Balletschule Berlin: Der Traum vom Tanzen

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Jeder Tag beginnt mit einem festen Ritual. Clara Melita knotet die langen blonden Haare zum Dutt auf, spannt ein Haarnetz darüber, legt ein weißes Schmuckband darum. „Der Dutt ist Schulpflicht“, sagt die Elfjährige mit zarter Stimme, die zu ihrem feingliedrigen Körper passt. Clara ist Schülerin der renommierten Staatlichen Ballettschule Berlin, die an der Erich-Weinert-Straße in Prenzlauer Berg in einem modernen Glasneubau sitzt.

Sie ist im ersten Ausbildungsjahr zur Bühnentänzerin, gehört zu den jüngsten Schülerinnen und wird dennoch schon eine wichtige Rolle einnehmen bei der großen Gala der Schule, die am heutigen Montag und am morgigen Dienstag in der Komischen Oper aufgeführt wird.

Bei den Proben im großen Theatersaal der Schule wirkt Clara hochkonzentriert. Sie sitzt auf dem Boden, hat den Kopf auf die angewinkelten Beine gelegt. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als die ersten Takte von Ravels „Bolero“ erklingen und sie in den Spagat rutscht, als gebe es nichts Leichteres.

Später, in der Oper, wird in diesem Moment das Scheinwerferlicht auf ihr allein ruhen, sie eröffnet den Tanz, zu dem kurz darauf 90 Mitschüler hinzukommen werden. Virtuose Sprünge und anmutige Pirouetten: Bei der Probe bekommt man eine Ahnung davon, welch wunderbare Bilder die grazilen Tänzer herstellen können.

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Die jährliche Gala soll die Arbeit der Schule präsentieren und den Schülern die Chance geben, sich auf der großen Bühne auszuprobieren. Clara ist stolz auf ihren Solopart. Und sie hat Lampenfieber, Angst, dass sie die Schritte vergessen könnte. Als der Probenleiter sie lobt, ist es wieder da, das scheue Lächeln. Er sagt, Clara habe eine gute Zukunft. „Wenn sie dranbleibt.“

Dass man ein Lob gleich einschränkt, dass es trotz 250 Schülern aus 28 Nationen so leise auf den Fluren ist, dass die Lehrer streng an der Disziplin ihrer Eleven arbeiten – dass alles ist Teil des Alltags und des Selbstverständnisses der Schule. Leistungsdruck gehört dazu, wie im Spitzensport.

„Wir bilden für den Tänzerberuf aus, der nur machbar ist, wenn man sich selbst viel abverlangt und wahnsinnig diszipliniert ist“, sagt Gregor Seyffert, der künstlerische Leiter der Schule. Kein Wunder also, dass Clara für eine Elfjährige sehr erwachsen wirkt. Der „Bolero“ sei nicht ihr erster Auftritt, sie habe auch schon in Schwerin und Cottbus getanzt. „Ich will aber damit nicht angeben“, fügt sie hastig hinzu. Clara arbeitet jeden Tag hart für ihren Traum – als berühmte Balletttänzerin auf den großen Bühnen dieser Welt zu stehen. Den Applaus des Publikums zu genießen, wenn der Vorhang fällt.

Ob sie es bis dahin schafft, weiß niemand. Es gibt viele Unwägbarkeiten, von denen die Schüler nicht alle selbst in der Hand haben. Sie können sich verletzen, können ihre schmale Silhouette in der Pubertät verlieren, können zu groß werden. „Das Erscheinungsbild ist wichtig. Wir bilden ja Bühnenkünstler aus“, sagt Seyffert. Kommt jemand zu dick aus den Ferien zurück, wird sofort gegengesteuert, werden Ernährungspläne gemacht, wird die hauseigene Physiotherapie eingesetzt. Man achte aber auch auf die, die zu dünn werden, betont Seyffert.

Clara ist jetzt 1,40 Meter groß und wiegt 24 Kilo. Sie achtet streng auf ihre Ernährung, isst kein Fleisch, viel Gemüse. Auf die Frage, wann sie ihren letzten Schokoriegel gegessen hat, muss sie lange überlegen. Als Opfer betrachtet sie das nicht. „Ich will unbedingt Tänzerin werden“, sagt sie, und ihre Stimme klingt jetzt nicht mehr ganz so zart.

Sie nimmt auch in Kauf, dass sie ihre beste Freundin aus der Grundschulzeit nur selten sehen kann. Dass sie nur sonntags Zeit hat, um mit der Familie etwas Schönes zu machen. Aber was heißt das schon, etwas Schönes? „Wenn ich eine Woche Ferien habe und zu Hause sitze, wünsche ich mir schon, dass die Schule wieder anfängt“, sagt Clara.

Unterricht ist jeden Tag, auch am Sonnabend. Acht, neun Stunden verbringt die Pankowerin täglich in der Schule, hat normalen Unterricht, aber eben auch drei bis vier Stunden klassisches Ballett, Gymnastik, tänzerische Darstellung. Wenn sie nach Hause kommt, macht sie Hausaufgaben, dann geht es ins Bett. Vorher, so wollen es die Lehrer, muss sie sich dehnen. Damit der Körper schön biegsam bleibt.

Clara erzählt stolz, dass sie schon auf den Zehenspitzen stehen kann. „Auf Spitze“, wie es unter Tänzern heißt. Manchmal hat sie Blasen an den Füßen, das schmerzt. „Ich tanze dann trotzdem weiter.“ Zur schuleigenen Spezialität gehört auch, dass jedes Jahr aussortiert wird.

Am Ende sollen nur die Besten stehen. Dafür bekommen mehr als 90 Prozent der Absolventen später auch ein Engagement. Clara hat die gefürchtete erste Jahresprüfung bestanden. Fünf ihrer Mitschüler waren nicht gut genug, um weiterzumachen. Es hat Tränen gegeben. Auch bei Clara. „Das waren ja unsere Freunde.“

Clara tanzt, seit sie dreieinhalb Jahre alt ist. Ihr Vater, der früher selbst Balletttänzer war, hat sie mit in „Schwanensee“ genommen. „Ich fand das so schön“, sagt sie. Dann muss sie zurück in die Probe. Es gibt noch viel zu tun.

Gala der Staatlichen Ballettschule: Mo und Di, 19 Uhr, Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Karten für 9 bis 42 Euro an der Abendkasse oder unter 206 09 26 30