Neue Routen, mehr Verbindungen, kürzere Fahrzeiten. Um das Schienennetz der Region für die Zukunft fit zu machen, soll in den nächsten zehn Jahren eine zweistellige Milliardensumme investiert werden. Dieses Ziel gaben Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (beide SPD) am Freitag nach dem „Bahngipfel“ in Potsdam bekannt. Um den wichtigsten Finanzier ins Boot zu holen, soll jetzt eine Task Force mit dem Bund gegründet werden. Bei dem Programm i2030 geht es nicht nur um Strecken, die für den Personenverkehr wichtig sind. Auch eine Strecke, die Polen für militärisch wichtig hält, ist dabei.

Im Nachbarland hat der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine dazu geführt, dass eine fast schon vergessene überregionale Verbindung ins Blickfeld geraten ist. Es geht um die Ostbahn, die sich schnurgerade von Berlin über Strausberg und Küstrin-Kietz nach Polen und weiter nach Osten zieht. Einst eine wichtige Verbindung nach Ostpreußen und ab 1860 auch mit Anschluss nach Russland zerfiel sie nach dem Zweiten Weltkrieg in mehrere Teile. Wo einst Schnellzüge nach Danzig und Königsberg rollten, sind auf dem deutschen Abschnitt im Personenverkehr nur noch Regionalbahnen unterwegs.

Ostbahn von Berlin nach Osten – wie mit dem Lineal gezogen

„Aus Sicht der polnischen Regierung hat die Ostbahn eine enorme Bedeutung für die Verbesserung der grenzüberschreitenden militärischen Mobilität, besonders für den schnellen Transport von kanadischen und US-Soldaten von Bremerhaven an die Grenze zum russischen Oblast Kaliningrad und besonders in den engen Korridor zwischen Polen und Litauen bei Suwałki“, sagt der Bahnexperte Jürgen Murach der Berliner Zeitung. „Bei einem Dritten Weltkrieg rechnet die Nato dort mit der ersten Militäraktion der russischen Armee.“ Dabei würde es darum gehen, die Lücke zwischen Weißrussland und dem Oblast Kaliningrad zu schließen.

Die Ostbahn sei nach deren Einschätzung „wie geschaffen“, bei einem solchen Konflikt Aufgaben zu übernehmen. „Sie ist die kürzeste Verbindung in Richtung EU- und Nato-Außengrenze und ist wie mit dem Lineal gezogen unter Umgehung der überlasteten Bahnknoten Posen und Warschau“, so Murach.

dpa/Soeren Stache
Ein Dieseltriebwagen der Oderlandbahn überquert bei Kostrzyn (Küstrin) die Oder. Weil die Brücke neu gebaut wird, ist der grenzüberschreitende Abschnitt nach Polen noch bis Mitte Dezember 2022 gesperrt.

Die polnische Regierung habe es geschafft, dass der Abschnitt auf polnischer Seite ab Kostrzyn (Küstrin) in das Transeuropäische Netz aufgenommen  und ausgebaut wird. „Leider hat die Bundesregierung auch für das Netz der Militärischen Mobilität nur die Frankfurter Bahn nach Frankfurt (Oder) angemeldet, was in Polen und bei der EU-Kommission Kopfschütteln verursacht hat“, berichtete der Berliner Verkehrsexperte.

Am Freitag wurde beim Bahngipfel bestätigt, dass der Ausbau der Ostbahn Teil des i2030-Programms ist. Die Trasse sei für den internationalen Güterverkehr wichtig, sagte Alexander Kaczmarek, der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für den Nordosten Deutschlands. Es gehe um Frachtverkehr aller Art: „Das kann Getreide-, aber auch Militärverkehr sein.“ Als „Resilienzstrecke“ könnte die Ostbahn den stark genutzten Grenzübergang Oderbrücke bei Frankfurt (Oder) entlasten.

DB ließ Weichen ausbauen und schnitt Überholgleise ab

Berlin und Brandenburg stellen dagegen vor allem die Bedeutung für den Regionalzugverkehr heraus. Ihr Ziel ist es, dass die derzeit größtenteils eingleisige Ostbahn durchgängig zweigleisig ausgebaut, für Tempo 160 ertüchtigt sowie elektrifiziert wird. Dabei geht es nicht nur darum, die Folgen des Krieges zu tilgen. Nach der Wende hat die DB die Infrastruktur weiter verschlankt, indem sie Weichen ausbauen und Überholgleise abklemmen ließ.

Das i2030-Programm sieht vor, das Schienennetz in Berlin und Brandenburg massiv auszubauen. Als die beiden Länder und der VBB es 2017 aus der Taufe hoben, wollte der Bund nicht mitmachen. Er befürchtete, direkt mit finanziellen Forderungen konfrontiert zu werden, sagte eine Insiderin. Dass sich der Bund nun an der geplanten Task Force beteilige, sei ein Erfolg, betonte Ministerpräsident Woidke am Freitag. Nun werde es leichter, Projekte zu planen und Prioritäten festzulegen. „Jetzt bringen wir deutlich mehr Kampfgewicht auf die Matte“, sagte der Ministerpräsident.

Mit dem Zug durch Hermsdorf und Frohnau nach Norden

„Der Bund hat sich grundsätzlich dazu bereit erklärt, mit uns in den Austausch zu treten“, sagte die Regierende Bürgermeisterin. Daniela Kluckert (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, und Carsten Schneider (SPD), Ostbeauftragter der Bundesregierung, nahmen an dem „Bahngipfel“ im Kaiserbahnhof am Park Sanssouci teil. „Wir starten nun in eine neue Phase der Zusammenarbeit“, pflichtete Brandenburgs Ministerpräsident bei.

Zu tun gibt es einiges, wie Franziska Giffey betont. „Es rund 20 Projekte, die wir gemeinsam voranbringen wollen“, so die SPD-Politikerin. Noch immer seien Verbindungen, die während der deutschen Teilung unterbrochen oder vom Netz getrennt wurden, nicht wieder in Betrieb.

Dazu zählt zum Beispiel die Nordbahn, die neben der heutigen S-Bahn-Linie S1 durch Hermsdorf und Frohnau in Richtung Oranienburg verlief. Wenn sie wieder in Betrieb genommen würde, könnte das nicht nur Fahrgästen an die Ostsee Fahrzeit ersparen, so Bahn-Manager Kaczmarek. „Auch das Karower Kreuz würde entlastet.“ Dass Eigentümer benachbarter Villen vor Gericht ziehen werden, erwarte er nicht. Die Trasse sei ja noch da, auch wenn die S-Bahn-Gleise dort inzwischen in anderer Lage verlaufen als früher. Die Nordbahn wiederaufzubauen: „Das kann klappen“, so Kaczmarek.