Die Plastikblumen dürfen nicht fehlen, und auch nicht die Kaffeesahne in diesen Plastiktöpfchen, die aussehen wie Astronautennahrung. In dem Bäckerei-Café, in dem ich die Zeit bis zu einer Verabredung überbrücke, sind sie geformt wie kleine Nieren. Wenn man zwei zusammensteckt, hat man einen Kreis.

Als ich damit fertig bin, habe ich nichts mehr zu tun. Es gibt auch nicht viel zu sehen in solchen Bäckerei-Cafés, die oft nicht mal einen Namen haben. Die gar nicht mal wenigen Gäste sitzen allein oder zu zweit und reden leise. Oder schweigen. Der Kaffee ist lang und dünn. Filter. Dazu gibt es Blechkuchen für 2,30 Euro. Blaubeerschnitte. Mandarinenschnitte. Kirschstreuselschnitte. Mit einem Kaffee kostet jede Schnitte nur 3,50 Euro. 

Alle Anwesenden wirken friedlich und bei sich

Die Dame im Geblümten hat das Angebot wahrgenommen. Daneben sitzen zwei Männer, essen Bockwurst zum Kaffee. Auch ein Angebot, wie der Plastikaufsteller auf dem Tisch verrät. Zwei Euro. Kaffee und Bockwurst als Gedeck, das gibt es nur in Bäckerei-Cafés. Aber dort darf es nicht fehlen auf der Karte, wie das „kleine Frühstück“. Zwei Schrippen, Käse, Wurst, Konfitüre, Butter, ein Ei. Die Karte steckt hochkant in einer Plexiglashalterung, und die steht auf einem Deckchen mit Herbstmotiven. Eingerahmt von Süßstoff, Teelicht im bedruckten Glas und Plastikblumen.

Von irgendwo dudelt schlimme Radiomusik, aber so leise, dass es keinen stört. Überhaupt wirken alle Anwesenden zufrieden und bei sich. Der Mann hinter der Theke mit den Blechkuchen begrüßt und bedient mit stiller Höflichkeit, und wenn er gerade nicht begrüßen und bedienen muss, hat er immer was zu tun.

Es ist warm. Mir wird ganz friedlich zumute. Woran das wohl liegt? Ich glaube, es ist so: Weil Bäckerei-Cafés ohne Namen sind, wie sie sind, muss niemand, der hier reinkommt, anders sein, als er ist.

Das „Aneurysma“ Hauptstadt für eine Weile vergessen

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich in Düsseldorf mit einem Mann, der oft geschäftlich nach Berlin muss. Während wir am Rhein sprachen, fanden in Berlin mal wieder zwei oder drei Großveranstaltungen gleichzeitig statt. Wir kamen darauf, weil in Düsseldorf wegen eines Straßenfestes die Bahn umgeleitet wurde. Durcheinander entstand, so vorhersehbar wie harmlos. Nichts im Vergleich zu dem, was zur gleichen Zeit in Berlin abging. Der Mann sagte, an solchen Tagen sei die Hauptstadt ein Aneurysma, das jeden Moment platzen kann.

Das Bild geht mir seitdem nicht aus dem Kopf, und es taucht nicht nur an „solchen Tagen“ auf. Sondern immer, wenn ich spüre, wie sie zappelt, zuckt und pumpt. Immer, wenn ich sehe, wen Berlin alles beheimatet, und wer alles noch nach seinem Platz sucht. Immer, wenn ich wahrnehme, was die Stadt alles sein will oder sein soll. Wenn sie selbst nicht weiß, wo ihr Platz ist.

In solchen Cafés, die nichts sein wollen außer ein Ort, an dem es warm ist, der Kaffee lauwarm, vielleicht sogar mit Bockwurst dazu, kommt sie zu sich. In solchen Cafés ist mehr Stadt drin als überall, wo „urban“ draufsteht. Und man kann das Aneurysma eine Weile vergessen.