Berlin - Sie wollen nur spielen. Doch der Deutschen Bahn (DB) wäre es lieb, wenn die Berliner Krähen nicht ausgerechnet am schönen, teuren Glasdach des Hauptbahnhofs herumspielen würden. Leider gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Rabenvögel die Sorgen der genervten Bahnmanager zu Herzen nehmen. Sie finden die zum Teil porös gewordenen Dichtungen einfach viel zu interessant, um nicht nach Herzenslust daran zu picken – mit der Folge, dass es im Bahnhof durchregnet. Auch am gestrigen Donnerstag standen auf dem Bahnsteig zwischen den Gleisen 11 und 12 wieder Pfützen. Bei der DB war von "militanten Krähen" die Rede. So viel steht fest: Natur in der Stadt macht nicht immer nur Freude.

Beispiele gibt es in Berlin reichlich. In Straßencafés machen sich Spatzen laut schilpend über Muffins und anderes Backwerk her, bis zartbesaitete Touristinnen entsetzt das Weite suchen. In den Außenbezirken graben Wildschweine in mühevoll gepflegten Ziergärten ungeniert nach Blumenzwiebeln und anderen Spezialitäten. Der Trend zur energetischen Sanierung ruft Spechte auf den Plan: Sie klopfen auf hohl klingenden Dämmplatten herum, weil sie dahinter leckere Larven und Käfer vermuten. Und nun die Krähen: Erst fielen sie über die Dachfugen des Olympiastadions her, jetzt über die des schicken, vor fünfeinhalb Jahren eröffneten Hauptbahnhofs.

Poröse Fugendichtungen

"Das Problem ist uns bekannt", seufzte ein Bahnsprecher. Einige Fugendichtungen seien porös geworden – "und die Krähen vergrößern die Undichtigkeiten, indem sie daran herumpicken". Vogelschützer kennen derlei Klagen schon. "Wenn Krähen etwas zum Spielen gefunden haben, sind sie sofort dabei", sagte Anja Sorges, Geschäftsführerin des Naturschutzbunds (Nabu) Berlin. Gut möglich, dass sich lose gewordene Dichtungsstränge im Wind bewegen. So etwas macht die intelligenten Vögel neugierig – und dann sei meist kein Halten mehr. Dann muss gezupft, genagt und gepickt werden. Hunger sei nicht im Spiel, nur der Spaß an der Freud.

Dass Krähen besonders in der kalten Jahreszeit auffallen, hat seinen Grund. "Dann ziehen viele vom Land in die Städte, weil es dort mehr Nahrung gibt", sagte Sorges. Allen voran der Nachwuchs, der sich noch nicht verpaart hat. Wahrscheinlich waren es "Junggesellentrupps", die sich über den Hauptbahnhof hergemacht haben. Die Bahn hat nicht nur in ihren Zügen ein Halbstarkenproblem, das ihr Vandalismusschäden beschert. Auch in knapp 17 Metern Höhe über den Bahnsteigen 11 bis 16 muss sie mit Angriffen rechnen.

Krähen lassen sich nicht vertreiben

Das Ost-West-Dach, dessen mehr als 9 000 Scheiben aus Verbundsicherheitsglas von insgesamt 85 Kilometer langen Stahlseilen stabil gehalten werden und auf 321 Metern Länge für Wetterschutz sorgt, gilt als technisches Meisterwerk. Doch gegen neugierige, verspielte Krähen ist es offenbar nicht gefeit. Wer nun an Selbstschussanlagen oder Vogelscheuchen denkt, befindet sich auf dem falschen Gleis. "Krähen lassen sich nicht vertreiben", sagte Anja Sorges. Es gebe nur eine Lösung: "Der Eigentümer muss das Dach in Ordnung bringen, so dass sich dort nichts mehr im Wind bewegt."

Genau das sei geplant, sagte der Bahnsprecher. "Wir sind bestrebt, die Schäden zu reparieren. Aber dafür brauchen wir trockene und nicht zu kalte Witterung" – was die Chance, dass die porösen Dichtungen noch in diesem Winter erneuert werden, leider verringere.

Bleibt die Hoffnung auf wärmere Zeiten: "Für das Frühjahr 2012 ist eine große Inspektion des Daches über dem Hauptbahnhof vorgesehen. Spätestens dann werden wir das Problem beheben" – und dann müssen sich die Krähen einen weniger exklusiven Spielplatz suchen.

Der Bahnsprecher hat übrigens auch privat ein Problem mit den dunkel gefiederten Vögeln. Um Krähen auf Abstand zu halten, ließ er auf dem Dachfirst seines Hauses Vogel-Spikes, auch als Taubenspitzen bekannt, montieren. "Doch die Krähen ziehen die Spitzen wieder heraus", klagte er. Manchmal ist der Mensch gegen die Natur machtlos. Nicht nur am Hauptbahnhof.