Berlin - Der Aushang ist klein und leicht zu übersehen. Doch er steht für das große Ganze: Er zeigt, was aus diesem Bahnhof geworden ist. „Das DB-Reisezentrum Lichtenberg wird ab 21. Dezember geschlossen“, steht da. Anders formuliert: Die einst wichtigste Bahnstation im Osten Berlins hat vom morgigen Mittwoch an keinen Schalter für Fernfahrkarten mehr. Man könnte auch sagen: Dieser Bahnhof hat endgültig an Bedeutung verloren. Eine Geschichte ist zu Ende gegangen.

„Das ist sehr bedauerlich: ein so großer Bahnhof ohne Reisezentrum“, sagt Florian Müller vom Fahrgastverband IGEB. Er arbeitet in der Geschäftsstelle, die sich ebenfalls im Untergeschoss befindet. Vereinsmitglieder treffen sich dort, es gibt alte Fahrpläne und andere Bahnliteratur zu kaufen. Müller hat beobachtet, dass der Abbau der Möbel schon begonnen hat. Bereits seit einiger Zeit säßen die Fahrkartenverkäuferinnen auf einer Baustelle.

Die Deutsche Bahn versucht zu beschwichtigen. „Die vorhandenen Fahrausweisautomaten bleiben weiterhin vor Ort“, sagt ein Sprecher. Das S-Bahn-Kundenzentrum, in dem zumindest Tickets für diese Region zu haben sind, sei weiterhin geöffnet. Ansonsten gebe es das Telefon, das Internet oder die Schalter im Ostbahnhof. „Doch es gibt längst nicht jedes Ticket und nicht jede Ermäßigung im Internet“, weiß Florian Müller. „Und das S-Bahn-Kundenzentrum hat seine Öffnungszeiten schon am Abend verkürzt.“

Das Tor zum Westen

Das Lichtenberger Reisezentrum ist ein kleiner Raum, in den kaum Tageslicht dringt. „Manchmal standen die Fahrgäste bis draußen Schlange, manchmal war gar nichts los“, so Müller. Als sich die Fahrkartenschalter noch im Erdgeschoss befanden, wo heute ein Discounter Jeans für 7,99 Euro verkauft, war der Andrang groß. Alte Fotos zeigen das.

Wer in der Hauptstadt der DDR dienstlich oder privat zu tun hatte, kam in vielen Fällen in Lichtenberg an. Hier drängten sich Urlauber auf der Fahrt an die Ostsee, Armeeangehörige, Bauarbeiter auf dem Weg in ihren Heimatbezirk. Auch einige internationale Züge fuhren hier ab.

Die Biergaststätte „Zum Tender“, die Speisegaststätte „Städteexpress“ und ein Café versuchten, den Ansturm zu bewältigen. 1987 standen täglich mehr als 150 Reisezüge auf dem Plan, und von 175.000 Reisenden pro Tag war die Rede. Für Stammfahrgäste war das Empfangsgebäude, das 1982 eröffnet wurde, bereits eine Verbesserung – auch wenn der Plan, die Gleise und Bahnsteige mit einer Halle zu überdachen, nicht verwirklicht werden konnte. Es fehlte an Material und Arbeitern.

Der alte Bahnhof war nach dem Krieg schon bald viel zu klein geworden. Nachdem der Nordbahnhof an der Invalidenstraße 1952 geschlossen worden war, musste Lichtenberg den Fernverkehr nach Norden übernehmen – und später weitere Verbindungen. Der kleine Ziegelbau mit seinen Zinnen und Schaugiebeln wurde abgerissen. Mit ihm fiel die alte Lichtenberger Brücke.

Der Verkehrsknotenpunkt zog auch Menschen an, die nicht in das offizielle Bild passten. Im niedrigen Zwischengeschoss zwischen U- und S-Bahn trafen sich die „Lichtenberger Bahnhofsbeatles“. Erkennungsmerkmale: Jeans, Pilzkopffrisuren, „Ponys mit Genickwellen, Wallewallelocken“, schrieb der Eulenspiegel 1965. „Mit den bundesdeutschen Gammlern in einen Topf geworfen zu werden, lehnen sie entschieden ab“, so der Autor. Doch diejenigen, die Pilzköpfe für staatsgefährdend hielten, setzten sich durch. „Bahnhofsbeatles“ kamen vor Gericht.

Der Bahnhof war für viele Menschen das Tor zum Westen

Nach dem Mauerfall galt Lichtenberg wieder als Problemzone. In den Zügen aus Südosteuropa saßen nicht länger Urlauber auf der Rückreise vom Schwarzen Meer, sondern Menschen, die der Armut in ihrer Heimat entfliehen wollten. Sie campierten im Bahnhof, Reichsbahner schütteten Salmiak aus, um sie zu vertreiben. Der Nachtzug aus Warschau brachte Polen, die arbeiten und Waren verkaufen wollten, nach Berlin. Über ihn wurde sogar eine Forschungsarbeit verfasst: „Der Schmugglerzug“. Auch die Züge mit Wagen aus Novosibirsk, Riga und Odessa trafen in Lichtenberg ein. Der Bahnhof war für viele Menschen das Tor zum Westen.

Vergessen, vorbei. Heute sind der Euronight Moskau–Paris und der private Locomore-Express nach Stuttgart die letzten Fernzüge in Lichtenberg. Die Bahn spricht von 50.000 Ein- und Aussteigern pro Tag. „Geplant ist ein Aufzug auf Bahnsteig 15/16 am Abgang zur U-Bahn“, teilte eine Sprecherin am Montag mit. Immerhin, es wird gebaut.