"Aufm Bahnhof Zoo im Damenklo ist es geschehen. Es war sooo schön! Dein Straps zerriss. Ich hob ihn auf. Ich küsste dich, Du küsstest mich. Wir küssten uns!!!“ 

Würde Nina Hagen diesen Liedtext heute genauso dichten wie damals, im Jahre 1978? Wohl kaum. Denn der Bahnhof Zoologischer Garten, damals eine graugelbgekachelte No-Go-Zone, eignet sich nicht mehr als Schauplatz schriller Ekstase. Mal ganz abgesehen davon, dass Nina Hagen und ihre Gespielin jetzt umgerechnet fast vier Mark zahlen müssten, um in die Toilette (die jetzt McClean heißt) zu gelangen. 

Der Bahnhof Zoo, nur wenige Schritte vom Kurfürstendamm entfernt, ist normal geworden – was nichts Schlechtes ist im Vergleich zum zweifelhaften Image, das dieses Bauwerk jahrzehntelang hatte.

"Des wilde Berlin" 

Doch seine Spitzenstellung hat er verloren. Kaum ein Bahnhof in Berlin fand bei Schriftstellern und Songschreibern so oft Erwähnung wie der gegenüber vom Zoo. „Des isch des wilde Berlin“ schwäbelt eine Reisende schaudernd in Jakob Arjounis Roman „Magic Hoffmann“, der im West-Berlin der 1980er-Jahre spielt. 

Seine Hauptperson Fred kommt eines Tages dort an. „Verwundert sah er sich um. Der ganze Hauptstadtbahnhof bestand aus vier Gleisen, zwei Bierbuden und einem Schaffnerhäuschen … Schulter an Schulter ging es eine enge urinfarben gekachelte Treppe hinunter in die Bahnhofshalle.“ 

Auch in Volker Ludwigs Musical „Linie 1“ ist dies das Tor in eine Welt voller Aufregungen und Zumutungen. Dort traf es um 6.14 Uhr ein, das Mädchen aus der Provinz, das in West-Berlin seinen Schwarm suchen will. 

Die Ankunft am Bahnhof Zoo – das war für viele Neuankömmlinge der Initiationsritus. Ob sie wollten oder nicht. Ihnen wurde vor Augen geführt: Diese (Halb-) Stadt ist anders. Seine lethargische Atmosphäre hatte nichts mit der vor Effizienz sprühenden Geschäftigkeit westdeutscher Großstadtbahnhöfe zu tun. 1987 fuhren am Zoo gerade mal 28 Züge pro Tag ab.

Die passende Begrüßung nach einer weiten Reise 

Das abgeschabte Entree, das von der DDR-Reichsbahn verwaltet wurde, trug aber nicht nur zur Abhärtung bei. Der Bahnhof führte den Novizen auch vor Augen, dass diese Stadt Neugierige mit einer besonderen Form von Freiheit und vielen Möglichkeiten belohnt. Dort befand sich das wunderbare, mit bibliophilen Schätzen vollgestopfte Labyrinth der Heinrich-Heine-Buchhandlung. Solche Buchläden waren anderswo rar, sehr rar. Das Geschäft wich der Modernisierung, die 1992 begann. Obwohl Heiner Müller versprochen hatte, eine Lok zu küssen, wenn es bleibe.

Das langgestreckte Gebäude am Hardenbergplatz war eben nicht nur die von vielen gemiedene Endstation für unerfreuliche Schicksale, Treffpunkt von Strichjungen, Alkoholikern und Drogensüchtigen wie Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo. Es war auch Durchgangsschleuse für Erstsemester und andere Jungakademiker, Wehrpflicht-Flüchtlinge, Berufsanfänger sowie andere hoffnungsfrohe Menschen.

Und manchen West-Berlinern entbot es die passende Begrüßung nach einer weiten Reise. Es wirkte gar nicht peinlich, als Annette Humpe von der Band Ideal 1980 frohlockte: „Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein, ich steig aus, gut wieder da zu sein.“

Umbau zum "neuzeitlichen Großstadtbahnhof" 

Doch die Geschichte begann nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als diese Station 24 Jahre lang der einzige Ort in der Zwei-Millionen-Einwohner Stadt Berlin (West) war, an dem noch Fernzüge hielten. Der erste Bahnhof an dieser Stelle wurde am 7. Februar 1882 eröffnet und schon bald Tor zum schicken, neureichen Westen, dessen bis heute unangefochtene Prachtstraße, der Kurfürstendamm, kurz darauf Gestalt annahm. 

Unter dem großen Ziffernblatt der „erotischen Normaluhr“ in der Unterführung der Hardenbergstraße trafen sich die Liebespaare. Schon in Erich Kästners Kinderbuch „Emil und die Detektive“ (1929) kommt die Hauptperson auf diesem Bahnhof an.

Doch eine Bahnstation ist auch immer Schauplatz von Abschieden. Am 5. Dezember 1938, der Umbau zu einem „neuzeitlichen Großstadtbahnhof“ mit der heutigen Gestalt war bereits im Gang, reiste Helmut Neustädter von dort aus in die Emigration, im Gepäck zwei Kameras. Der Bahnsteig war voll von Juden, die wie der 18-jährige Berliner vor den Nazis flohen. Neustädter wurde später unter dem Namen Helmut Newton als Fotograf weltberühmt. Das frühere Landwehrkasino in der Jebensstraße, gleich nebenan, beherbergt heute die Helmut-Newton-Stiftung. 

Bahnhof Zoo ist wieder reputabel 

Nach diversen Modernisierungen ist der Bahnhof Zoo heute wieder reputabel. Touristen schlendern durch die Halle, um auf dem Kurfürstendamm einkaufen zu gehen. Pendler steigen zwischen Bussen, S-, U- und Regionalbahnen um. Die Station ist eine Drehscheibe des Nahverkehrs geblieben. 

Fernzüge halten dort allerdings seit dem 28. Mai 2006 keine mehr – von wenigen Ausnahmen wie dem Schlafwagenzug nach Kiew und Moskau abgesehen. Gegen den erzwungenen Abstieg des Tabellenführers gab es laute Proteste. Doch sie haben nichts genützt, weil die Bahn ihren schicken, neuen 

Einzelhandelsstandort Hauptbahnhof auslasten will. So ging eine weitere Spitzenstellung verloren, die des wichtigsten Fernbahnhofs im Westen. 
Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt. Zwar ist die Zahl der Reisenden und Besucher um rund ein Drittel gesunken. Es sind aber immer noch viele – 90 000 pro Tag. 

Die Bahn will das Erdgeschoss neu aufteilen und erweitern sowie die Terrassen am Zoo als Restaurant reaktivieren. Die Vorplanung habe im Februar begonnen, sagte ein Sprecher. Die Geschichte des Bahnhofs Zoo geht weiter.