Die Gefängniszellen im Bahnhof Zoo sehen aus wie eine Filmkulisse: fensterlose kleine Räume mit dunkelroten Klinkerwänden, gelb gestrichene Türen – ein Überbleibsel aus den 70er-Jahren, als die Polizei dort Menschen eingesperrt hatte: Gewalttäter, Kriminelle sowie Drogen- und Alkoholabhängige wie Christiane F., über deren tragisches Leben Regisseur Ulrich Edel 1981 den berühmten Film über die Kinder vom Bahnhof gedreht hatte. Auch Christiane F. soll einst in einer dieser Zellen gesessen haben. Genau hier, am Ort des Wegsperrens, wird ein Ort der Begegnung entstehen.

Die leerstehenden Gefängniszellen gehören zu einem etwa 500 Quadratmeter großen Komplex im Gebäude des Bahnhofs Zoologischer Garten am Hardenbergplatz. Die Berliner Stadtmission wird den Komplex in den kommenden Jahren zu einer Bildungs- und Begegnungsstätte umbauen.

Die Deutsche Bahn als Eigentümerin des Gebäudes hat die Räume für eine Dauer von vorerst 25 Jahre an die Stadtmission übergeben. Der Konzern verlangt keine Miete und übernimmt die Betriebskosten.

Teilhabe am Leben

Das neue Zentrum befindet sich in direkter Nachbarschaft der Bahnhofsmission, in der täglich bis zu 700 Obdachlose und andere Bedürftige zum Essen, Duschen und Kleiderwechsel kommen. Die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission sind längst zu klein. Der Andrang ist groß.

„Doch es geht nicht nur um Essen, frische Kleidung und die Grundversorgung“, sagt Wolfgang Nebel. Der 61-Jährige ist zuständig für den Aufbau des neuen Obdachlosenzentrums. „Wir wollen Obdachlose dort wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen“, sagt Nebel.

Begegnung, Bildung, Begleitung – an diesen drei Begriffen orientieren sich Architekten und Planer. Die Gefängniszellen werden entfernt, stattdessen werden dort Veranstaltungs- und Seminarräume eingerichtet sowie Büros und Beratungsplätze. Im Veranstaltungsraum mit seinen gewölbten Bögen unterhalb der Bahnhofshalle wird es künftig Konzerte, Lesungen und Gottesdienste geben. Bis zu 100 Plätze sind geplant.

„Viele Obdachlose sind künstlerisch begabt, sie zeichnen, singen oder und spielen ein Instrument“, sagt Wolfgang Nebel. Künftig können sie ihre Bilder ausstellen oder ein Konzert geben. Möglich sind auch Gottesdienste und Benefizkonzerte von Künstlern, die sich für Obdachlose engagieren, sowie Feierstunden, etwa zu Weihnachten. Bisher fanden solche Feiern im Essenraum der Bahnhofsmission statt. Dort verteilen die Helfer aber auch dreimal am Tag Essen. Künftig können die Mitarbeiter der Stadtmission also zeitlich unabhängiger planen.

In den neuen Büros bieten auch Sozialarbeiter und Mediziner regelmäßig Hilfe an. Ärzte werden Obdachlose behandeln, auch psychologische und psychiatrische Sprechstunden sind im Angebot. Damit realisiert die Bahnhofsmission eine langjährige Forderung von Sozialverbänden.

„Die Menschen müssen wieder zusammenfinden“

Denn viele Obdachlose sind psychisch krank, aber eine Behandlung oder eine Therapie ist für sie nur schwer zu finden. Wolfgang Nebel sagt, Gespräche und Beratungen könnten erste Schritte sein, damit Obdachlose zurück ins bürgerliche Leben finden, also weg von der Straße kommen, wenn sie es wirklich wollen.

Die Bahnhofsmission am Zoo erreichen jeden Tag etliche Anfragen, weil Schulklassen, Kirchengruppen, Polizeischüler und Betriebe Berlins bekannteste Hilfseinrichtung besichtigen wollen.

Im neuen Zentrum ist neben Führungen künftig auch Platz für Gesprächsrunden, Seminare und Kurse. „Wir wollen gemeinsam über Armut und Obdachlosigkeit nachdenken“, sagt Wolfgang Nebel. „Die Menschen müssen wieder zusammenfinden.“ Wichtig sei, Menschen für das Thema Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. „Auch in der City West gibt es Armut und Menschen, die auf der Straße leben“, sagt er.

Die Kosten für den Ausbau der Räume liegen bei etwa 1,8 Millionen Euro, finanziert aus Mitteln der Lotto-Stiftung und Landesmitteln aus dem Programm Aktive Zentren. 2019 soll die neue Einrichtung eröffnen.

Der Senat hat die Zuwendungen für Wohnungs- und Obdachlose im kommenden Doppelhaushalt erhöht. Mehr Geld bekommen etwa die bezirklichen Schuldnerberatungen, auch die Kältehilfe wird ausgeweitet. Und auch die Bahnhofsmission erhält in den kommenden Jahren mehr Geld, etwa für das Hygiene-Zentrum. Hilfe, die dringend benötigt wird.