Ganz schön voll: In den Regionalzügen zwischen Berlin und Brandenburg drängen sich immer mehr Fahrgäste. Allein auf der Strecke nach Cottbus ist ihre Zahl von 2009 bis 2014 um 41 Prozent gestiegen. Mehr Wagen müssen her, fordern sie. Und anderswo setzen sich Bürger für neue S-Bahn-Strecken ein. Wie kann der Bahnverkehr mit dem Wachstum der Region Schritt halten? Das lässt Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) jetzt untersuchen. Die länderübergreifende Studie soll 2016 fertig sein. Konkrete Ideen gibt es schon. So schlägt S-Bahn-Chef Peter Buchner vor, Nauen und Velten ans S-Bahn-Netz anzuschließen. „Das wäre aus unserer Sicht sinnvoll“, sagte er am Donnerstag.

Wer wissen will, worum es geht, sollte sich mal in einen Zug der Regionalexpresslinie RE 2 setzen, die Wismar mit Berlin und Cottbus verbindet. Sie ist fast immer gut ausgelastet. Nicht nur immer mehr Pendler und Einkaufsbummler aus Brandenburg nutzen die grüngelben Züge der Ostdeutschen Eisenbahn, die Tempo 160 fahren. Auch viele Berliner sind mit von der Partie – zum Beispiel Seniorenticketbesitzer, die zum Essen in den Spreewald reisen. Fahrzeit: knapp eine Stunde.

S-Bahn-Chef will bis Velten fahren

„Der RE 2 ist ein Erfolg“, sagte Ministerin Schneider, die für den Regionalverkehr in der Hauptstadt-Region zuständig ist. Wurden auf dem Abschnitt Berlin–Cottbus 2009 montags bis freitags noch im Durchschnitt 4600 Reisende pro Tag gezählt, waren es im vergangenen Jahr schon rund 6500. Der positive Trend gilt für den gesamten Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg: Für 2014 verzeichnet der Verkehrsverbund VBB dort einen Fahrgastzuwachs um zwölf Prozent.

„Die Steigerungsraten zeigen uns, dass unsere Strategie richtig ist. Das ist doch schön!“ meinte Schneider. „Stellen Sie sich vor, wir hätten viel Geld investiert, und die Züge blieben leer. Die Fahrgäste strömen in die öffentlichen Verkehrsmittel. Für uns ist das ein Zeichen, dass wir gut gearbeitet haben.“ Doch nicht alle Fahrgäste teilen ihre Euphorie.

„Die Verkehrsmittel in Berlin und dem Speckgürtel werden immer voller“, sagte Frank Böhnke vom Deutschen Bahnkunden-Verband. Oft wird gefordert, die Kapazität zu erhöhen – auch mit neuen S-Bahn-Strecken. Oben auf der Wunschliste steht eine Fortführung der S 25 über Teltow Stadt hinaus nach Stahnsdorf. Dafür machen sich die Bürgermeister stark. In Rangsdorf setzt sich ein Verein für die S-Bahn ein.

S-Bahn-Chef Peter Buchner bekräftigte seinen Vorschlag, die S-Bahn über Spandau hinaus ins Havelland zu verlängern – über Falkensee, Finkenkrug und Brieselang nach Nauen. „Dorthin gibt es nur zwei Gleise, die mit Fern- und Regionalverkehr ausgelastet sind. Das ist zu wenig“, sagte Buchner der Berliner Zeitung. Er stellte eine weitere Idee vor: Sinnvoll wäre es auch, eine Weiterführung der S-Bahn von Hennigsdorf nach Velten ins Auge zu fassen. In beiden Fällen würden dicht besiedelte Umlandgebiete besser an Berlin angeschlossen.

Buchner weiß, dass im Havelland viele Lokalpolitiker die S-Bahn ablehnen. Mit ihr dauerten die Fahrten zu lang, lautet deren Argument. Im Gegenteil: Für viele Fahrgäste, die heute noch umsteigen müssen, werde die Reise kürzer, sagte er. „Wir bieten mehr Direktverbindungen und einen direkten Anschluss zum Ring,“ Aber drohe nicht Konkurrenz zum Regionalverkehr? „Zwischen Berlin und Nauen könnten die jetzigen Regionalbahnen entfallen. Nur der RE 2 würde bleiben – aber nicht mehr wie jetzt in Falkensee halten.“

Hängepartie ist noch nicht zu Ende

„Es kann nicht nur darum gehen, dass auf allen Strecken ins Umland die rot-gelben Züge der S-Bahn fahren“, sagte Schneider. „Es geht um die Mobilität insgesamt, um die sinnvolle Verknüpfung von Regionalbahnen, S-Bahnen und Bussen. Was die Wünsche von Bürger und Verbänden anbelangt, werden nicht alle Bäume in den Himmel wachsen können.“ Die Politiker müssten sich auch immer fragen: „Was können wir bezahlen?“ Die Länder finanzieren jede einzelne Regionalzug- und S-Bahn-Fahrt mit Geld vom Bund. Wie hoch dessen Regionalisierungsmittel künftig ausfallen, ist weiterhin unklar. Schneider: „Die Hängepartie ist noch nicht zu Ende.“

Doch anders als für ihre Vorgänger sind Erweiterungen des S-Bahn-Netzes für die Ministerin kein Tabu mehr. „Wenn in einem Einzelfall die S-Bahn als beste Lösung eingeschätzt würde, wäre dort eine Erweiterung des S-Bahn-Netzes ins Land Brandenburg nicht ausgeschlossen. Die S-Bahn könnte dann in einem solchen Fall durchaus eine Option sein“, sagte sie. „Sonst würden wir uns nicht so detailliert mit den Möglichkeiten befassen.“