Berlin - Terry Colby, 48, hat drei Kinder, drei Hunde und sechs Katzen und sitzt gut gelaunt in der Bahnhofsmission am Zoo. Sie hat Kunstgeschichte in Heidelberg studiert, Touristen durch die Sümpfe Floridas geführt und für ihr Vaterland im Irak gekämpft. Vor vier Wochen hat sie Amerika verlassen, um mit der Queen Mary über Southampton und die Normandie nach Berlin auszuwandern. Hier, in Berlin, läuft nun aber einiges schief im Leben der Terry Colby, aber so würde sie das nicht sagen.

Colby, eine winzige Frau mit strubbeligen, blonden Haaren, wohnt seit einigen Tagen in der Bahnhofsmission in der Jebensstraße, in einer fensterlosen Schlafkammer neben der Küche. In den Essraum, in dem sie gerade sitzt und mit ihren Hunden spielt, kommen jeden Tag Obdachlose zum Essen, arme Leute. Die Gestrandeten der Stadt. „Deshalb bin ich hier doch gar nicht falsch“, sagt Colby.

Am Tisch nebenan sitzt die obdachlose Bernadette und blickt starr geradeaus. Sie soll Physikerin sein, aber das spielt schon lange keine Rolle mehr. Bernadette öffnet still den Mund und Colby sagt, alle Leute hier seien wirklich nett. Eine Praktikantin war mit ihr glutenfreien Joghurt kaufen, denn normalen Joghurt vertrage sie nicht. Hannah und Catherine, ihre Töchter, dürfen auf dem Bürocomputer Fotos auf Facebook laden. Hund Lucky kaut Schinken aus der Küche.

Ankunft in Berlin

Vorgestellt hatte sich Terry Colby die Ankunft in Berlin allerdings anders. Sie hat lange darauf gespart, Amerika zu verlassen, würdevoll zu verlassen. Auf der Queen Mary. Sie sagt, sie wollte weg aus dem Haus, in dem ihr Mann versucht habe, sie umzubringen. Warum nicht nach Deutschland, wo während des Studiums und der Militärzeit alle immer so nett zu ihr waren?

Sie fand fürs erste über eine Agentur eine Wohnung in Prenzlauer Berg, aber der Vermieter vermiete grundsätzlich nicht an Amerikaner. Deshalb zog sie in ein Hostel, aber dort ging ihr nach drei Tagen das Geld aus, weil sich die Agentur und ihre Bank, eine örtliche Sparkasse in Massachusetts, bei der Rückabwicklung der Miete verheddert haben sollen. Aus Versehen, sagt Colby, wurde ihr Konto bis auf weiteres eingefroren. Gedeckt sei das Konto, „ich bin Beamtin und bekomme meine Pension“. Sie zieht ihren Dienstausweis aus dem Portemonnaie und legt ihn wie ein Beweisstück auf den Tisch. Aber wohin soll man mit so einer Geschichte und ohne Geld, dafür mit drei Kindern, drei Hunden, sechs Katzen?

Ein Mann schickte sie dahin, wohin man Reisende in Not schickt: in die Bahnhofsmission. Als Berliner hat man ja fast vergessen, dass dies die eigentliche Aufgabe der Bahnhofsmission ist. Dabei finden sich dort fast jede Woche Leute auf der Durchreise ein. „Gerade waren junge russische Eltern da, denen das Geld für Babynahrung ausgegangen war“, sagt Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission. „Davor hatten wir zwei Schwestern aus Tschetschenien und ein Paar aus Ghana.“ Meistens werden die Leute von ihren Botschaften zur Bahnhofsmission geschickt. „Die wissen nicht, was sie mit denen, denen sie Papiere oder Flugtickets beschaffen, machen sollen. Aber die Leute müssen bis zu ihrer Abreise noch ein paar Tage rumkriegen.“

Wie die Kelly-Family

Auch Terry Colby hatte sich an ihr Konsulat gewandt, wo ihr ein Heimflug in die USA angeboten wurde. Aber sie will nicht zurück, sie will bei den freundlichen Deutschen bleiben. Sie hat auch schon Pläne gemacht. Hannah, 16, soll zur internationalen Schule gehen und als Fotomodel arbeiten, mit Catherine, 19, will sie ein Buch schreiben, und Tim, 20, plant sich in die deutsche Tattoo-Szene einzubringen. Es ist schwer zu sagen, ob diese Pläne realistisch sind oder Träumerei, besonders, wenn die Colbys wie nun gerade mit den Hunden auf dem Arm im Halbkreis vor einem stehen und so wirken wie die Kelly-Family kurz vor dem Auftritt.

Es gibt Ungereimtheiten in Terry Colbys Geschichte, aber Dieter Puhl wundert sich nicht mehr. „Ich bleibe bei den Geschichten, die mir erzählt werden, auf Distanz und biete Hilfe so konkret wie möglich an. Mit Ahnungen kommt man nicht weit.“

Die Colbys sind gestern ausgezogen. Sie haben eine billige Bleibe gefunden, „bei einem freundlichen Deutschen“, und ab November eine Wohnung in Spandau. Essen werden sie weiter in der Bahnhofsmission. „Wir werden hier auch ehrenamtlich arbeiten, wenn wir in die Wohnung gezogen sind“, sagt Terry Colby. „Ich kann gut zuhören und beraten, ich habe ja diesen Hintergrund häuslicher Gewalt.“ Catherine und Hannah lächeln. Tim kratzt sich am Kopf. Eine schräge Truppe ist diese Familie. Zum Glück, kann man nur sagen, ist sie in der Bahnhofsmission gelandet.