Bahn-Streik : Was Berliner Pendler jetzt wissen müssen

Die Fahrgäste der Berliner S-Bahn müssen von Dienstagabend bis Mittwochmorgen mit Zugausfällen und großen Verspätungen rechnen. Grund dafür ist ein bundesweiter Streik der Lokführer, zu dem die Gewerkschaft GDL von 21 bis 6 Uhr aufgerufen hat. Auch der S-Bahn-Verkehr soll nach Angaben der GDL in den Ausstand einbezogen werden.

Bereits Stunden vor dem offiziellen Streikbeginn um 21 Uhr informierte man per Lautsprecher die Kunden im Bahnhof Berlin-Alexanderplatz über die Ausfälle. Um 21 Uhr fuhr dann die letzte S-Bahn vor dem Streik, kurz darauf der letzte Regionalzug. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahnsteig aufgrund der vielen Ankündigungen bereits verwaist.

Kein Schienenersatzverkehr für S-Bahn

Die S-Bahn Berlin empfahl ihren Kunden auf ihrer Internetseite, sich vorsorglich U-Bahn-, Tram- und Busverbindungen zu suchen, auf die sie im Streikfall ausweichen könnten. Die BVG kündigte an, in den Morgenstunden mit einem verstärkten Einsatz von U- und Straßenbahnen auf den Streik reagieren zu wollen. Einen Schienenersetzverkehr für bestreikte S-Bahn-Strecken wird es jedoch nicht geben. „Wir können die S-Bahn nicht ersetzen“, erklärt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Pro Zug mit seinen 1000 Plätzen wären zehn Busse nötig. So viele Reserven seien nicht vorhanden. Zudem, sagt Reetz, würden die Busse in dem vermutlich ohnehin schon deutlich dichteren Berufsverkehr die Straßen gänzlich verstopfen.

Zusätzliche U- und Straßenbahnen

Über die genauen Einsatzstrecken der zusätzlichen Züge will die BVG Mittwochfrüh entscheiden. Vermutlich werden aber die U5, U6 und U8 sowie M2, M4 und M5 häufiger fahren. Auf den Straßenbahnstrecken könnten zudem Doppeltraktionen, also Gespanne aus zwei Straßenbahnen mit dann vier statt zwei Wagen, eingesetzt werden, erklärt Reetz. Das Unternehmen habe seine Mitarbeiter vor Ort und auch die Straßenbahnfahrer könnten melden, wenn es an bestimmten Orten zu Engpässen kommt. „Bisher können wir nur erahnen, wo verstärkt Fahrgäste auflaufen und für welche Fahrtrouten sie sich entscheiden werden“, sagt die BVG-Sprecherin.

Berufspendlern empfiehlt sie sich bereits vorab, über mögliche Fahrtrouten zu informieren. Auf der Internetseite der BVG ließen sich auch Verbindungen explizit ohne S- und Regionalbahnen suchen. „Vielleicht stoßen Fahrgäste so auf Routen, auf die sie sonst nicht gekommen wären.“ Dennoch müsse jeder Fahrgast damit rechnen, dass die Fahrt länger dauern werde als normal.

RE2 und RE4 voraussichtlich mit Normalbetrieb

Auf den Regionalbahnlinien RE2 (Cottbus – Wismar) und RE4 (Jüterborg-Stendal) sowie auf den Verbindungen von Lichtenberg nach Frankfurt/Oder werden die Züge voraussichtlich weitgehend normal verkehren. Dies erwartet zumindest Arnulf Schuchmann, Geschäftsführer der ODEG, die diese Strecken bedient. Die Lokführer der ODEG streiken nicht.

Schuchmann hofft, dass bei den Streikenden genug „Anstand“ da ist, die Züge an den Rand zu fahren, damit andere Anbieter, die das Streckennetz nutzen, nicht behindert werden: „Wir können aber natürlich nicht zu hundert Prozent ausschließen, dass uns jemand einen Zug in den Weg stellt.“ In diesem Fall werde die ODEG aber jegliche Rechtsmittel ausnutzen. Fahrgäste auf den Strecken der ODEG sollten jedoch trotzdem etwas mehr Zeit einplanen. Durch das erwartet höhere Fahrgastaufkommen und die damit verbundenen länger Ein- und Ausstiegszeiten seien Verspätungen möglich, sagt Schuchmann.

