Berlin - Der Hochsommer legt zwar gerade eine Pause ein, doch im Juni waren Berlins Bäder so voll wie lange nicht. „Schwimmbäder sind die kleinen Paradiese der Großstadt“, sagt Bianca Tchinda, die Vorsitzende des Verbandes der Berliner Bäderbesucher. Ein Gespräch über ihre Lieblingsbäder, die verschiedenen Nutzer und ihr Hadern mit den Berliner Bäderbetrieben (BBB).

Frau Tchinda, hinter uns liegen heiße Tage, die Schlangen vor den Freibädern waren lang, die Becken voll. Trafen bei Ihrem Verband viele Beschwerden ein?

Im Sommer leiden diejenigen besonders, die sportlich schwimmen wollen. Das bekommen wir natürlich auch bei den Rückmeldungen zu spüren. Viele unserer Mitglieder wünschen sich dauerhaft geleinte Bahnen in Freibädern, damit dort sowohl sportliches wie gemütliches Schwimmen möglich ist.

Wie groß ist denn der Anteil derjenigen, die sportlich schwimmen?

Die nicht in Vereinen organisierten Sportschwimmer und -Schwimmerinnen sind die mit Abstand größte Nutzergruppe der Berliner Bäder. Aber für sie fehlt in unserer Stadt der Blick. Sie haben keine Lobby und deshalb immer häufiger auch keine Wasserzeiten in den Berliner Bädern.

Ihr Verband hat sich in der Vergangenheit für geleinte Bahnen stark gemacht, offenbar erfolgreich. Im Prinzenbad beispielsweise gibt es in dieser Saison auch mehr davon.

Einerseits können wir da Erfolge verzeichnen. Andererseits ist es eine Eigenheit der Berliner Bäderbetriebe, dass bei größerem Besucherandrang die Leinen entfernt werden. In einigen Sommerbädern – etwa in Mariendorf oder in Gropiusstadt – werden geleinte Bahnen konsequent abgelehnt. Das ist sehr ärgerlich. Zu diesem Thema erhalten wir zur Zeit die meisten Beschwerden.

Und wie reagieren die Bäderbetriebe, wenn Sie sie darauf hinweisen?

Unsere Mitglieder ernten auf Social-Media-Plattformen häufig wütende Kommentare von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bäderbetriebe. Sie fordern unsere Mitglieder etwa auf, an warmen Tagen auf das Schwimmen zu verzichten, da solle man nicht so egoistisch sein, andere wollten sich eben nur abkühlen. Wohlgemerkt: Wir sprechen von dedizierten Sportbecken!

Mal abgesehen von den Sportschwimmern: Was ärgert die anderen Besucher der Bäder am häufigsten?

Wir führen darüber keine Statistik, aber unsere Erfahrung sagt: die unzulänglichen Öffnungszeiten, also dass das Bad in der Nähe nicht verlässlich geöffnet ist. Insbesondere ältere Menschen können keine langen Wege durch die Stadt auf sich nehmen, um schwimmen zu gehen. Nach Ansicht der Politik ist es hinzunehmen, dass der einfache Weg zum nächsten Bad 30 Minuten beträgt.

Und das ist in Ihren Augen zu viel?

Ja. Die vom Berliner Senat durchgeführte Sportstudie hat ebenfalls ergeben: die Berlinerinnen und Berliner wünschen sich ein offenes Bad in Wohnortnähe.

Neben privat betriebenen Angeboten wie dem Badeschiff, dem Stadtbad Prenzlauer Berg oder dem Strandbad Schmöckwitz gibt es in Verantwortung der BBB 36 Schwimmhallen für die Öffentlichkeit, zehn Sommerbäder, zwei Kinderbäder sowie ein Strandbad. Dazu zwei Einrichtungen exklusiv für Vereinen sowie zehn verpachtete Strandbäder. Ist das nicht genug?

Aktuell sind es auf jeden Fall zu wenige, die verlässlich und ausreichend lang geöffnet sind. Wenn die Sommerbäder ihre Öffnungszeiten ausdehnen würden, könnte zumindest für Entlastung gesorgt werden. Zusätzlich müssten mehr Hallen geöffnet bleiben. Dann würde man eine bessere Situation schaffen, als sie heute herrscht.

In welchen Bezirken sehen Sie die größten Lücken, wo mangelt es den Berlinern an wohnortnahen Bädern?

In Treptow gibt es nur die Halle am Baumschulenweg und sie steht der Öffentlichkeit nur eingeschränkt zur Verfügung. In Zehlendorf wird das einzig kommunale Bad am Hüttenweg hauptsächlich von Schulen und Vereinen genutzt. Friedrichshain verfügt nach der Schließung des Holzmarktstraßen-Halle über gar kein öffentliches Bad mehr.

Fünf Strandbäder sind mit neuen Pächtern in die Saison gestartet. Machen sie ihre Sache gut?

Das kann man nach so kurzer Zeit nicht beurteilen. Es wäre unseriös, jetzt Dinge anzuprangern oder voreilig zu loben. Jeder hat eine Chance verdient. Erst am Ende der Saison, vor allem aber 2020 wird sich zeigen, ob Gäste wiederkommen.

Mitte Juni begann das größte Sanierungsprojekt der BBB seit langem: Das Stadtbad Tiergarten wird für über zwölf Millionen instandgesetzt. Zwei Jahre ist die Halle zu. Nächstes Jahr beginnt die Sanierung des Spreewaldbades. Insgesamt 60 Millionen Euro wollen die BBB in den nächsten drei Jahren investieren. Schön, oder?

Erstmal ist es positiv, dass das Thema Sanierung nun angegangen wird. Zugleich ist das Stadtbad Tiergarten eines der zentralsten Bäder der Stadt. Da muss man sich schon fragen: Warum wurden nicht Alternativlösungen gesucht, um die bisherigen Nutzerinnen und Nutzer auch während der Sanierung zu versorgen?

Die angekündigten Ausweichmöglichkeiten – Traglufthalle in der Seestraße etwa – existieren noch nicht, ob sie zum angekündigten Zeitpunkt fertiggestellt sind, würde ich nicht beschwören wollen.

Was hätten Sie anders gemacht?

Aus anderen Städten kennt man Lösungen wie: Bau einer einfachen Halle für die Überbrückungszeit, Entscheidung für kompletten Abriss und Bau eines konsequent neuen, energetischen Bades. Diese Alternativen wurden aus unserer Sicht nicht ausreichend erörtert. Wir freuen uns, wenn die Halle in zwei Jahren runderneuert öffnet, würden aber keine Wette darauf abschließen, dass das in dem Zeitrahmen wirklich klappt.

Wären längere Öffnungszeiten in den bestehenden Bädern für die Bauphase eine Lösung? Oder haben Sie andere Ideen?

Selbstverständlich wären längere Öffnungszeiten in den verbleibenden Bädern angezeigt. Weitere Vorschläge unsererseits: realistische Planung der benötigten Flächen durch Schulen und Vereine. Aktuell kommt es vor, dass Bäder komplett wegen einiger weniger Nutzer für die Öffentlichkeit gesperrt sind. Aus vielen anderen Kommunen kennt man eine gemeinsame Nutzung der Bäder von der Öffentlichkeit und von anderen Gruppen.

Außerdem erwarten wir, dass auch in Berlin – wie fast in allen Kommunen der Republik – Vereine für die Nutzung der Bäder einen finanziellen Beitrag leisten müssen. So könnte verhindert werden, dass Wasserfläche reserviert, aber nicht genutzt wird. Schließlich schwimmen laut Sportstudie des Senats nur 6,6 Prozent der Berlinerinnen und Berliner im Verein!

Für die Berliner Bäderbetriebe wird derzeit ein neuer Chef oder eine neue Chefin gesucht. Andreas Scholz-Fleischmann ist im April in Rente gegangen, aktuell führt die bisherige Finanz-Managerin Annette Siering die Geschäfte. Was muss die neue Führungskraft mitbringen?

Erst mal ein Wort zur alten: Wir möchten uns bei Herrn Scholz-Fleischmann bedanken. Er war der erste Bäderbetriebechef, der erkannt hat, dass man mit den Bäderbesucherinnen und Bäderbesuchern aller Nutzergruppen reden muss. Es laufen jetzt Gespräche auf Bezirksebene, sie sind noch sehr ausbaufähig, aber der Anfang ist gemacht.

Und was ist dem neuen Bäderchef oder der Bäderchefin?

