Bahnhofsviertel gehören seit dem 19. Jahrhundert zu den verruchtesten, aber auch den lebendigsten Quartieren einer Stadt. Man sehe nach Paris, Hamburg oder Frankfurt am Main. Die Gefahr, dass in der Umgebung des Berliner Hauptbahnhofs eine solche städtische Dynamik entsteht, ist minimal. Dabei ist schon die Lage mit viel Wasser und pathetisch inszenierter Verkehrsarchitektur eigentlich sensationell. Doch Berlin hat seine Chance vertan – mit zu großer Vorsicht, dem Festhalten an veralteten Plänen und übermäßiger ästhetischer Toleranz gegenüber Bauherren.

Zwar hat Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sie teilweise zu Fassadenwettbewerben überredet, musste jedoch letztlich konstatieren: Keiner kann zu Qualität gezwungen werden. Das eigentliche Problem der Region aber ist ihre Monofunktionalität, trotz aller Kämpfe, die etwa Mittes langjähriger Baustadtrat Ephraim Gothe gegen sie führte. Bis auf drei Wohnungsbauten, die nun doch zwischen Invalidenstraße und Humboldthafen errichtet werden sollen, entstehen hier nur Hotels und Bürobauten, die sich nach außen hin entweder mit etwas größeren oder etwas schmaleren Fensterrastern zeigen. Der geplante, an sich wenig spektakuläre Neubau für eine spanische Hotelkette wird sich mit seinen breiten Fensterbändern regelrecht hervorheben.

Planungsrecht und Baugesetze

Erzwungen wird diese Homogenität durch das Planungsrecht. Die Baugesetze verbieten – mit an sich vernünftiger Rücksicht auf das Wohl der Menschen –, dass Wohnungen zu nahe an Verkehrstrassen entstehen. Der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn beschloss jedoch, das langgestreckte Dach des Hauptbahnhofs zu kürzen, um das Gebäude rechtzeitig zur Fußballweltmeisterschaft 2006 einweihen zu können. Damit zerschlug er gleichzeitig die Möglichkeit, direkt an der Bahntrasse und an der Spree Wohntürme zu errichten, so wie sie in Amsterdam, Köln, Hamburg, nord- und südamerikanischen Städten stehen. Einzig positiver Nebeneffekt von Mehdorns Absolutismus war, dass auch das städtebauliche Konzept für die Umbauung des Humboldthafens aus den frühen 90er-Jahren entfiel. Der Architekt Oswald Matthias Ungers hatte einen gewaltigen, um das Becken gelegten Riegel auf Pfosten entworfen, der die vollkommene Abschließung dieses Quartiers von der Stadt bedeutet hätte. Nun entsteht aber nicht eine vergleichbar radikale städtische Gegenkonzeption, sondern regelrecht knickliger Block- und Traufkantenwohnungsbau.

Immerhin: Eines der schönsten neuen Hochhäuser Berlins ist am Hauptbahnhof zu finden. Das Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger hat es für den französischen Total-Konzern entworfen. Ein zart in sich gedrehter Turm, in dem kein Stab zwischen den Fenstern dem anderen zu gleichen scheint. Direkt daneben entsteht derzeit ein weitgehend verglaster Bau mit weit überkragenden Obergeschossen und diagonalen Tragstäben nach den Plänen von 50Hertz – in Hamburg kein Aufreger, im konservativen Berlin schon. Gegenüber steht das schwere, ziegelverkleidete, von Ariel Schiff entworfene neue Hotel – städtische Dichte, die belebend wirken kann. Und eine der witzigsten, zugleich ärgerlichsten Architekturen des neueren Berlins ist in dieser Region zu finden: die von dem Berliner Büro Gruber & Popp entworfene neue Straßenbahnhaltestelle mit ihren eindeutig an dem großen Brasilianer Oscar Niemeyer orientierten, weit schwingenden, von etwas zu dominanten Rundpfeilern getragenen Dächern. Leider verstellen die stützenden Wände regelrecht den Bahnhofsvorplatz, bilden eine Art Festung mitten im Verkehr. Das mag Sicherheit bieten, aber für die hätte ein Geländer auch gereicht.

Kurzsichtige Landespolitiker

Das Beste und städtisch Aufregendste, was hier hätte gebaut werden können, kann aller Voraussicht nach nicht mehr am Humboldthafen entstehen: Der Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek. Aber die dafür notwendigen Grundstücke sind von kurzsichtigen Berliner Landespolitikern und der Deutschen Bahn verkauft worden. Jetzt wird die Umgebung des Hauptbahnhofs genau das, wovor alle, wirklich alle Stadtplaner in den 90er-Jahren gewarnt haben: ein Quartier, das nicht einmal Prostituierte anzieht.