Köln - Lina Mikaelson postet auf ihrem Instagram-Account Fotos eines friedlichen schlafenden, Babys in rosafarbener Jacke mit Schnuller im Mund. Darunter ein Bild von einer Kleiderstange mit vielen winzigen rosafarbenen Strampelanzügen, auf dem steht: „Alle Kleider für Emilia.“ Es gibt auch ein Foto von Lina Mikaelson, wie sie lächelnd ein schlafendes Baby im weißen Kleid auf dem Arm hält. Bilder von stolzen Eltern mit ihren Nachwuchs sieht man häufig auf Instagram. Doch Emilia ist kein echtes Baby. Emilia ist eine Puppe. Und Lina Mikaelson, die nur auf Instagram so heißt, eine sogenannte „Reborn Mum“.

Die Puppen sollen so echt wie möglich aussehen

Diese Frauen kümmern sich um täuschend echt aussehende Baby-Puppen wie um eigene Kinder. Von der Nuckelflasche bis zum Babybett haben sie alles an Ausstattung, was man für Babys braucht. Sie schieben sie im Kinderwagen durch die Stadt, ziehen sie an und gehen mit ihnen einkaufen. „Reborn“ bedeutet wiedergeboren, für die ersten Exemplare wurden alte Spielpuppen neu gestaltet. Die Puppen kann man ab etwa 200 Euro im Internet bestellen, mit oder ohne Haare, Junge oder Mädchen, mit weißer oder schwarzer Haut. Für hochwertigere Exemplare muss man bis zu 1000 Euro bezahlen.

Anders als herkömmliche Puppen sehen sie echten Babys zum Verwechseln ähnlich und werden auch so angepriesen: „Das Nines D´Onil Rebornbaby ist das süßeste Geschöpf, das Sie sich vorstellen können. Es wird in aufwendiger Einzelfertigung in reiner Handarbeit in Spanien für Sie gefertigt. Sie werden begeistert sein! Das Baby ist unglaublich realistisch und lebensecht modelliert. Die zarten Fingerchen und die süßen Füßchen sind einfach nur hinreißend. Das weiche Vinyl wird mehrfach von Hand eingefärbt und die Verwendung echter Kristallglasaugen sorgen für einen unnachahmlich liebevollen Gesichtsausruck. Der Körper ist so schwer wie einem richtigen Kind!“, heißt es zum Beispiel bei Galerista, einem Shop für Puppen und Teddybären. Die Puppenbauerin Nadine Glocke stellt die künstlichen Babys sogar individuell nach den Wünschen der „Eltern“ her. 

Weniger psychische Probleme mit den Puppen

Meist sind es Frauen, die sich eine Reborn-Puppe kaufen. Sie leben auf diese Weise Muttergefühle aus, die sie im echten Leben nicht haben können oder wollen. Manche Frauen haben ein eigenes Kind verloren und kümmern sich nun um eine Puppe, die nach dem Vorbild ihres verstorbenen Babys angefertigt wurde. Unter Psychologen ist das sehr umstritten. Einige meinen, dass Frauen so den Tod des eigenen Kindes besser bewältigen können, andere glauben, dass die Trauer mit dem künstlichen Ersatzbaby nur verlängert werde.

Vielen Frauen helfen die Puppen dabei, Depressionen und Panikattacken zu überwinden. So war es auch bei Lina Mikaelson. Auf Neon erzählt sie ihre Geschichte. Die 22-Jährige hatte sich schon länger ein „Baby“ gewünscht, um das sie sich kümmern kann. Die Verantwortung für einen echten Menschen wollte sie aber noch nicht übernehmen. Seit ihrer Kindheit habe sie mit psychischen Problemen und Panikattacken zu kämpfen. Mit Emilia fühle sie sich besser: „Es ist schwer zu verstehen, aber wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich um jemanden kümmern muss, um jemand anderen als mich selbst, dann geht es mir besser", sagte sie Neon. Als Kind wurde Mikaelson von ihrer eigenen Mutter vernachlässigt und lebte in verschiedenen Kinderheimen und Pflegefamilien. Diese Erfahrungen setzen ihr heute noch zu, wie sie Neon erzählte.

Auf YouTube berichten „Reborn Mums“ von ihrem Alltag

Bei YouTube gibt es unzählige Videos, in den Reborn-Mütter von ihrem Alltag mit „Baby“ erzählen. Da ist zum Beispiel Mary, die sich stolze „Mami“ von sechs Babys und zwei Kleinkindern nennt. Auf ihrem YouTube-Kanal „Little Reborn Nursery“ berichtet sie über ihr Leben mit den Puppen und schreibt: „Mir ist bewusst, dass es sich bei meinen Mäusen um Puppen handelt und sie zu keiner Zeit echte Kinder ersetzen können. Dennoch haben sie mir in der Vergangenheit in vielen schweren Lebenssituationen geholfen und helfen mir auch heute noch bis zu einem gewissen Maße Mama sein zu dürfen.“

In den Communities finden Reborn-Mütter Verständnis und Anerkennung und können sich unter Gleichgesinnten austauschen. Im echten Leben werden sie dagegen nicht immer ernst genommen, manchmal sogar angefeindet. Viele Menschen finden es verstörend, dass erwachsene Frauen sich um Puppen kümmern.

Lina Mikaelsons Freund und ihre Pflegeeltern akzeptieren ihr Hobby, weil es ihr damit besser geht und sie keinem schadet, erzählt sie auf Neon. Momentan spare sie auf eine zweite Puppe, wieder ein „Mädchen“. Es soll Aaliyah Aurel heißen.

Die Fotografin Karolina Jonderko hat in Großbritannien und Polen Frauen fotografiert, die sich um Reborn Puppen kümmern. Hier geht es zur Bildergalerie.