Pro Bahn kritisiert GDL

Kritik am Streik äußerte der Fahrgastverband Pro Bahn. „Das Vorgehensweise der GDL ist aus Fahrgastsicht nicht akzeptabel“, sagt Sprecher Gerd Aschoff, der betont, dass sich sein Verband bisher aus dem Streit herausgehalten hatte. Nun erwartet er jedoch gravierende Auswirkungen für die Bahnkunden. Besonders stört sich Aschoff an der kurzen Vorwarnzeit und fehlenden Informationen zu den genauen Orten des Streiks: „Wir wollen einen Vorlauf von wenigstens 24 Stunden und eine genaue Ankündigung, wo und im welchem Umfang gestreikt wird, damit sich die Fahrgäste darauf einstellen können.“

Aschoff hofft, dass möglichst viele der bestreikten Züge in größeren Bahnhöfen anhalten werden, damit die Reisenden gegebenenfalls Alternativen nutzen oder sich wenigstens versorgen können. Allerdings seien diese auch irgendwann voll. Konkrete rechtliche Vorgaben, wo die Züge im Streikfall stoppen dürfen, gäbe es nicht. Nur auf offener Strecke sei nicht erlaubt.

Einzelne Verspätungen bereits vor 21 Uhr

Wie bereits bei den Warnstreiks im September ist es auch diesmal möglich, dass einzelne Züge bereits vor 21 Uhr stehen bleiben würden, erklärten DB und GDL unisono. Die Bahn rechnet mit massiven Auswirkungen des Streiks in Berlin. Die Masse der Züge werde still stehen, vermutet ein Sprecher. Der Anteil der GDL-Mitglieder unter den Berliner Lokführern liegt nach Gewerkschaftsangaben noch über dem bundesweiten Schnitt von 80 Prozent. Zudem gibt es hier im Gegensatz zu den westdeutschen Bundesländer kaum verbeamtete Lokführer, die von der Bahn für einen Notbetrieb eingesetzt werden könnten.

Dennoch versuche das Unternehmen einzelne Züge fahren zu lassen, insbesondere in den ländlichen Regionen, in denen keine Alternativen bestünden, erklärt der Sprecher. Auch bei S-Bahn sollen einzelne Züge verkehren. Welche Strecken diese bedienen, könnten Kunden auf der aktuell auf der Seite der S-Bahn erfahren. Wo möglich, empfiehlt er Pendlern jedoch den Umstieg auf die Angebote der BVG.

Auch am Morgen nach 6 Uhr ist nicht mit regulärem Verkehr zu rechnen

Für den Abend empfiehlt der Sprecher von Pro Bahn, möglichst vor 21 Uhr zuhause zu sein, um nicht unterwegs zu stranden: „Die Situation sei für den Einzelnen oft unübersichtlich und prekär. Denn Hinweis gäbe ich sonst nie, aber fahren Sie da nicht mit dem Zug.“ Da auch am Morgen nach 6 Uhr nicht mit regulärem Verkehr zu rechnen sei, sollten sich Pendler, sofern dies möglich ist, vorab informieren, ob ihr Zug fährt oder nicht.

Auch wenn die GDL-Lokführer am Mittwoch ihre Arbeit ab 6 Uhr wieder aufnehmen, wird es noch Stunden dauern, bis der Bahnverkehr wieder im Normalbetrieb läuft, denn viele Züge sind dann nicht an ihren eigentlichen Einsatzorten. Im Fernverkehr werde dies jedoch länger dauern, als bei der S-Bahn, erklärte ein DB-Sprecher. Bei der S-Bahn sei es ja vor allem wichtig, dass die Strecken überhaupt wieder bedient werden. Durch die doch enge Taktung sei es dort auch nicht so schlimm, wenn die Züge noch nicht ganz planmäßig fahren würden. (mit tr, dpa)

Viele Bahnkunden fragen sich, wie sie sich vorbereiten können, die wichtigsten Fragen und Antworten von unserem Wirtschaftskorrespondenten Stefan Sauer: