Berlin - Die Bankfiliale im Bahnhof Friedrichstraße war schon immer klein. In diesen Tagen ist sie noch kleiner. Stehen drei Kunden im Vorraum, ist er voll. Das liegt an einem Gerüst, das den Raum halbiert. In der Apotheke nebenan müssen die Angestellten über Stangen und Rohre klettern, um an alle Waren zu kommen. Im Supermarkt ist ein Gerüst angebracht, um das die Kunden Slalom laufen, im Telefonladen ist das Lager geschrumpft. In den Gängen vor den Türen der Geschäfte stehen Gerüste, Durchgänge sind gesperrt. Eine Drogerie und eine Bäckerei haben komplett geschlossen.

Schuld am Baustellenbahnhof Friedrichstraße ist ein 25 Kilogramm schwerer Gesteinsbrocken, der am Vormittag des 13. Dezember durch eine Trockendecke hindurch sechs Meter tief ins Erdgeschoss krachte. Nur durch Glück wurde niemand verletzt. Der Bahnhof ist mit 190.000 Reisenden und Besuchern täglich einer der meistfrequentierten Umsteigepunkte Berlins. In den Tagen danach wurden Gerüste aufgestellt, um mögliche weitere abstürzende Teile abzufangen. Auf den Gerüsten liegt als Polsterung Glaswolle, die mit Plastikfolie abgedeckt wurde. Bisher ist jedoch nichts mehr abgestürzt.

Beton an der falschen Stelle

Ursache für den Abbruch ist ein Baufehler: Die Stelle, wo der Eisenträger des Bahnsteigs 4 für Regio- und Fernbahnen auf dem Gleistrog aufliegt, wurde bei der Sanierung des Bahnhofs Ende der 90er Jahre mit Mörtel und Beton ausgegossen. Dabei hätte dort Spielraum gelassen werden müssen, damit der Bahnsteig frei schwingen kann. Die Kräfte wurden so stark, dass der Brocken abplatzte. Jetzt soll ein ein Zentimeter breiter und acht Zentimeter tiefer Schlitz in den Beton geschnitten werden und für Entlastung sorgen.

Das Problem: Es gibt im gesamten Bahnhof 244 solcher Aufleger, das sind 244 potenzielle Gefahrenstellen, wie Hilmar Barthel, Leiter des Bau- und Anlagenmanagement im Regionalbereich Ost der Bahn, am Mittwoch erklärte. In den nächsten Wochen wolle man sich alle Stellen ansehen – und falls nötig Schlitze anbringen. Dafür werden in der Halle noch mehr Gerüste aufgebaut. Warum damals an falscher Stelle Beton gegossen worden sei, weiß Barthel nicht. „Da gehört kein Beton hin. Das ist unerklärlich.“

Derzeit sichten seine Leute die Bauunterlagen, um die Auflagepunkte zu lokalisieren. „Es ist nicht einfach, an die Stellen heranzukommen“, sagt Barthel. An einigen Flächen unter den Gleiströgen befinden sich Treppen, an anderen Zwischendecken, an weiteren Freiraum bis zum Erdgeschoss. Mal kommen die Bauarbeiter von oben, vom Bahnsteig, heran, mal klettern sie über Leitern von unten nach oben. Der Schnitt selber, der mit Säge und Bohrer vorgenommen werde, sei das geringere Problem.

Das ist auch der Grund, warum das Unternehmen keine überbordenden Kosten auf sich zu kommen sieht. „Wir gehen davon aus, dass es kein Millionenschaden ist“, sagt Barthel. Die Aussicht auf Haftung sei gering. Noch habe man die Firmen, die die Arbeiten ausführten, nicht kontaktiert. Erst müsse man herausfinden, wer den Baufehler begangen hat, außerdem seien Gewährleistungsfristen verstrichen.

Im Februar soll die Sichtung abgeschlossen sein. Dann könnten die meisten Gerüste wieder abgebaut werden, verspricht die Bahn.

In der betroffenen Apotheke versucht man das Beste aus dem Stangen-Chaos zu machen. „Apotheke mal anders. Besuchen Sie uns“ steht auf einem Schild auf einer Bretterwand. Dennoch verzeichne man Umsatzeinbußen von zehn Prozent, schon denke man über Mietminderungen nach. Und die Kunden? „Ach, die Berliner sind katastrophenerprobt“, sagt ein Angestellter.