BerlinIn Berlin eskalieren die Machtkämpfe zwischen Tschetschenen und arabischen Clans. Es geht offenbar um Einfluss im Drogenmilieu. Am vergangenen Wochenende gab es mehrere Massenschlägereien zwischen Tschetschenen und Angehörigen des Remmo-Clans. Auslöser war nach Informationen der Berliner Zeitung eine gewalttätige Auseinandersetzung vor einem Spätkauf in der Wildenbruchstraße in Neukölln. 

Tschetschenische Schläger sollen dort am Samstagabend Mitglieder eines arabischen Clans angegriffen haben. 

Bis zu 30 Personen waren nach Angaben der Polizei vor dem Spätkauf mit Messern, Möbeln und Wasserpfeifen aufeinander losgegangen. Anschließend sollen bis auf drei verletzte Männer alle Beteiligten vor Ankunft der Polizei geflüchtet sein. Zeugenvideos, die der Berliner Zeitung vorliegen, zeigen Ausschnitte der brutalen Angriffe. Eine Anwohnerin filmte von einem Balkon, wie zwei Männer bewegungslos auf dem Gehweg liegen. 

Polizisten konnten kurz darauf sechs Tatverdächtige im Alter von 17 bis 31 Jahren auf der Flucht stellen und festnehmen. Bei den Männern handelt es sich laut Polizei um russische Staatsbürger. In der Szene heißt es, dass es Männer aus der autonomen russischen Teilrepublik Tschetschenien seien.

Mit Stichverletzungen ins Krankenhaus

Die Rache der Angegriffenen folgte bald: Etwa drei Stunden nach dem Angriff auf die Clanmitglieder wurden vor dem Gesundbrunnen-Center in Wedding mehrere Tschetschenen attackiert. Wie die Polizei bestätigte, hatten sich fünf russische Staatsbürger auf dem Hanne-Sobek-Platz an einem geparkten Porsche unterhalten, als zehn Schläger mit Autos vorfuhren, ausstiegen und die Gruppe sofort mit Messern und Baseballschlägern malträtierten. Dabei erlitten mehrere Tschetschenen Kopfplatzwunden, einer von ihnen kam mit einer Stichverletzung im Rücken ins Krankenhaus. Bei den Opfern soll es sich aber nicht um die ursprünglichen Angreifer von Neukölln gehandelt haben. „Die haben sich einfach wahllos irgendwelche Tschetschenen ausgesucht“, sagt ein Kenner der Szene.

Am Sonntag wurden erneut mehrere Tschetschenen auf dem Hanne-Sobek-Platz von einer 20-köpfigen Gruppe brutal angegriffen. Zwei  Männer, 31 und 43 Jahre alt und laut Polizei russische Staatsbürger, erlitten Schnitt- und Stichverletzungen. Lebensgefahr bestehe nicht, so ein Polizeisprecher. 

Nach Informationen der Berliner Zeitung trafen sich etwa 25 Tschetschenen am Sonntagabend in einer Weddinger Moschee und berieten über ihr weiteres Vorgehen. Am Montag tauchten sie bei einem Neuköllner Geschäftsmann auf, der als Friedensrichter zwischen verfeindeten Gruppen und Clans vermittelt. Die Tschetschenen verlangen Sühne für den Angriff auf sie. Zu dem Konflikt wollte der Mann sich gegenüber dieser Zeitung nicht äußern.

Tschetschenen gelten als kampferfahren und skrupellos 

Tschetschenische Banden gelten als besonders gewaltaffin. Das Bundeskriminalamt attestiert ihnen im aktuellen Lagebild Organisierte Kriminalität eine „überdurchschnittlich hohe Eskalations- und Gewaltbereitschaft“. Auch arabische Clans haben vor ihnen Respekt. Inzwischen betätigen sich tschetschenische Kriminelle nicht mehr als Handlanger für kriminelle Clans. Sie haben nach Beobachtung der Polizei eigene kriminelle Strukturen aufgebaut.

Viele Mitglieder der Gangs sind durch zwei Tschetschenien-Kriege kampferfahren. Sie zögern nicht, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, wie Schießereien im Märkischen Viertel in Reinickendorf im August 2018 und 2019 zeigten. Auch ein Café wurde im Mai 2017 von einer tschetschenischen Bande mit einer Maschinenpistole beschossen, weil der Wirt nicht für eine Marihuana-Lieferung zahlen wollte - angeblich wegen mangelnder Qualität.

Mittlerweile hat das zuständige Fachkommissariat für Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt die Ermittlungen zu den aktuellen Prügeleien übernommen.