Berlin - Nicht mehr lange, dann kehrt er wieder auf die Gleise zurück: Ab Mitte Mai verbindet der Usedom-Express der Deutschen Bahn (DB) wieder Berlin mit der Ostseeinsel. Doch weil er einen Umweg fahren muss, dauert die Reise zum Beispiel ins Seebad Heringsdorf mehr als vier Stunden. Seit Jahren setzen sich Bahn-Manager, Berliner und Insulaner dafür ein, dass die direkte Verbindung wieder aufgebaut wird. Dann könnten die Berliner nach Heringsdorf rund 90 Minuten Fahrzeit sparen. „Jetzt hat Mecklenburg-Vorpommern die Strecke für den neuen Bundesverkehrswegeplan angemeldet“, sagt Joachim Trettin, Vorsitzender von DB Regio Nordost. „Das ist ein Riesenschritt nach vorn.“ Auch Berlin unterstützt das Projekt. Doch viel muss noch geschehen, damit es an Fahrt gewinnt – und ob es verwirklicht wird, bleibt fraglich.

Es ist schon lange her, aber Herbert Gellhorn aus Johannisthal kann sich noch gut erinnern. „Früher kam man mit dem Zug schneller nach Usedom“, sagt der 85-Jährige, der in Swinemünde, das heute polnisch ist und Swinoujscie heißt, aufgewachsen ist. Wem es nach einem Bad in der Ostsee gelüstete, konnte noch 1939 in weniger als drei Stunden von Berlin auf die Insel reisen. Jahrzehntelang gab es im Sommer vom Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße (der später Nordbahnhof hieß und dann abgerissen wurde) mehrere Direktverbindungen. Am Wochenende fuhr oft ein „Strohwitwerzug“, mit dem Ehemänner ihren Familien nachreisen konnten.

Soldaten sprengten Brücke

Am 29. April 1945 sprengte die Wehrmacht die Hubbrücke bei Karnin, auf der die Züge mit Tempo 100 auf die Insel gerollt waren. Seitdem müssen Bahnreisende einen 40 Kilometer langen Umweg fahren. Kein Wunder, dass viele lieber das Auto nehmen – und dann im Stau stehen.

„Die Strecke über Karnin muss wieder aufgebaut werden. Sonst ertrinkt die Insel im Autoverkehr“, so Gellhorn. Um das Projekt voranzubringen, hat er an viele Politiker geschrieben – selbst Bundeskanzlerin Merkel bekam schon Post von ihm.

„Der alte Bahndamm ist immer noch für den Bahnverkehr gewidmet“, berichtet DB-Manager Trettin. „Unsere Planer sind ihn vor kurzem wieder einmal abgelaufen.“ Danach haben sie ihre früheren Berechnungen aktualisiert. „Auf deutscher Seite würde der Wiederaufbau in Form einer eingleisigen, elektrifizierten Strecke rund 100 Millionen Euro kosten“, sagt Arvid Kämmerer von DB Netz. Ein weiterer, noch nicht bezifferter Millionenbetrag würde für den Neubauabschnitt im Swinemünder Stadtgebiet fällig.

Damit das Projekt in Gang kommen und finanziert werden kann, muss es der Bund in die ab 2015 geltende Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplans aufnehmen. Er stand den Plänen für die 42-Kilometer-Strecke bisher meist skeptisch gegenüber. Das Geld sei knapp und sollte lieber dazu verwendet werden, in Engpässe und wichtigere Strecken zu investieren, hieß es.

„Entscheidend ist nun, wie die nächste Nutzen-Kosten-Untersuchung ausfällt“, so Kämmerers Kollege Helge Schreinert. „Wenn die Usedom-Anbindung nicht auch für den Güterverkehr interessant ist, sieht es traurig für sie aus.“ In Swinemünde wird zwar der Hafen ausgebaut. „Doch aus Polen wurde bisher kein Interesse signalisiert. Die deutsche Seite ist engagierter.“ Dort setzt sich vor allem die Tourismuswirtschaft für das Bahnprojekt ein.

Im Sommer 200 Fahrräder pro Zug

Die Schweriner Landesregierung hat ein weiteres Projekt ebenfalls angemeldet. Die Usedomer Bäderbahn (UBB) plant den Wiederaufbau der Strecke von Barth nach Zingst auf dem Darß. Kosten: 32 Millionen Euro. Auch hier steht die Finanzierung noch nicht. „Doch wir hoffen, dass die Züge ab 2016 fahren können“, so UBB-Chef Jörgen Boße.

Nach Warnemünde, Graal-Müritz und den anderen Badeorten bei Rostock kommen die Fahrgäste derzeit nur auf Umwegen. Denn noch ist die direkte Strecke in die Hansestadt wegen Bauarbeiten gesperrt. Die Wiedereröffnung musste bereits verschoben werden. Aber Kämmerer verspricht: „Ab 9. Juni werden wir dort wieder fahren.“ Bis Rostock dauert die Reise meist zwei Stunden und 40 Minuten – wenn es keinen Stau gibt, ist das Auto schneller.

Außerdem dominieren auf allen Strecken ans Meer weiterhin Regionalzüge – die bei gutem Wetter überfüllt sind. „Auch mit Radfahrern“, so Trettin. „Im Sommer befördern wir pro Zug bis zu 200 Räder.“ Zusatzzüge auf den Teilstrecken nach Prenzlau und Neustrelitz sollen das Chaos am Sonnabend verringern.

Zwar ergänzen außer Intercitys auch ICE-Züge nach Binz, Stralsund und Rostock das Angebot. Doch ihre Fahrzeiten passen nicht immer zu den Bedürfnissen der Berliner Tages- und Wochenendausflügler. Außerdem gilt das relativ preiswerte Ostsee-Ticket in ICE-Zügen nicht.