So einfach kann man 25 Euro verdienen. Bei der Bundespolizei melden, sich fotografieren lassen und möglichst häufig im Blickfeld von Überwachungskameras durch den Bahnhof Südkreuz laufen: Mehr muss man nicht tun, um einen Einkaufsgutschein und weitere Belohnungen zu bekommen.

Doch was so verlockend wirkt, hat nach Meinung von Datenschützern und Politikern einen Haken. Am Südkreuz wird eine neue intelligente Videotechnik zur Gesichtserkennung erprobt – das lehnen sie ab. „Gesichtserkennung ist ein massiver Grundrechtseingriff“, sagte Andrej Hunko, Bundestagsabgeordneter der Linken.

„Die Resonanz war gut“

Am Montag hat die Bundespolizei damit begonnen, Freiwillige zu suchen, die sich zur Verfügung stellen. Ab 6 Uhr standen die Beamten in der Westhalle des Bahnhofs Südkreuz. „Die Resonanz war gut“, so Thorsten Peters, Sprecher der Bundespolizeidirektion. „Allein am Morgen wurden wir von 44 Interessierten angesprochen.“ So soll es weitergehen. Bis Freitag stehen die Bundespolizisten täglich von 6 bis 10 und 15 bis 19 Uhr am Südkreuz.

Für den Test, für den Bundesinnenminister Thomas de Maizière am 1. August den Startschuss geben will, werden bis zu 275 volljährige Bürger gesucht. Peters: „Unsere Zielgruppe sind Berufspendler, die das Südkreuz regelmäßig nutzen “ – im besten Fall mehrmals täglich.

Wer nur hin und wieder durch die Station am Rande der südlichen Berliner Innenstadt läuft, braucht sich nicht zu bewerben. Die Technik zur Gesichtserkennung, die das Bundesministerium des Innern, die Deutsche Bahn, die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt in Kürze erproben, soll mit möglichst vielen Daten gefüttert werden.

Es gibt „Erhebliche Risiken“

Das erwartet die Versuchspersonen: Zunächst müssen sie sich im Bundespolizeirevier Südkreuz fotografieren lassen. Die Bilder werden ein Jahr lang in einer Testdatenbank hinterlegt und dann gelöscht – auf Wunsch auch vorher. Beim Fototermin bekommen die Teilnehmer einen Transponder, der ähnlich groß wie eine Kreditkarte ist. Das Funk-Kommunikationsgerät, das zusätzliche Daten liefert, ist immer mitzuführen – etwa am Schlüsselbund.

Anschließend werden die Testpersonen gebeten, von August an über sechs Monate hinweg durch bestimmte Bereiche am Südkreuz zu laufen. In diesen Bereichen nehmen Kameras die Gesichter ins Visier. Der Computer soll die Testpersonen dann anhand der Fotodatenbank herausfiltern.

Denn das ist das Ziel des Versuchs: Er soll zeigen, ob sich die Videotechnik dazu eignet, Straftäter und andere gesuchte Personen aufzuspüren. Bahnstationen sind dafür ein ideales Feld, denn sie werden von vielen Menschen genutzt. Allein am Südkreuz, in dem jährlich 426.000 Mal S-Bahnen und Züge halten, sind täglich im Durchschnitt 160.000 Reisende sowie Besucher unterwegs. 80 Videokameras nehmen alle Bereiche in den Blick.

Die Erprobungsphase soll ausgeweitet werden

Im Berliner „Zukunftsbahnhof“, in dem die Bahn bereits Service- und Energiekonzepte erprobt, soll nicht nur Technik zur Gesichtserkennung getestet werden. Peters: „In einem zweiten Schritt werden weitere Programme untersucht“ – die Rede ist von Software, die Gefahrenszenarien sowie verdächtige Gegenstände erkennt und meldet.

Software dieser Art gibt es in mehreren Formen. So kann Videotechnik erkennen, wenn ein Koffer längere Zeit nicht bewegt wird. Auch wenn Graffiti gesprayt werden, kann dies erkannt werden. „Tracking“, abgeleitet vom englischen Wort für Fährte, ist eine weitere Technik der Videoanalyse: Personen, die sich auffällig verhalten, werden in den Aufnahmen markiert und von den Kameras verfolgt.

Die Technik bietet viele Möglichkeiten. Doch Kritiker fordern, sie nicht zu nutzen. „Der Bahnhof Südkreuz wird zum Pilotprojekt für die Totalüberwachung“, sagte Andrej Hunko, der sich seit Jahren mit solchen Themen befasst. „Nicht nur die Sanktionierung von auffälligem Verhalten durch die automatisierte Kameraüberwachung wird erprobt, auch die Erkennung von RFID-Chips gehört zum Testszenario“ – sie befinden sich in den Transpondern, die stets mitzuführen sind.

Es ist eine Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit

„Immer wieder ertappen wir die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt dabei, dass sie technisch durchführen, was ihnen rechtlich nicht erlaubt ist“, so der Abgeordnete. „Der Bundespolizei ist die Videoüberwachung zwar laut Paragraf 27 des Bundespolizeigesetzes gestattet, dort ist aber nicht die Rede von der computergestützten Analyse der Daten.“

Anstatt Hersteller wie Cognitech und L-1 Identity Solutions mit weiteren Forschungsgeldern zu subventionieren, werde eine Debatte über die technische Aufrüstung der Polizei gebraucht.

Videoüberwachung mit Gesichtserkennung erfolgt nicht

Auch die Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltzcyk und ihre Kollegen aus den anderen Ländern sehen „erhebliche Risiken“ beim Einsatz von Videokameras zur biometrischen Gesichtserkennung. Er könne „die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören“, heißt es in einer gemeinsamen Entschließung.

„Damit wird eine dauerhafte Kontrolle darüber möglich, wo sich konkrete Personen wann aufhalten oder bewegen und mit wem sie Kontakt haben.“ Videoüberwachung mit Gesichtserkennung dürfe selbst im Pilotbetrieb nicht erfolgen.