Bahn-Pendler können bald internationales Flair genießen. Aller Voraussicht nach werden sie vom 9. Dezember an zwischen Jüterbog, Berlin und Rathenow in österreichischen Wagen zur Arbeit fahren – falls nicht noch das Unerwartete geschieht und die Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG) dann schon genug eigene Züge hat. Weil weiter ungewiss ist, ob die von ihr bestellten neuen Fahrzeuge zum Fahrplanwechsel geliefert und zugelassen werden, hat sich ODEG-Chef Arnulf Schuchmann in Österreich umgeschaut. In Wien ist er fündig geworden.

Außen sind sie grau und rot lackiert, drinnen gibt es je 80 Sitzplätze und ein Mehrzweckabteil: So sehen die City-Shuttle-Wagen aus, von denen die Österreichischen Bundesbahnen 650 besitzen. Zwölf Wagen, die in Wien abgestellt sind, steht nun mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Auslandseinsatz bevor, der sie nach Berlin, Dallgow-Döberitz, Trebbin und zu anderen illustren Orten an der Regionalexpresslinie (RE) 4 führen wird. „Der Zustand ist tip-top“, sagte Schuchmann. Eine deutsche Privatbahn stellt weitere vier Wagen zur Verfügung.

Er ist stolz darauf, dass nach einigen Monaten Fahrzeugsuche das Ersatzkonzept für die Linie RE 4 steht. Zwar bietet ein Zug mit vier einstöckigen City-Shuttle-Wagen nur 320 Sitzplätze – knapp 110 weniger als die Züge vom Typ KISS, die bei Stadler in Pankow bestellt worden sind und eigentlich zum Fahrplanwechsel bereit stehen sollten. Doch die ODEG-Leute sind froh, dass sie ihrer Kundschaft überhaupt genug Züge bieten können, denn Loks und Wagen sind nicht leicht zu bekommen. „Es ist ja nur für eine Übergangszeit", so Schuchmann.

Noch keine Zulassung

Sein Unternehmen hatte 16 KISS-Doppelstockzüge mit jeweils vier Wagen bestellt. Doch wegen diverser Schwierigkeiten konnte der Hersteller erst zwei liefern, „die wir zudem noch nicht abgenommen haben“, wie der ODEG-Chef sagte. Ein dritter „komfortabler innovativer spurtstarker S-Bahn-Zug“ (dafür steht das Kürzel KISS) sollte Montag eintreffen, doch dies sei kurzfristig abgesagt worden. Weiterhin gebe es noch keine Zulassung vom Eisenbahn-Bundesamt, obwohl das Verfahren bereits seit zwei Jahren läuft. Bisher hieß es aus der Behörde, dass noch nicht alle Unterlagen da sind.

Dem Vernehmen nach soll nun ein Gutachter in dieser Woche die letzten Dokumente in Bonn nachreichen. „Wenn das klappt und es eine positive Reaktion gibt, sieht sich das Amt in der Lage, zum 9. Dezember die Zulassung zu erteilen“, sagte ein Beobachter. Doch selbst wenn dann zumindest die fünf Züge für die Linie RE 4 bei der ODEG auf dem Hof stehen, werden noch Ersatzfahrzeuge gebraucht. So schnell könnten nicht alle neuen Züge in Betrieb genommen werden, hieß es.

Auch für die noch stärker genutzte Linie RE 2 zwischen Cottbus, Berlin und Wismar ist eine Lösung in Sicht. Wie berichtet, hilft die Deutsche Bahn (DB) mit zehn eigenen Loks und 40 Wagen aus. Weil die Loks nicht so spurtstark sind wie die KISS-Züge, verlängert sich die Fahrzeit um dreieinhalb Minuten – was sich aber durch Streichung einiger Stopps in Breddin und Brand ausgleichen lasse, sagte Schuchmann.

Im Interesse der Fahrgäste

Allerdings beschert die Hilfeleistung der Bahn auch Probleme. Weil die 40 Wagen maximal bis April im Einsatz bleiben, können sie so lange nicht wie geplant in der Werkstatt für die Linie RE 1 umgebaut werden.

Damit kann die Bahn ihr Versprechen, auf der Ost-West-Strecke zwischen Magdeburg, Berlin, Frankfurt (Oder) und Cottbus ab dem Fahrplanwechsel nur noch renovierte Doppelstockzüge einzusetzen, nicht halten. „Zunächst stehen für die Linie RE 1 nur drei umgebaute Züge zur Verfügung“, sagte Renado Kropp von DB Regio. Dort wird befürchtet, dass die Hilfeleistung die Bahn teuer zu stehen kommt. Wenn sie deshalb nicht die vereinbarte Qualität anbieten kann, dürfe der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg seine Zahlungen kürzen – die Rede ist von einigen Millionen Euro.

„Wir sprechen über Pönalen“, bestätigte Verbund-Sprecherin Elke Krokowski die Verhandlungen über Vertragsstrafen. Intern war aber zu erfahren, dass für die RE-2-Wagen keine Abzüge berechnet werden. „Schließlich ist das Ersatzkonzept im Interesse der Fahrgäste“, hieß es.

Kürzungen würden dagegen für etwas anderes fällig: Die Bahn sei mit ihrem Wagenumbauprogramm „grundsätzlich im Verzug“.