Berlin - Normalerweise muss Charlotte Hopf dafür sorgen, dass Engelfiguren glänzen, Mosaike komplett sind und Bauschäden ausgebessert werden. Kurz gesagt: Sie ist als erste Dombaumeisterin in Berlin dafür verantwortlich, dass der Dom gut in Schuss ist. Doch jetzt hat die 35-Jährige noch eine weitere Aufgabe: Sie muss hin und wieder Schnaps kaufen, um ihn den Arbeitern auf der Baustelle der U-Bahn-Linie 5 zu bringen.

Hopf ist die Patin des 1,6 Kilometer langen Tunnels, der nun entsteht – und die Beschaffung hochprozentiger Alkoholika (natürlich nach der Arbeitszeit) gehört zu ihren Pflichten. Als am Donnerstag der Beginn der Tunnelbohrung gefeiert wurde, übernahm die Architektin ihr Ehrenamt.

Jeden Morgen muss Charlotte Hopf auf einer schmalen Wendeltreppe 137 Stufen steigen, um in ihr Büro im Südwestturm des Doms zu kommen. Doch die Mühe lohnt sich. Denn dort hat sie einen prachtvollen Blick auf die Stadt – und auf die U-5-Baustelle. Schon öfter stand sie am Fenster und schaute hinüber.

Vor der Hacke ist es duster

„Ich bin begeistert von der Technik und der Planung dieses aufwändigen Bauwerks“, sagt Hopf. Auch der Berliner Dom werde von dem Lückenschluss zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor profitieren: Er erhält endlich einen U-Bahn-Anschluss. Der U-Bahnhof Museumsinsel entsteht nebenan.

So war es für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) fast zwangsläufig, Hopf zu fragen, ob sie Tunnelpatin werden will. Die Dombaumeisterin, die unter dem Bauhelm einen Zopf trägt, sagte zu. „Besser hätten wir es nicht treffen können“, sagte Sigrid Evelyn Nikutta, die Chefin des Landesunternehmens.

Charlotte Hopf ist nun die irdische Stellvertreterin von Sankt Barbara, Schutzpatronin der Bergleute (übrigens auch der Totengräber und Gefangenen). Damit muss sie vierteljährlich dort unten vorbeischauen, gern auch mit Kaffee und Kuchen. „Außerdem bin ich verpflichtet, immer gute Laune mitzubringen“, weiß Hopf inzwischen.

Die Tunnelpatin für den ersten Abschnitt der U-5-Verlängerung, die damalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, nahm ihr Ehrenamt ernst. Sie erschien schon mal mit selbstgebackenem Kuchen auf der Baustelle.

Ein Gast der Feier hat Erfahrung mit Patinnen: Hany Azer, der den Bau des Eisenbahntunnels in Berlin leitete. Man sah ihm an, dass er gern wieder Projekte vom Kaliber U 5 betreuen würde – etwa am BER.

Die erste Amtshandlung der Patin des Tunnels Charlotte I war noch relativ einfach. Am Donnerstag um 10.42 Uhr schnitt Hopf eine grüne Schnur durch – und eine Sektflasche zerschellte an der Wand der Baugrube an der Rathausstraße.

Dort hängt auch ein Schrein mit einer Barbara-Statue. Ein jahrhundertealter Brauch, den die Tunnelbauer heute noch ernst nehmen. Denn trotz aller Technik: Vor der Hacke ist es duster, sagen sie – im Untergrund lauern viele Gefahren.

Klaus Wowereit beklagt Baulärm

„Wir bauen im märkischen Sand“, sagt die BVG-Chefin. Wo sich die Schildvortriebsmaschine von Montag an durchwühlen wird, steht das Grundwasser hoch und es gibt Findlinge – der erste Granitbrocken mit einer Kantenlänge von 3,5 Metern wurde schon gefunden. Die Maschine kann bis zu 60 Zentimeter große Findlinge mit einer Zange erledigen, für größere Fälle wird die Fahrt gestoppt. Der Tunnel entsteht in einem dicht bebauten Gebiet, die Maschine kommt auch dem neuen Schloss sehr nahe. Sensoren schlagen sofort Alarm, wenn Gefahr dort.

„Die BVG hat noch nie ein so großes Bauwerk realisiert“, so Nikutta. 433,2 Millionen Euro sind für die 2,2 Kilometer lange Neubaustrecke veranschlagt, drei U-Bahnhöfe entstehen. „Doch am Ende wird man uns danken, dass wir täglich schätzungsweise bis zu 150.000 Fahrgäste in diesen Teil der Stadt bringen wird“, so die Chefin. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hofft, dass die U 5 wie geplant Ende 2019 fertig wird. Vor dem Rathaus gebe es „riesigen Baulärm“.