Er oder sie braucht unbedingt Unabhängigkeit. Unter keinen Umständen ein Lobbyist oder eine Lobbyistin einer Nutzergruppe. Jemanden, der die Beschäftigten begeistern kann und gleichzeitig Kundenwünsche in den Mittelpunkt der Arbeit stellt. Jemand mit Visionen, mit der Bereitschaft eingetretene Pfade zu verlassen.

Es ist gar nicht so wichtig, dass die neue Führungskraft aus dem Bädergeschäft kommt. Viel wichtiger als das ist Glaubwürdigkeit und Kommunikationsfähigkeit, Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen gegen die Berliner Trägheit.

Im Frühjahr sollte eigentlich endlich das neue Bäderkonzept vorliegen, aber dann hat Andreas Geisel als zuständiger Senator um Aufschub bis Ende November gebeten. Was erwarten Sie sich von dem Konzept? Was muss es in jedem Fall leisten?

Es muss ermöglichen, dass Berlinerinnen und Berliner in Wohnortnähe schwimmen können, dass Bäder verlässlich geöffnet haben und spontane Schließungen die absolute Ausnahme sind.

Hat Berlin genug Vielfalt bei den Schwimmhallen? Oder werden an Ihren Verband verstärkt Wünsche nach Spaßbädern oder Thermen herangetragen?

Der Tenor der Zuschriften ist: Berlin braucht keine kommunalen Thermen. Wenn Berlin sich Spaßbäder oder Thermen leisten will, freut uns das. Zunächst muss aber die Grundversorgung, also Schwimmflächen für diejenigen, die sich gesundheitsorientiert sportlich betätigen wollen, gesichert zur Verfügung stehen.

Am Tarifsystem wurde in der Vergangenheit mehrfach geschraubt. Wie finden Sie die aktuelle Lösung mit Guten-Morgen-, Basis-, Haupt- und Abendtarif? Und der Unterscheidung der Hallenbäder in die normalen und die (teueren) freizeitorientierten?

Wir halten die Tarife immer noch für zu kompliziert. Man sieht es täglich an den Schlangen an Sommerbädern. Dort nimmt die Beratung zu viel Zeit in Anspruch. Ein besonderes Problem ist das Sozialticket.

Was gibt es damit für Probleme?

Wir halten es für diskriminierend, wenn Menschen mit Berlinpass nur von 10 bis 14.30 Uhr ihre Karte lösen und das Bad nur bis 15 Uhr nutzen können. Es gibt Aufstockerinnen und Aufstocker, die arbeiten. Ihnen wird das Schwimmen so unmöglich gemacht. Wir erwarten, dass das Sozialticket ganztägig und vor allem auch in Sommerbädern erhältlich ist.

Mal abgesehen davon, dass durch den limitierten Zugang eine große Anzahl Hallenbäder mit dem Sozialticket gar nicht nutzbar ist, schlicht weil sie im Zeitraum der Gültigkeit für zahlende Bäderbesucher*innen unzugängig sind.

Mit einer neuen App der Bäderbetriebe kann man sich über Veränderungen bei seinem Stammbad informieren lassen. Funktioniert sie nach Ihrer Beobachtung?

Über den neuen Zeitfilter in der App haben wir uns sehr gefreut. Eine enorme Verbesserung. Leider funktioniert der Filter nicht korrekt. Es gibt außerdem nach wie vor spontane Änderungen, die man nicht zuverlässig in der App findet. Außerdem werden weiter einige Fehlinformationen zu Öffnungszeiten verbreitet.

Andere Infos, beispielsweise zur Ausstattung, findet man dort leider gar nicht. Unser Ziel ist aber, dass man eine solche App nicht mehr braucht, jedenfalls nicht, um sich über spontane Schließungen zu informieren.

Was ist Ihr Lieblingsbad?

Entschuldigen Sie, dass ich lache. Diese Frage wird mir so oft gestellt und die Antwort ist stets dieselbe: Immer das Bad, in dem ich gerade war oder bin. Beeindruckt bin ich immer wieder. Wir haben innerhalb unserer Stadtgrenzen eine wunderbare Vielfalt an Bädern. Nicht nur die vom größten Bäderbetrieb Europas betriebenen Bäder. Schwimmbäder sind die kleinen Paradiese der Großstadt.

Haben Sie nicht doch einen Geheimtipp?

Das älteste noch in Betrieb befindliche Flussbad... Aber wo es ist, müssen Sie selbst herausfinden.