Zwei langstielige, beigefarbene Lilien liegen auf dem Babysarg. Der ist weiß lackiert und kaum länger als 50 Zentimeter. Den Deckel ziert ein Kranz bunter Wiesenblumen. Ein Mitarbeiter des St.-Michael-Friedhofs in Berlin-Mariendorf trägt den Sarg an  die äußere Begrenzung des Gräberfelds.  Dort befindet sich die letzte Ruhestätte des namenlosen Babys, das beerdigt werden soll. Das getötete Mädchen war am Silvestertag  des vergangenen Jahres in die Babyklappe des Krankenhauses Neukölln gelegt worden. Zwei Schwestern entdeckten den  toten Säugling. Das Mädchen  war unbekleidet und  nicht fachgerecht abgenabelt. Sicher ist aber so viel: Es hat nach der Geburt gelebt.

Den Tränen nah

Zusammen mit einem Kollegen versenkt der  Friedhofsmitarbeiter  den Sarg  in der Erde.  Die Trauergesellschaft, die der Zeremonie beiwohnt,  ist nicht groß. Fünf  Frauen und ein Mann aus der Gemeinde  St. Theresia  vom Kinde Jesu sind dabei,  zwei Mitarbeiter vom zuständigen Jugendamt.  Sie wohnen von  Amts wegen der Beerdigung bei.

Den Gottesdienst  hat zuvor der katholische Pfarrer Thorsten Daum gehalten. Er hat von Liebe gesprochen und von Angst. Und auch davon, dass keiner die Beweggründe der Mutter kenne, die sie bewogen haben, sich auf diese Art und Weise von ihrer Tochter zu trennen. Er hat   Gott um Barmherzigkeit gebeten. „Wir sind erschüttert und den Tränen nah“, hat der Pfarrer gesagt. „Wir trauern um ein unschuldiges Kind, das nur ein paar Stunden leben durfte.“ Die Mutter, egal, wo sie  sei, brauche viel Kraft, um solch ein Schicksal zu ertragen.  Mit dem Wiegenlied „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“ endet der Gottesdienst.

17 Hinweise, keine heiße Spur

Vier bewaffnete Polizisten in Zivil  wohnen der anschließenden Beerdigung ebenfalls bei, zwei Frauen und zwei Männer. Sie hoffen, dass sich die Mutter des Kindes sehen lässt. Die Polizei weiß nicht, wer sie ist. 17 Hinweise sind eingegangen. Eine heiße Spur war nicht dabei. Lediglich ein Hinweis beschäftigt noch die Polizei. Nachdem das Kind gegen zwei Uhr  in die Klappe gelegt worden  war, verließ ein dunkles Auto das abgelegene Krankenhausgelände.  Ob es dabei einen Zusammenhang gibt, steht noch nicht fest. Die von der Staatsanwaltschaft  ausgesetzte Belohnung von 5000 Euro hat bisher nichts bewirkt.

Den Termin der Trauerfeier hatte die Polizei  bewusst veröffentlicht.  Das passiert nur dann, wenn es Chancen gibt, dass sich die Mutter auf dem Friedhof sehen lässt. Das klappe äußerst selten, sagen die Fahnder. Die Mütter schickten eher ihre Mutter oder einen anderen Verwandten. Dennoch: Wir versuchen alles,  um solche Fälle aufzuklären, sagen die Polizisten.

Dass das Mädchen erst jetzt beerdigt wurde, liegt daran, dass besondere Isotopenuntersuchungen lange dauern. Kompliziert ist der Fall auch deshalb, weil das Kind unbekleidet war. Die meisten Spuren werden in solchen Fällen auf der Kleidung sichergestellt.

In der Nähe des Grabes des namenlosen Mädchens befindet sich die Ruhestätte eines weiteren Säuglings.  Der war am 14. Oktober vergangenen Jahres in einer Grünanlage am Neuköllner Weichselplatz entdeckt worden. Der Fall ist ebenfalls nicht aufgeklärt.