krafttraining.

Obwohl ihre Eltern in Spremberg wohnen, sehen die Websters sie kaum öfter als Schüler aus anderen Bundesländern. „Zu den Wettkämpfen mitzukommen ist finanziell und zeitlich meistens nicht drin“, bedauert Sydney Webster. Allein 10.000 Euro würden sie im Jahr für die Reisen der Brüder ausgeben. Gute BMX-Räder aus Carbon kosten 3500 Euro. „Ohne Sponsoren geht da gar nichts.“ Auf den bunten Radfahrermonturen prangen deshalb die Logos verschiedener Hersteller.

Von Cottbus nach Tokio

Die Schüler und Lehrer der Sportschule ersetzen die Familie zeitweise. Die elf Jungen und ein Mädchen auf dem Platz scherzen miteinander und verstehen sich. Die Stimmung ist gut. Und auch das Verhältnis zwischen den Brüdern ist trotz aller Konkurrenz gelassen.

„Professionell fahren ist mein Zukunftstraum“, sagt Axel. Das ist in Deutschland aber meist nur gefördert möglich, wie Trainer Ludewig betont. „Bei der Bundeswehr oder der Bundespolizei könnte das was werden.“ Die werden sich das vielleicht nicht entgehen lassen, denn 2016 ist Axel für Olympia noch ein Jahr zu jung. Doch 2020 in Tokio könnte er dabei sein.