Vor dem Schlesischen Tor war einst das Heinz Minki zu Hause. Doch seit dem 6. Juli haben Danny Faber und Sese Baier das Kommando in dem 1859 gebauten Steuerhaus der Königlichen Wasserinspektion übernommen. Die ehemaligen Bar25-Mitbetreiber wollen nun Partys feiern, wo einst rund um ein hübsches Backsteinhaus in einem romantischen Garten gemütlich herumgelümmelt wurde.

Im vorderen Bereich des Geländes ist alles unverändert: Es gibt zwei nebeneinanderliegende Bars, davor stehen zwei kleine runde Tische. Hinter den beiden Tischen befindet sich eine lodernde Feuerstelle, um die in dieser Sommernacht viele herumsitzen. Ein Hauch von Ferienlager liegt in der Luft. Es fehlen nur der Gitarrenspieler und die Marshmallows, die über dem Feuer brutzeln. Wenige Schritte vom Lagerfeuer entfernt führt eine Treppe hinab zum zweiten Teil des Freiluftgeländes.

Vogelkäfige mit Glühbirnen

Auch hier unten knistert ein Lagerfeuer, vor dem sich zwei Pärchen aufwärmen. Holznachschub gibt es beim Grillmeister, der nebenan seinen Arbeitsplatz aufgeschlagen hat und bis Mitternacht Würstchen brät. Wenige Schritte weiter rechts steht ein DJ-Pult, daneben wiederum eine Bar mit ein paar Stühlen davor. Überall auf dem Gelände hängen mit Glühbirnen ausstaffierte alte Vogelkäfige. Zwischen den Bäumen sind grüne und rote Lampions gespannt und tauchen den Ort in ein angenehmes Licht.

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Die vom DJ aufgelegten 80er-Jahre-Synthesizer-Klänge ertönen leise und dienen nur als Hintergrundbeschallung. Deutlicher zu hören ist das Stimmengewirr der Anwesenden. Doch um kurz vor Mitternacht zucken alle zusammen: Aus einer kleinen überdachten Holznische, die hinter dem Teich gelegen ist, ertönt Klaviermusik – der Flohwalzer, gespielt von einer jungen Frau, die sich kurzerhand dazu entschlossen hat und nach wenigen Sekunden aufhört.

Die Lagerfeuergruppe bleibt sitzen

Dieser Moment ist so etwas wie der inoffizielle Startschuss für die Party, die gegen Mitternacht im ersten Stock des Gebäudes eingeläutet wird. Denn als sie aufhört, dringen plötzlich wummernde Bässe aus dem Inneren hervor. Ein Großteil der Gäste folgt dem Bass, die Lagerfeuergruppe bleibt unbeirrt sitzen.

Wer sich in Richtung Dancefloor aufgemacht hat und den kurzen Flur betritt, sieht zunächst eine streng bewachte Treppe auf der rechten Seite. Hier darf nur ausgewähltes Publikum hochgehen. Es heißt, bald soll oben ein zweiter Floor entstehen, jetzt ist das mysteriöse Obergeschoss noch ein Backstagebereich. Gleich hinter dem Treppenbewacher geht es rechts zum Dancefloor.

Kaum Paradiesvögel

In dem überschaubaren Raum steht ein imposanter Tresen mit gemütlichen Ledersitzen, dahinter ein aufwendig verzierter Holzschrank. Alles hier wirkt edel und hochwertig, die holzvertäfelte Decke sowie die bedruckten Tapeten. In der hintersten Ecke des Raumes steht das DJ-Pult, um das sich die tanzenden Leute versammeln. Die meisten sind 30 Jahre oder älter, das Chalet scheint kein Ort für Club-Erstsemester zu sein.

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Man hätte unter den Besuchern deutlich mehr Paradiesvögel erwartet. Doch im Publikum tummeln sich nicht besonders viel schräge Typen wie einst in der Bar25. Zu salonfähig sind Elektro-Partys, zu Mainstream mittlerweile die Marke Bar25. Dennoch baut sich gegen 2 Uhr nachts eine immense Menschenschlange vor dem Chalet auf – und das, obschon die Betreiber keinerlei Öffentlichkeitsarbeit betrieben haben. Zum einen möchte man möglichst lange Underground bleiben, zum anderen hat man es nicht nötig, die Werbetrommel zu rühren.

Ein normaler Ort geht verloren

Denn die Marke Bar25 verfügt über eine große Anziehungskraft. Schnell hat sich herumgesprochen, dass ein Teil der ehemaligen Crew im angesagten Kiez rund ums Schlesische Tor einen neuen Laden eröffnet hat. Manche mögen es bitter finden, dass mit dem Heinz Minki dem Kiez ein weiterer normaler, unaufgeregter Ort verloren geht. Im Biergarten konnte man entspannt sitzen, ohne dabei auf Dresscode oder Coolnessgrad zu achten. Das ist nun vorbei. Wer am prüfenden, teils herablassenden Blick der Türsteher vorbeigekommen ist, findet sich inmitten von Szenemenschen wieder. Die prüfenden Blicke werden drinnen gewiss nicht weniger als an der Tür.

Chalet, Vor dem Schlesischen Tor 3, Kreuzberg. www.chalet-berlin.de