Der junge Mann muss merkwürdig ausgesehen haben. Zur blauen Dienstkleidung trug er gelbe Strümpfe und rote Cordschuhe. Das war Frank Castorfs Strategie, mit seinem Dasein als Lehrling bei der Deutschen Reichsbahn zurechtzukommen. Es könnte sein, dass er Fahrgästen im Bahnhof Berlin-Schöneweide aufgefallen ist, wo er seine Ausbildung 1969/70 absolvierte. „Ich habe Reichsbahnfahrkarten verkauft und sollte auch Reisende in den Zügen kontrollieren, was mir sehr peinlich war“, erzählt Castorf.

Heute muss er solchen Tätigkeiten nicht mehr nachgehen, seit 21 Jahren ist er Intendant der Volksbühne. Auch der Bahnhof hat sich verändert. So viel Betrieb wie zu DDR-Zeiten gibt es nicht mehr. Weil die Mauer viele Verbindungen verbaut hatte, wurde die Station, die 1874 unter dem Namen Neuer Krug erstmals in den Fahrplänen auftauchte, zum dritten großen Fernbahnhof der DDR-Hauptstadt. Wer nach Thüringen wollte, nach Stendal, Aschersleben oder Magdeburg, musste hier einsteigen. Was mitunter ziemlich schwierig war: Oft war es so voll, dass die Transportpolizei die Treppen zum einzigen Fernbahnsteig sperrte. 1978 wird von täglich 54 Zugabfahrten und 41 Ankünften berichtet.

Ein Tunnel für die Straßenbahn

Vorbei, vergangen. Fernzüge fahren in Schöneweide nicht mehr ab, auch die Güteranschlüsse und der Rangierbahnhof liegen still. Die letzte Regionalbahn bekam 2011 grünes Licht. Doch die S-Bahn hält weiterhin, und viele Fahrgäste steigen in Straßenbahnen und Busse um. Die Deutsche Bahn spricht von 40 000 Nutzern täglich, die noch ein lupenreines DDR-Ambiente erleben – etwa in der Toilettenanlage.

Doch der Umbau hat begonnen. Für 45 Millionen Euro werden Brücken und ab 2016 auch die Bahnsteige erneuert. Das Gebäude wird saniert, der Bahnsteigtunnel in Richtung Johannisthal verlängert. Nördlich davon entsteht eine 36 Meter lange Straßenbahnunterführung, die 2019 fertig werden soll. Schöneweide, das Aschenputtel, wird geputzt. Es wurde auch Zeit.