An diesem Mittwoch startet ein Experiment, das es noch nicht gegeben hat – und an dem viele Menschen in Deutschland teilnehmen wollen. Für nur neun Euro im Monat dürfen bundesweit alle Nahverkehrsmittel genutzt werden. „Der Run ist groß. Bislang haben schon sieben Millionen Menschen das 9-Euro-Ticket gekauft“, sagte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) am Dienstag. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) hat die Zahl die 500.000er-Marke überschritten. Doch es gibt weiterhin Kritik an der Aktion. Der Bahnexperte Christian Böttger, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, bezeichnete sie als „Unfug“.

„In der Ukraine-Krise bringen wir etwas Neues und Besonderes auf den Weg, das die Bürger entlastet und ihnen das Angebot macht, Energie zu sparen“, sagte Verkehrsminister Wissing zum Auftakt. „Für uns ist es eine soziale Frage“, erklärte die Bremer Mobilitätssenatorin Maike Schaefer (Grüne). Wenn Autofahrer einen Tankrabatt bekommen, müssten auch die Nahverkehrskunden entlastet werden.

Für neun Euro pro Monat durch ganz Deutschland reisen – das ist in Juni, Juli und August möglich. Das Angebot gilt bundesweit für den gesamten Nahverkehr. Dazu zählen U- und S-Bahnen, Straßenbahnen, Linienbusse in Städten und Landkreisen sowie einige Fähren. Auch Regionalbahnen und Regionalexpresszüge dürfen genutzt werden. Das trifft auch für einige wenige Fernzüge zu, die bisher schon Fahrgästen mit Regionaltarifen offenstanden. Fernzüge in Berlin und Brandenburg sind aber nicht dabei.

Prognose: 30 Millionen Menschen werden das 9-Euro-Ticket nutzen

Zum einen profitieren die Stammkunden. „Die Kunden, die bereits klimafreundlich unterwegs sind“, wie Maike Schaefer sagte. Auch wer in Berlin und Brandenburg bereits eine Jahreskarte oder ein Abo besitzt, etwa für die Umweltkarte, das Semester- oder Seniorenticket, darf damit automatisch durch ganz Deutschland reisen. „Wir haben sichergestellt, dass diese Tickets bei Kontrollen bundesweit anerkannt werden“, sagte Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), am Dienstag. Für Abokunden wird der Preis pro Monat automatisch auf neun Euro abgesenkt, oder der Differenzbetrag wird in den Folgemonaten ausgeglichen.

Zum anderen sollen neue Nutzer angelockt werden, hieß es. „Unser Bestreben ist, aus dem sozialpolitischen auch ein verkehrspolitisches Projekt zu machen. Wir wollen neue Kunden gewinnen und halten“, so Wolff. Er rechnet damit, dass insgesamt rund 30 Millionen Menschen in Deutschland das Angebot nutzen werden – Neukunden und bestehende Stammkunden zusammengenommen.

Die BVG hat schon mehr als eine halbe Million 9-Euro-Tickets verkauft

Wie die BVG am Dienstag mitteilte, seien in anderthalb Wochen bis einschließlich Montag bereits 520.000 9-Euro-Tickets verkauft worden. „Davon rund 400.000 für den Gültigkeitsmonat Juni, die restlichen für Juli und August“, so Jannes Schwentu, der Sprecher des Landesunternehmens. Die Münchener Verkehrsgesellschaft hat schon 150.000 Tickets abgesetzt, die Bremer Straßenbahn rund 50.000, wie Senatorin Schaefer berichtete. „Damit hat bereits ein Zehntel der bremischen Bevölkerung so ein Ticket.“

Oliver Wolff vom VDV erwartet vor allem in Ferienregionen ein „Woodstock im öffentlichen Nahverkehr“ – ein Gedränge wie bei dem legendären Konzert 1969 in den USA. „Die Menschen verabreden sich, um zu reisen. Das wird ein schönes Happening.“ Auf touristisch interessanten Strecken werde es eine „ganz erhebliche Nachfrage“ geben, bekräftigte Verbandspräsident Ingo Wortmann. Er schloss Überfüllungen nicht aus: „Wir können nicht über Nacht mehr Fahrzeuge und Personal bereitstellen.“

„Es ist deprimierend, dass ein politisches System so einen Unfug beschließt“

Christian Böttger rechnet mit großen Problemen zum Beispiel auf Strecken ans Meer. „Was geschieht, wenn am Pfingstmontagabend Tausende Menschen in Rostock oder in Westerland am Bahnhof stehen bleiben müssen und nicht mehr nach Berlin oder Hamburg zurückkommen, weil die Züge zu voll sind?“, so der Bahnexperte zur Berliner Zeitung. „Mit Sicherheit wird es wieder heißen, dass die Bahn es nicht hinbekommt. Doch die Fahrgäste sollten sich lieber bei Ricarda Lang beschweren“ – der Vorsitzenden der Grünen, die dem Vernehmen nach das 9-Euro-Ticket vorgeschlagen hatte.

„Es ist deprimierend, dass ein politisches System so einen Unfug beschließt – und dass die DB, die weiß Gott gerade andere Probleme hat, die Folgen dieser Entscheidung ausbaden muss“, kritisierte der Berliner Wirtschaftsprofessor. Selbst bei der Bahn spreche man von „Chaos“ auf dem Netz. Viele Baustellen senken die Kapazität. „Die Güterverkehrssparte DB Cargo hat kürzlich den Offenbarungseid geleistet und bemüht sich, Verkehr auf die Straße zu verlagern. In so einer Situation durch ein Angebot wie das 9-Euro-Ticket massive Anreize zum Reisen zu setzen, wird sich als fatal erweisen.“

Tankrabatt ist ein „dumme Subvention"

„Mobilität durch Subventionen planlos billig zu machen, ist aus meiner Sicht grundsätzlich unsinnig. Beim 9-Euro-Ticket kommt hinzu, dass das Ganze in einer hektischen Lenkbewegung geschieht, die das System überfordert und die falschen Anreize setzt“, bemängelte der Bahnexperte.

„Die problematische Entscheidung, das 9-Euro-Ticket einzuführen, ist der Kollateralschaden einer anderen problematischen Entscheidung, die ebenfalls in der Nacht getroffen wurde, ohne dass Fachleute hinzugezogen wurden“, sagte Böttger. „Kraftstoffpreis-Subventionen wie der Tankrabatt gelten nicht zu Unrecht als dumme Subventionen. Bei den Benzin- und Dieselpreisen besteht auch gar kein Handlungsbedarf. Inflationsbereinigt befinden sie sich auf dem Stand von 2008.“

Der Tankrabatt wird auch von Umweltverbänden kritisiert. Doch es bleibt dabei: Von diesem Mittwoch an bis Ende August sinkt die Steuerbelastung bei Superbenzin um 35,2 und bei Diesel um 16,7 Cent pro Liter.