Bahnbranche besorgt: TU Berlin könnte Fachgebiet Bahnbetrieb einstellen

Die deutsche Schienentechnik-Branche fürchtet einen Verlust an wissenschaftlicher Kompetenz am Standort Berlin: Sie ist in Sorge darüber, dass die Technische Universität demnächst das Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb in der Fakultät Verkehrs- und Maschinensysteme aufgeben könnte.

An diesem Mittwoch soll der Fakultätsrat in einer öffentlichen Sitzung entscheiden, ob das Fachgebiet eine neue Professur zugesprochen bekommen wird und damit fortbestehen kann – oder aber ein Ende findet. Der bisherige Leiter, Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Siegmann, wird im September 2017 in den Ruhestand gehen.

Vor dem Hintergrund bestehender Sparauflagen in der TU könnte dies zur Aufgabe des in der Branche geschätzten Fachgebietes führen.

„Weltweiter Spitzenstandort“

In dem Schreiben an den Präsidenten der TU, Christian Thomsen, sowie an den Dekan der Fakultät, Henning Meyer, heißt es, dass die Eisenbahnlehre aus Sicht der Branche „zu einem wichtigen und zukunftsweisenden Schwerpunkt der TU Berlin“ zähle, dessen Erhalt die Unterzeichner „nachdrücklich empfehlen“.

Denn die Bedeutung des Standortes ist für die Branche groß. Entsprechend hoch sei daher auch der Bedarf an Expertise und passgerecht ausgebildeten Ingenieuren, betonen die Verfasser. Berlin sei ein „weltweiter Spitzenstandort unserer Branche“. Große Unternehmen beschäftigen hier Tausende Mitarbeiter. Bombardier Transportation als „global agierendes Systemhaus für Eisenbahnfahrzeuge und -technik“ habe seine internationale Konzernzentrale in Berlin sowie einen wichtigen Produktions- und Entwicklungsstandort in Hennigsdorf, heißt es in dem Schreiben.

Die Deutsche Bahn AG sei das größte europäische Bahnunternehmen und ein weltweit führendes Mobilitäts- und Logistikunternehmen. Stadler Pankow verfüge über einen zentralen Entwicklungs- und Produktionsstandort in Berlin. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg sei einer der größten Verkehrsverbünde Europas. Zudem hätten zahlreiche Dachverbände der Branche hier ihren Sitz. Mit der Branchenmesse InnoTrans finde zudem alle zwei Jahre die internationale Leitmesse für Schienenverkehrstechnik in der Hauptstadt statt.

Die Unterzeichner betonen ausdrücklich, dass die mit dem Schienenverkehr verbundenen Dienstleistungen und Industrien „ein Aushängeschild und strukturprägend für die Hauptstadtregion“ seien. Vor diesem Hintergrund würden die Branchen- Unternehmen und Institutionen eine enge Zusammenarbeit mit den relevanten Lehrstühlen der TU Berlin, darunter mit dem Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb, pflegen.

„Wichtiger Attraktivitätsfaktor“

Neben wissenschaftlichen Impulsen und Projekten sowie gemeinsamen Forschungsaufgaben würden unter anderem auch Kooperationen bei Studien- und Abschlussarbeiten von der Nähe von Unternehmen und Wissenschaft profitieren. Zudem sei die Perspektive, bei führenden Unternehmen der Branche nach dem Studium arbeiten zu können, „auch ein wichtiger Attraktivitätsfaktor für Studierende“.

Da die Bedeutung des öffentlichen Personennahverkehrs und der Schiene in Zukunft weiter wachsen werde, halten die Branche und die beteiligten Verbände „den bahntechnischen Schwerpunkt für eine zukunftsweisende und besondere Stärke der TU Berlin“.

Deshalb gehe der Appell an die TU, eine Schwächung dieses Profils zu vermeiden. Nachdrücklich wird empfohlen, diese Ausrichtung zu erhalten oder auszubauen.

Verfasst haben den Brief führende Unternehmen der Branche sowie wichtige Institutionen. Er ist unterzeichnet vom Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, von der Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Evelyn Nikutta, vom Geschäftsführer Stadler Pankow, Ulf Braker, und von Susanne Kortendick aus der Geschäftsführung von Bombardier Transportation.

Ebenso haben die Vertreter des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland, des VBB Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Aufgabenträger des Schienenpersonennahverkehrs sowie der Allianz pro Schiene unterschrieben.

Die Bahnindustrie beschäftigt in Deutschland insgesamt etwa 52.000 Menschen, der Jahresumsatz lag zuletzt bei mehr als zwölf Milliarden Euro.