Das neue Logo der Stadt Berlin.
Quelle: Berliner Senat

BerlinZwei Berliner an einem Tisch, mindestens drei Meinungen über den Zustand der Welt en gros und en detail. Dieser uralte Witz, den man auch über Juden, Iren, Israelis, Griechen, Polen, New Yorker usw. kennt, findet schnell seine Bestätigung, wenn es um den „neuen“ Berliner Bären und schon gar um das neue Berliner Stadtwerbe-Motto „#WirSindEinBerlin“ gehen soll: Sieht dämlich aus, grinst debil, lacht freundlich. Der Spruch sei eine Vergewaltigung der deutschen Schriftsprache, unlesbar – aber twittergerecht. Und was soll das heißen – #WirSindEinBerlin? Einigkeit täte eben not. Nein, Einigkeit sei unberlinisch.

Einig ist man sich am Tisch eigentlich nur über eins: Die Stadt und ihre Stadtoberen haben derzeit größere Probleme als eine neue Imagekampagne. Auch das Werk der Marketingagentur Jung von Matt/Spree könne nicht vertuschen, dass ungeklärt sei, wie bei kaltem Wetter und steigenden Corona-Zahlen der Schulunterricht stattfinden kann. Außerdem: Mit Bären-Wappen solle man nicht spielen – Wappen- und Sprachbilder sind nämlich keine Design-Nebensächlichkeit. Sie vermitteln teils über Jahrhunderte reichende Botschaften darüber, wie sich eine Gemeinschaft nach außen darstellen will. Man sollte also auch genau hinsehen, wie sich Berlin in seiner neuen Kampagne zeigt. Eine inhaltliche Begründung fehlt auch bei der Neugestaltung des Berliner Werbebären weitgehend. Man habe, wird vom Senat mitgeteilt, eine Umfrage gemacht, bei der „die Berliner“ sich mehr Frische im Stadtlogo gewünscht hätten.  Da muss ein anderer Tisch befragt worden sein als der oben erwähnte.

Dem neuen Berliner Bären fehlen flatternde Zunge und das Krallenband an den Füßen, die klassischen Wappensignale von Widerständigkeit und Selbstbehauptung, bewahrt seit etwa 1280 durch alle Jahrhunderte hohenzollerischer Herrschaft, selbst zu Zeiten der Nazis und der DDR, in West-Berlin und nach 1990. Brust und Rücken sind in einer S-Kurve zusammengespannt. Die kräftige Brust ist weg, auch der muskulöse Rücken nun smart und glatt. Der Doppelbogen wird bis zum Hinterbein geführt, der wie ein Frack lang abgeschnitten ist. Das andere Bein biegt sich im gleichen Segmentbogen nach vorne. So steht der Bär fest, aber auch unbeweglich. Die Arme sind in breiterem Winkel voneinander nach vorne gestreckt, wie in einem Wedeln erstarrt. Dahin ist bis in das Teddy-Öhrchen jegliche Aggression – obwohl die einem stehenden Bären eigentlich eigen ist.

Kurz und senatsfreundlich gesehen: netter Kerl, kumpelig, lachend aggressionslos und standfest. Kurz und kritisch gesehen: Vor uns steht ein krallenloser, zahnloser, erstarrter und muskelschwacher Grinse-Bär im affigen Preußen-Frack.

Trotzdem, man kann sich an dieses entwaffnete Tatzentier im Frack gewöhnen wollen. Zumal das selbstbewusstere Stadtsiegel und das Stadtwappen nach aktuellem Stand der Dinge unangetastet bleiben sollen, selbst unter diesem umbenennungsfreudigen rot-rot-grünen Senat. Schlichtweg indiskutabel ist aber der neue Werbespruch „#WirSindEinBerlin“, den sich Berlin nach zwölf Jahren „BeBerlin“ zulegt. Das löste auch schon Fremdschämen aus, war geklaut von Amsterdam, war grauenhaftes Englisch, aber signalisierte immerhin Traditionsbewusstsein: Komm her und mach Berlin zu dem, was du denkst, was es sein soll. Egal, was andere glauben, was Berlin sein soll. Das ist die Botschaft, von der Berlin seit dem 18. Jahrhundert lebt, mit der es sich von ehrwürdigeren Städten wie Köln, Dresden, Hamburg, Leipzig, Stuttgart oder Brandenburg a. d. Havel unterscheidet. Hier zählt nur das Neue, oder wenigstens die Bereitschaft, Neues zu wagen.

Der neue Spruch dagegen ist viel zu lang, zu kompliziert, zu eindeutig. „Die Berliner“, heißt es, hätten sich mehr Gemeinsamkeit im Stadtlogo gewünscht. Aber wieso müssen sich aus Schwaben und Syrien gekommene Einwanderer einig sein, was Berlin ist, oder mehr als 70-jährige, die 41 Jahre ihres Lebens im jeweils anderen Berlin gelebt haben, um hier an einer Stadt zu bauen? Und wieso eigentlich steht da ein Strich wie die Berliner Mauer zwischen Bär und Berlin? Weg damit, gebt uns Vieldeutigkeit. Offenheit. Und einen Bären mit Zähnen und Krallen.