In Zeiten, in denen viele Menschen mit Selbstoptimierung beschäftigt sind und ihren Tag mit Hilfe von Apps noch effektiver nutzen wollen, kommt man sich im Sofia in der Wrangelstraße vor wie in einer Blase. Die Leute hier verbringen ihre Zeit mit etwas, dessen Wert unterschätzt wird: dem Abhängen. Hier treffen sich Nachbarn, Exzentriker und Normalos, Touristen, Säufer und gescheiterte Existenzen. Keiner der Gäste an diesem frühen Abend denkt auch nur im Traum daran, für einen Chef oder eine Chefin erreichbar zu sein. Stattdessen werden Gespräche an der Bar geführt, mit sich selbst oder Umsitzenden, das ist nicht immer ganz klar und auch egal.

Genau so will es Spunk Seipel, einer der beiden Betreiber und Künstler, auch haben: ein Kiezcafé, demokratisch und skurril. Dafür sorgen die spleenigen Gäste und das ambitioniert-schräge Kulturprogramm. Seipel sitzt vor der albanischen Seenlandschaft, mit der die Vorbesitzer die Wände gestaltet haben. Man trifft sich davor zum Transen-Volksmusikstadl und zum Karaokesingen. Das Schöne: Nicht einer allein performt auf der Bühne, sondern alle singen, johlen oder brummen mit. Kürzlich gab es eine „Glücksrad“-Show, die drei Stammgäste organisiert hatten. Das sei ein schöner Abend gewesen, schwärmt Seipel. Ein Bild von Maren Gilzer neben der Bar erinnert daran. Nur sprachlich nicht ganz einfach, denn einer der Gastgeber habe vor Aufregung in seiner Muttersprache gesprochen, Schwedisch, das habe natürlich niemand verstanden.

Mit Penis fotografiert

Der Höhepunkt des Jahres ist der Homo-Laternenumzug, den Seipel seit sechs Jahren an Sankt Martin veranstaltet, bei dem auch Heteros mitmachen dürfen. „Schwul-lesbisch sagt man ja nicht mehr, viele hier sind LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans)“, sagt Seipel. Beim letzten Umzug hatte einer der Teilnehmer, übrigens hetero, einen zwei Meter hohen Penis gebastelt, in dem er den Zug von 70 Leuten anführte. Mütter hätten besorgt ihre Kinder weggezogen, richtig problematisch sei es am Schlesischen Tor geworden: Alle wollten mit dem Penis fotografiert werden. Drinnen war es heiß, der Mann wurde hin und her geschubst und war genervt. Ein bisschen erinnert die Atmosphäre an eine Klassenfahrt, nur mit mehr Freiheiten. Ein Gast komme manchmal als Biene Maja verkleidet, ein Barkeeper ab und zu im Elefantenkostüm. Warum? „Als Schutzschild, wenn es ihm nicht gut geht.“ Seipel ist ein Chef, der für vieles Verständnis hat. Von Normierung hält er ohnehin nicht viel. Vor Kurzem hat der 40-Jährige seine Dissertation in Kunstgeschichte abgegeben, es geht um Bodymodification als künstlerischem Ausdruck. Der gebürtige Franke spricht leise und mit weich rollendem R, er schreibt Theaterstücke, zeichnet Kinderbücher und kuratiert gerade eine Ausstellung über den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, den die deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia verübte.

Mit Netzbody an der Bar

Seit neun Jahren gibt es das Sofia, davor betrieb Seipel eine Galerie in Friedrichshain. „Ich genieße es, hier Bier auszuschenken und nicht dauernd über Kunst zu reden.“ Ein bisschen ist er auch Sozialarbeiter. Hier dürfen sich auch die aufwärmen, die in den umliegenden Kneipen Hausverbot haben. Das führe manchmal zu Konfrontationen, erzählt Seipel. Durch die Mietsteigerungen ändere sich die Klientel. Manche Zugezogenen reagierten allergisch auf jemanden wie den, der sich gerade an der Bar niedergelassen hat und der einen Arzt neben ihm anpöbelt. Der Arzt motzt zurück und man beginnt zu plaudern. Das Sofia soll ein Freiraum bleiben.

In seiner Bar lerne Seipel immer interessante Leute kennen. Zum Beispiel die Iranerin, die ein halbes Jahr lang regelmäßig im Netzbody an der Bar stand, bevor sie in den Kitkat-Club ging. Und die danach in den Iran zurückkehrte, wo sie wieder Schleier trägt.

Lustig sei auch ein alter Punk. „Der wohnt in einer alten Wohnung, zahlt für fünf Zimmer schätzungsweise 160 Euro und hat oft Besuch von anderen Punks.“ Die hörten dann laut Musik und das störe die Frau in der Wohnung darunter, die morgens ins Büro muss. Die beiden träfen regelmäßig an der Bar aufeinander. „Das gibt immer große Diskussionen“, erzählt Seipel belustigt. Die endeten jedoch friedlich, weil beide immer zu dem Schluss kämen, dass ein dritter Mieter noch viel schlimmer sei. Der würde jeden Morgen um acht staubsaugen, Frechheit.