Herr Puhl, wo feiern Sie Heiligabend?

Ich muss und ich will hier sein. Es ist ein echt schöner Ort, um Weihnachten zu feiern.

Wie läuft das denn ab?

Das Frühstück morgens zwischen 6 und 7 ist noch nicht sehr weihnachtlich. Aber gegen 8 Uhr trudelt eine tolle Truppe von ehrenamtlichen Helfern ein. Wir beginnen dann mit einer kleinen Andacht, Brötchen und Kaffee. Es ist ja auch unser Weihnachtsfest. Dann wird vor der Tür der Grill angeschmissen.

Morgens schon?

Ja, ab 9 Uhr kommen die ersten 50 bis 80, um 10 Uhr stehen 150 bis 250 Menschen vor der Tür. Wir braten ein paar Tausend Würstchen. Linker Hand stehen dann Polizisten, die Kleidung gesammelt haben. Das sind hier ganz einfache Botschaften: Es ist Heiliger Abend, und niemand soll frieren oder hungern. An der Straße gibt eine Gruppe Freimaurer mit Kindern Suppe aus. Junge Damen backen Crêpes. Eine Familie verteilt den ganzen Tag über Kuchen. Das machen die schon seit über zehn Jahren. Das ist deren Weihnachtstradition. Ein türkischer Mann kommt mit seinem Dönerstand. Eine syrische Familie arbeitet seit 15 Jahren im Gastraum.

Kommen viele Ehrenamtliche zum Helfen?

Es gibt einen festen Stamm von Leuten. Es rufen aber auch viele in den Wochen vor Weihnachten das erste Mal an, weil sie gern mithelfen wollen. Wir achten darauf, dass diejenigen, die hier 365 Tage im Jahr helfen und richtig Bock auf unser Fest haben, dabei sein können. Das wäre sonst nicht fair.

Es gibt Geschenke?

Ja, am Ende unserer Weihnachtsfeier bekommt jeder ein Paket: M für Mann, F für Frau und K für Kind. Die Geschenke packen zehn- bis zwölfjährige Schüler von einigen Schulen. Wir geben ihnen Tipps, was da rein kann, Duschzeug zum Beispiel, Seife, ein paar warme Socken, Tabak, kein Alkohol, damit haben die Leute schon zu viele Probleme. Ich freue mich immer sehr, wenn die Schüler einen persönlichen Brief mit reinlegen.

Was schreiben sie denn?

Zum Beispiel: Mein lieber Wohnungsloser, wie mag für dich wohl Weihnachten sein? Ich kann mir vorstellen, dass das ein trauriger Tag für dich ist. Du hast vielleicht Familie, was machen deine Kinder heute, denkst du an sie? Wann hast du sie das letzte Mal gesehen? Das sind ganz empathische Fragen.

Sie rühren das Herz?

Na klar, und viele unserer Gäste haben nah am Wasser gebaut. Die Familie fehlt ihnen. Jeder obdachlose Mensch hat familiäre Bezüge, und es ist ganz schön schwierig, die alle zu kappen. Sonst wird man nämlich nicht obdachlos.

Feiern Sie den ganzen Tag?

Wir machen drei Weihnachtsfeiern um 13, 15 und 17 Uhr. Es gibt bei jeder Feier eine Andacht. Um 15 Uhr kommen ein paar junge Frauen aus der Komischen Oper und singen Weihnachtslieder. Zwei Menschen wollen ein Popkonzert geben. Das Essen ist den Menschen wichtig.

Was gibt es?

Gänsekeulen, Rotkohl, Grünkohl, Klöße.

Wie viele Gäste kommen?

Wir bekommen dreimal 60 Gäste rein zur Weihnachtsfeier. Wenn die dritte Feier rum ist, stehen aber noch mal 40 oder 50 Leute vor der Tür. Dann machen wir noch einen Schnelldurchgang.

Kommen die gleichen Menschen wie an anderen Tagen?

Unser Stammpublikum ist dabei, auch ein paar fremde Menschen und einige Wilmersdorfer Witwen, die früher mal gut situiert waren, jetzt 800 Euro Rente kriegen und davon 600 an Miete zahlen. Gänsebraten haben sie sich schon seit zehn Jahren nicht mehr leisten können. In der ersten Feier sind mindestens 20 Kinder dabei.

Aus bedürftigen Familien?

Natürlich. Seit Jahren sind Menschen dabei, die ihre Heimat in Bulgarien oder Rumänien verloren oder aufgeben haben. Da sind die Lebensumstände zu Hause so gewesen, dass sie die in Berlin dem Vorherigen vorziehen. Und die Umstände hier sind wirklich nicht toll. Wenn alles vorbei ist, sitze ich noch mit den Ehrenamtlichen zusammen. Um 22 Uhr gehe ich in den Hauptbahnhof. Da kommt Gott zum Zug. Das ist ein etwas schräger Gottesdienst in der Bahnhofshalle. Dann treffe ich noch einige Freunde. Mit meiner Familie feiere ich am ersten Weihnachtstag.

Ihre Familie hat kein Problem damit, erst nach den Obdachlosen an die Reihe zu kommen?

Meine Tochter ist 26, sie wird dadurch nicht traumatisiert. Ich bin davon überzeugt, dass, wenn Jesus heute geboren werden würde, die kleine Krippe nicht mehr in einem Stall stehen würde, sondern in einer Obdachlosen- oder einer Flüchtlingsunterkunft. Die Weihnachtsgeschichte ist einfach toll. Wir sehen ein nacktes Kind und sagen, das ist der Herrscher der Welt. Und er herrscht nicht im herkömmlichen Sinn, sondern ist nackt und schwach, Gott liegt in einer Krippe. Ich finde das Bild tröstend und Mut machend.

Warum ist das Fest für Ihre Gäste so besonders?

Für sie ist es das Sahnehäubchen im Jahr. Für einen obdachlosen Menschen sind zwei Tage im Jahr besonders schwierig: der Geburtstag, an dem niemand gratuliert, und Weihnachten, weil das ein sehr familienbesetztes Fest ist. Da liegt die Seele dieser Menschen offen.

Haben sich Ihre Gäste verändert?

Vor sechs Jahren haben vermutlich 1000 Menschen auf der Straße gelebt, jetzt sind es etwa 6000. Das Hilfenetz ist nicht gewachsen. Wir haben an normalen Tagen 600 Gäste am Tag, vor sechs Jahren waren es 400. Heute wissen wir mehr darüber, unter welchen Krankheiten obdachlose Menschen leiden, weil es gute Untersuchungen dazu gibt. Es ist nicht der Wohnungsverlust, es ist paranoide Schizophrenie, gekoppelt mit Borderline und exzessiven Suchterkrankungen.

Kommen auch Flüchtlinge?

Flüchtlinge sind immer dabei, aber nicht mehr als früher. Ich weiß, dass die Umstände, unter denen viele Flüchtlinge derzeit leben, nicht toll sind, aber Obdachloseneinrichtungen sind noch weniger toll. Wenn sich die Umstände für die Flüchtlinge weiter verschlechtern, werden die Obdachloseneinrichtungen irgendwann das letzte Auffangbecken. Wir würden natürlich niemanden abweisen.

Das Gespräch führte Julia Haak.