Gern mache ich das nicht – ein Restaurant zu verreißen. Schon gar nicht, wenn es einem sehr prominenten und beliebten Schauspieler gehört. Als Kritikerin steht man dann sofort im Verdacht, dem Schauspieler, der ja offensichtlich schon ein Riesentalent hat, nicht zuzutrauen, auch auf einem anderen Gebiet gut zu sein. Oder noch schlimmer: Die Leute denken, man gönne ihm seinen Erfolg nicht.

Das ist ehrlich nicht der Fall. Ich finde, Daniel Brühl hat jedes bisschen seines hart erarbeiteten Erfolgs verdient. Er ist ein großartiger Schauspieler, und auch sonst scheint er ein umgänglicher Kerl zu sein, der sich Berlin verbunden fühlt und hier einiges auf die Beine stellt. Zum Beispiel betreibt er seit über sechs Jahren die Bar Raval in Kreuzberg. Deren so normaler, lässig-spanischer Flair gefiel mir bei meinem Besuch vor Jahren – über die paar Tapas, die ich aß, weiß ich leider nicht mehr viel zu sagen.

Die Bar Gracia in Prenzlauer Berg

Nun habe ich jedoch sein zweites gastronomisches Projekt besucht, die Bar Gracia. Wieder hat er sie zusammen mit seinem Bar Raval-Geschäftspartner Atilano González eröffnet – diesmal aber Prenzlauer Berg ausgesucht, genauer: den Helmholtzkiez. Ich kenne den Laden noch als Osswald, ein Frühstückscafé, in dem ich Ende der 90er brunchte und auch fast zwei Jahrzehnte später noch immer die gleichen Wurstvariationen sowie Camembert mit Traubengarnitur bekam.

Nun ist die Bar Gracia eingezogen, die zunächst vielversprechend klang: Brühl, der Halbspanier ist, hat sich seine Lieblings-Tapasbar namens La Pepita in Barcelonas Ausgehviertel Gracia zum Vorbild genommen – und wollte ihr, was den Namen sowie einige Speisen angeht, in Berlin ein Denkmal setzen. Nun kenne ich das Original nicht. Doch bei meinem Besuch war ich entsetzt, wie lieblos und rückwärtsgewandt die Bar und das Essen gestaltet sind.

Wer im Jahr 2017 ein Restaurant eröffnet, in dem er lediglich die Wände ein bisschen blau anmalt und den alten Fußboden überpinselt, der hat die Entwicklung der Gastronomie, etwa in Neukölln eindrucksvoll zu beobachten, verpasst. Der Service wurde in unförmige, schwarze Poloshirts gesteckt, und ebenso unprofessionell verhält er sich leider auch. Meine Bedienung kennt die Speisekarte nicht, es gibt etwa je fünfzehn kalte und warme Tapas, jede Nachfrage verwirrt sie mehr. Es ist nicht ihre Schuld, man merkt, es fehlt Führung. Wenn der Inhaber keine Zeit hat, braucht es einen engagierten Küchenchef, der alle auf Linie bringt, sodass jeder Produkt und Speisen genauestens kennt. Doch auch der Küchenchef scheint mir ziemlich leidenschaftslos, zumindest deuten seine Tapas darauf hin.

Das neue Restaurant von Daniel Brühl

Das vegetarische Ceviche war schlicht nicht essbar, weil ein mit Maisstärke gebundener Essig-Mangosaft ein paar Karottenklötzchen, Maiskolben, grob gestückelte Rote Beete und Zwiebeln zusammenband, was einfach nur seifig und schrecklich schmeckte.

Danach ging es aufwärts, vom Schnittlauch mal abgesehen, mit dem ausnahmslos jedes Gericht besprenkelt ist. Die Tortilla war zwar ein Omelett, weil statt Kartoffeln die Eier dominierten. Aber immerhin war sie saftig. Gut gefiel mir der Oktopus, hier stimmten Konsistenzen und Aromen: Knackige Zuckerschoten waren geschreddert über einem salzigen, auf Holzkohle gegrillten Pulpo, wozu sich ein zitroniger Kartoffelbrei gut machte.

Triste Tapas

Der in Manchego gewälzte Mozzarella-Salat mit Wassermelone wiederum schmeckte bestenfalls langweilig, eigentlich aber viel zu sauer – ein Problem, das auf fast alle Tapas zutraf. Auch mein Hundshai wurde vor dem Frittieren noch in Essig eingelegt. Ich kenne spanisches Essen als Olivenöl-Küche, in der Bar Gracia steckt es aber unverständlicherweise voll Essig.

Ich wünsche Daniel Brühl allen Erfolg, nur als Gast kann er leider mit mir nicht rechnen.