Berlin - Noch bis Sonntag ist der Chansonnier Tim Fischer im Tipi am Kanzleramt live zu erleben. Anlässlich seines 30-jährigen Bühnenjubiläums stellt der 46-jährige Berliner mit vierköpfiger Band seine neue Doppel-CD „Zeitlos“ (Sony) vor. Demnächst sieht man ihn auch wieder als Schauspieler in der dritten Staffel der Erfolgsserie „Babylon Berlin“. Im Interview erzählt er, was ihn derzeit beruflich beflügelt.

Herr Fischer, wie feiern Sie Ihr Jubiläum bei Ihren Shows?

30 Jahre ist ein guter Aufhänger, um 30 Lieder aufzuführen. 15 alte Nummern, aber in komplett neuen Arrangements. Und dann will ich dem Publikum auch Frisches von neuen Chanson-Schreibern präsentieren, die ein großes Spektrum an Facetten haben – Lieder mit gepfefferten Pointen bis total berührend. Der Tenor ist natürlich positiv, denn aus dem Gröbsten bin ich raus. Ich breche nicht mehr zusammen, wenn ich mich mal unglücklich verlieben sollte.

Der Titelsong „Zeitlos“ stammt aus Ihrer eigenen Feder.

Ich dachte, ich trau mich das mal nach 30 Jahren! Ich habe früh in meiner Karriere hochkarätige Lieder von Georg Kreisler und Friedrich Hollaender gesungen. Das machte es mir lange Zeit schwer. Denn dadurch merkte ich schnell, dass Songschreiben ein richtiges Handwerk ist, für das man auch Talent haben muss. Unser Bandleader Oliver Potratz, der die Komposition gemacht hat, machte mir Mut. Wir haben dann gleich noch eine Revue-Nummer im 20er-Jahre-Stil für „Babylon Berlin“ geschrieben. Ich singe das Lied in meiner Rolle als schillernder Barbesitzer Ilja Tretschkow in der nächsten Staffel. Das sind Entwicklungen, die mich unheimlich beflügeln.

Sie meinen Ihre Rolle in der Serie „Babylon Berlin“.

Ich freu mich darüber. Ich wurde eingeladen zum Vorspielen, weil man mich als Typ passend fand. Und dann waren man glücklicherweise auch gleich von meiner Darstellung überzeugt. Es ist etwas sehr besonderes, mit einem Regisseur wie Tom Tykwer zu drehen. Und „Babylon Berlin“ ging um die Welt: Ich habe sogar Post aus Japan gekriegt.

In der Serie müssen Sie sich doch wie Zuhause fühlen.

Es kommt mir alles sehr vertraut vor, ja. Für mich ist es wie eine Zeitreise in die 20er-Jahre, die ich ja nicht erlebt habe – vielleicht kann ich mich auch nur nicht mehr dran erinnern und war doch schon damals unterwegs. Ich schließe nichts aus! Auf jeden Fall hatte ich immer eine große Affinität zu dieser Zeit. In den Filmstudios Babelsberg hatten sie ganze Straßenzüge nachgebaut, das war schon sehr beeindruckend. Genauso wie der Klamottenfundus.

Tim Fischer im Wunderland?

So ungefähr. Es ist schon faszinierend, wenn man zur Anprobe kommt und durch riesige Räume geht, die voll sind mit Anzügen aus jener Zeit. Es gab einen Bereich ausschließlich für Unterwäsche aus den 20er-Jahren. Da kommt dann gleich so eine Atmosphäre aus dieser Zeit rüber. Man bewegt sich auch ganz anders, wenn man diese Klamotten trägt. Auf einmal siehst du Leute, die eben noch in Jeans reinkamen, und stellst erstaunt fest: „Huch, der sieht ja jetzt wirklich so aus wie von damals!“

Haben Sie gleich geahnt, dass „Babylon Berlin“ ein großer Erfolg wird?

Nein, ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Was ich aber wusste war, dass dieser Einblick in die 20er überhaupt nicht abgegessen ist. Man kennt den Film „Cabaret“, wo es in die Richtung geht, aber es war damals so eine ergiebige, krasse Zeit. Es wurde sehr viel Wert auf alles Feine gelegt. Ästhetisch war es toll. Aber man sieht auch Parallelen zu heute.

Wie meinen Sie das?

Es gab auf der einen Seite Glamour und Dekadenz, auf der anderen Seite die Armut der Menschen. Auch damals erstarkte der Nationalsozialismus. Heute ist es die AfD, die so stark wird. Von daher finde ich, dass diese Serie einen gewissen warnenden Aspekt mitliefert. Die 20er- und 30er-Jahre waren eine schnelle, heiße Zeit. Im Grunde genommen ist es dann in einen Dornröschenschlaf zurückgekippt mit dem Aufkommen der Nazis; alles Bunte und Schillernde wurde weggewischt und ausgerottet. Gerade auch in der Chanson- und Kabarett-Kultur. Das waren ja vornehmlich jüdische Autoren, die dieses Genre belebt und zu dem gemacht haben, worauf wir heute so bewundernd zurückblicken. Dieser jüdische Witz und Humor, diese Raffinesse und dieser tolle Umgang mit der Sprache – das konnten die Juden einfach wahnsinnig gut.

Tut die Serie was für Berlin?

Es schafft auf jeden Fall bei Menschen ein Bewusstsein dafür, was Berlin einmal war. Wenn man zum Beispiel auf dem Ku’damm ist, gibt es dort kaum noch ein altes Café. Ich habe diese Cafés noch kennengelernt: In dem alten Café Möhring kam man sich vor wie in einem Palast, wenn man eintrat. Dort spielte ein Pianist am Flügel, und es war noch die Grandezza der Großstadt zu spüren. Das verschwindet immer mehr von der Bildfläche. In jedem alten Kino oder Café sind heute Billig-Modeketten untergebracht. Dadurch werden die Städte langsam aber sicher austauschbar. Man spürt nicht mehr so richtig, ob man in der Shoppingmeile des Hamburger Flughafens ist oder dem Kudamm. Ich finde, da müsste es von der Stadt eine Art Kulturpflege geben.

Aber ist es nicht überall so?

Es bleibt leider kaum einer Stadt erspart. Aber wenn man nach Wien kommt, da findet man auch noch das alte Wien. Da sollte Berlin vielleicht ein Stück weit selbstbewusster sein und zeigen: Wir sind das hier, und das ist unsere Geschichte. Ich glaube, dass das ein sehr großer Anreiz für Menschen sein kann, die nach Berlin kommen.

Wo trifft man Sie in Berlin?

Ich bin vor einem halben Jahr nach Wilmersdorf umgezogen. Ich wohnte vorher in Mitte, aber es ist nicht mein Pflaster, es ist mir wirklich zu viel Tourismus. Ich fühle mich im alten Westen viel wohler, weil ich auch immer auf der Suche nach dem Berlinerischen bin. Ich mag es total, wenn ich eine richtige Berliner Eckkneipe finde wie das „Willi Mangler“ in Schöneberg, wo etwas gewachsen ist, und wo man auch noch mal Leute Berlinern hört.

Das gefällt Ihnen?

Das ist der Grund gewesen, warum ich nach Berlin gegangen bin, weil mir das sympathisch ist. Das Vorurteil, dass Berliner immer so unfreundlich und schroff sind, kann ich gar nicht bestätigen. Der Berliner ist direkt, aber hat das Herz am rechten Fleck. Ich finde es im Übrigen auch ganz nett, wenn man noch ein Lokal findet, wo man Linsensuppe mit Würstchen essen kann, in der kein Ingwer drin ist. Vielleicht werde ich auch langsam zum maulenden Rentner.

Haben Sie in Wilmersdorf etwas neu für sich entdeckt?

Die Wilhelmsaue kannte ich bisher nicht. Das ist wunderbar. Im Sommer merkt man dort noch, dass die Bäume Sauerstoff abgeben. Für mich muss es eben nicht immer aufregend und hip sein. Ich mag einfach das normale Berlin.