Die letzten Münzen gebe ich der Trommlerin am Hamburger Hauptbahnhof. Angezogen wie viele andere von der Kraft ihrer Schläge, die man selbst von weitem nicht nur hört, sondern spüren kann, im Brustkorb. Wumm! Wumm! Bähm-Bähm-Bähm! Dagga-dagga-dagga-dagga-dang! Was für eine Energie. Ihr Gesicht bleibt völlig unbewegt, während sie spielt, als sie ob alle Konzentration für die Drums braucht und also keine Ressourcen hat für so etwas wie Mimik.

Doch gerade von dieser nach innen gekehrten Diszipliniertheit geht etwas Hypnotisches aus, so dass ich um ein Haar die baldige Abfahrt des Zuges vergesse. Es kostet mich Überwindung, das Kleingeld in die Mütze zu werfen und zu gehen. Ich muss ihr alles geben, eine Art Entschuldigung vor mir selbst, dass ich nicht länger zuhöre. 

Trommelwirbel im Kopf

Der Obdachlose, der mich kurz darauf bittend ansieht, hat das Nachsehen, nickt aber müde ein „schon okay“ oder so. Immerhin besitzt der Mann ohne Feuerzeug, der wortreich erklärt, wann und wo er seines wohl verloren habe, jetzt wieder eins. Ich hatte zwei. Er hält es im Weggehen jubelnd hoch wie einen Pokal oder als hätte ich ihm 100 Euro geschenkt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er kurz darauf einem Rollstuhlfahrer die Zigarette anzündet. Der sagt irgendwas, worauf ihn der Mann, dem jetzt mein Feuerzeug gehört, in die Schulter boxt. Der Rollfahrer boxt zurück. Gibt es eigentlich einen Film, der komplett am Bahnhof spielt? So einen Episodenfilm, in Echtzeit? Und wenn nicht, warum nicht?

Ankunft Berlin. Von meiner Trommelwirbelstimmung ist nicht viel übrig. Irgendwas war mit der Klimaanlage los, der Kopf drückt von innen an die Augen und ich fühle mich erschöpft, als wäre ich die ganze Strecke gelaufen und nicht läppische zwei Stunden Zug gefahren. Der Motz-Verkäufer, der auf mich zusteuert, kann dafür nichts, trotzdem fällt mein Kopfschütteln abweisender aus als ich es beabsichtige. 

„Hauptsache, die Leute sind freundlich, oder?"

„Eine kleine Spende für die Obdachlosen?“ fragt er, mein mürrisches Selbstmitleid weise ignorierend und mit einem Grinsen, in dem jeder zweite Zahn fehlt. Alles an ihm ist rund und knubbelig: Die Statur. Die rote Nase. Der Kopf und der Bommel auf der Mütze. „Tut mir leid, ich hab leider…“ stammle ich, da wird sein Grinsen breiter: „Eine große Spende?“ Wieder will ich zu Erklärungen ansetzen, wieder ist er schneller: „Oder ein bisschen flirten? Das kostet nichts.“ Er sagt das derart kokett, dass ich lachen muss, Kopfweh hin oder her.

Dann darf ich endlich loswerden, dass und warum ich kein Kleingeld habe. Er schüttelt seinen Bowlingkugelkopf, tätschelt onkelig meine Schulter und ruft: „Hey, so war das doch nicht gemeint. Hauptsache, die Leute sind freundlich, oder? Freundlichkeit ist doch das, was zählt, oder? Das einzige, oder? Gute Fahrt! Und lass Dich nicht von der Bahn ärgern!“ Im Weggehen dreht er sich noch einmal um und winkt. Wie soll man sich nach so viel knubbliger Freundlichkeit ärgern. Und sie kostet nicht mal was.