Mit manchen Chefsachen hatte der Regierende Bürgermeister in letzter Zeit nicht so viel Glück, aber das ficht den Mann mit der Mütze nicht an. „Machen Sie die Wohnungslosigkeit in Berlin zur Chefsache“, sagt Dieter Puhl in seiner ruhigen, eindringlichen Art zu Klaus Wowereit, der neben ihm an einem Tisch im großen Raum der Bahnhofsmission am Zoo sitzt.

Es gibt Kaffee und Kekse, vor den beiden stehen und sitzen dicht gedrängt an die hundert Menschen und gucken neugierig. Viele tragen diese blauen Westen mit dem roten Johanniterkreuz. Schülerinnen, beleibte grauhaarige Männer, Migrantinnen, überhaupt viele Frauen. Sie arbeiten hier ehrenamtlich, versorgen täglich rund 600 Menschen, die in der Jebensstraße 5, auf der weniger bunten Seite des Bahnhofs, nach Hilfe suchen: Nach etwas zu essen, einem Platz zum Ausruhen, nach einem Rat oder einfach nach einer Gelegenheit zu reden.

Wowereit ist zum ersten Mal hier in der weit über Berlin hinaus bekannten Einrichtung am Zoo, die als einzige in der Hauptstadt jeden Tag im Jahr 24 Stunden geöffnet hat. Er nimmt sich heute Zeit und hört zu, mehr als anderthalb Stunden. Zuerst ohne Journalisten, da plaudert es sich leichter, später mit.

Wowereit verspricht Schlafsäcke

Dieter Puhl erzählt Wowereit von der großen Hilfsbereitschaft der Berliner, davon, dass sich inzwischen immer öfter ganze Familien an die Mission wenden, weil sie in Not sind. Und davon, dass jetzt, da die kalte Jahreszeit beginnt, dringend Schlafsäcke gebraucht werden: Bis zu 4000 Schlafsäcke für Wohnungslose würden pro Jahr ausgegeben, er würde sich daher freuen, wenn Wowereit mithelfen könne, sie zu beschaffen. Wowereit verspricht, sich zu kümmern. Und tatsächlich ruft er noch am Nachmittag per Pressemitteilung zu Schlafsackspenden auf. Geld geht auch. Oder Lebensmittelgutscheine aus dem Supermarkt. Nur Kleidung hätten sie gerade genug, sagt Puhl.

In Berlin öffnete 1894 die erste deutsche Bahnhofsmission, damals vor allem, um junge Frauen vom Land, die in der Stadt nach Arbeit suchten, vor Zuhältern zu schützen. Das Publikum hat sich seitdem oft gewandelt: Durchreisende, Kriegsflüchtlinge, Süchtige, Arme. Seit einigen Jahren kommen auch viele Anwohner, sagt Puhl, gerade ältere Frauen, obwohl neun von zehn Gästen in der Mission nach wie vor Männer sind. Doch die Lebenskosten steigen, die Mieten in der Innenstadt sowieso, die Renten stagnieren. „Menschen, die vor zehn Jahren noch klar kamen, schaffen das jetzt nicht mehr“, sagt Puhl.

Klaus Wowereit verspricht, unter den Senatoren für einen Praktikumstag in der Bahnhofsmission zu werben. „Das machen wir dann aber mal ohne Öffentlichkeit“, sagt er.