Berlin - Das Ziel steht fest: Sobald es die Verhältnisse zulassen, sollen in den Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wieder Fahrscheine verkauft werden. Doch ebenso klar ist: Anders als früher werden die Fahrgäste für Münzen und Geldscheine keine Tickets mehr bekommen, sondern nur noch mit Karte oder Handy. „Aktuell ist geplant, ein Pilotprojekt mit bargeld- und dadurch kontaktloser Zahlung in den Bussen zu starten“, sagte Jannes Schwentu, Sprecher des Landesunternehmens, der Berliner Zeitung. „So wird in Corona-Zeiten das Hantieren mit Bargeld vermieden.“ Zwar sei „nicht auf Dauer ausgeschlossen“, dass nach dem Ende des Projekts Münzen und Banknoten wieder akzeptiert werden – wie bis Mitte März 2020. Insider gehen aber davon aus, dass es dazu nicht mehr kommen wird: „Die Bargeldzahlung im Bus wird abgeschafft.“ Doch in der Senatsverwaltung sieht man den Plan kritisch, wie am Mittwoch zu erfahren war. 

„Die Vorbereitungen für den bargeld- und kontaktlosen Betrieb im Bus laufen“, sagte Jannes Schwentu. In den vergangenen Monaten sei die Technik ausgiebig getestet worden, wurde intern bestätigt. Auf den Linien 296, 309, 310 und 396 wurden Busse mit NFC-Lesegeräten ausgestattet, BVG-Mitarbeiter fungierten als Testpersonen. Ob mit EC-Karte, Kreditkarte oder anderen Zahlungsmitteln mit Chip: „Das Ganze funktioniert problemlos.“ Nur auf aufladbare Karten, wie sie die BVG ihren Kunden künftig anbieten will, sei die Technik bisher nicht eingestellt. „Der Einbau der Geräte dauert nur wenige Minuten“, hieß es. In kurzer Zeit könnte die reguläre Busflotte der BVG, die fast 1400 Fahrzeuge umfasst, auf bargeldlose Zahlung umgestellt werden.

Glasscheiben sollen das Fahrpersonal vor Viren schützen

Anders als vor der Pandemie müsste das Fahrpersonal künftig kein Geld mehr anfassen. Damit käme die BVG vielen Beschäftigten entgegen, die sich davor fürchten, mit dem Coronavirus angesteckt zu werden – obwohl Bargeld als unbedenklich und der Nahverkehr nicht als Hotspot der Ansteckung gilt. Aber auch das Unternehmen hätte Vorteile. Derzeit müssen Münzen und Banknoten in den Betriebshöfen abgegeben, gezählt und sicher gelagert werden – diese Kosten ließen sich künftig sparen. Besonders aufwendig sei die Unterhaltung der Automaten, die das Geld zählen. Sie müssten geeicht werden und die Gummiwalzen sowie andere Teile fielen immer wieder aus, hieß es.

Foto: BVG/Kevin Doan
Anfangs wurde sie „Spuckschutz“ genannt: Eine zusätzliche Glasscheibe schützt den Fahrer in diesem Bus vor schädlichen Aerosolen.

„Natürlich sollen Fahrgäste zukünftig wieder im Bus Tickets kaufen können“, bekräftigte Jannes Schwentu. Doch wann wird das möglich sein? „Grundsätzlich muss dafür zunächst der Vordereinstieg wieder geöffnet sein.“ Zum 11. März 2020 wurden die vorderen Bustüren für Fahrgäste geschlossen und der Ticketverkauf endete. Damit das wieder rückgängig gemacht werden kann, müssten zunächst alle Busse zusätzliche Scheiben im Fahrerbereich erhalten. Das Glas soll vor Aerosolen, die Viren mit sich tragen können, schützen.

Doch der Einbau ist ins Stocken gekommen. „Es fehlen aktuell noch Scheiben in rund 180 Fahrzeugen“, so der BVG-Sprecher. Die Techniker seien damit ausgelastet, die vom Senat angeforderten zusätzlichen Busse in Schuss zu halten. Rund 100 Wagen, unter anderem zur Ausmusterung vorgesehene Fahrzeuge, verstärken die reguläre Busflotte. Sie hätten Vorrang. „Wir können noch nicht sagen, wann der Einbau der Scheiben abgeschlossen sein wird“, sagte Schwentu. Die Busse sollen mindestens bis zum Beginn der Osterferien Ende März fahren. Bleiben sie länger in Betrieb, verzögert sich der Einbau weiter.

Berliner Senat hat Bedenken

Doch der Senat drückt aufs Tempo. Dem Vernehmen nach hat Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne) erst Ende der vergangenen Woche den Wunsch wiederholt, dass die BVG den Vordereinstieg bald wieder öffnen soll. Dem Landesunternehmen entgingen Fahrgelderträge in beträchtlicher Höhe, sagte er. Doch erst müssten alle Busse, die eingesetzt werden, mit zusätzlichen Glasscheiben im Fahrerbereich ausgestattet worden sein, bekräftigte Schwentu. „Wir möchten die Vordertüren gern flächendeckend öffnen, damit sich die Fahrgäste darauf auch verlassen können.“

Manch einer bei der BVG halte die Öffnung zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin für das falsche Signal, hieß es intern. Denn die positive Entwicklung, die in der Corona-Krise erkennbar war, sei ins Stocken geraten, zum Teil habe sie sich sogar umgekehrt. Das Virus sei weiterhin eine Gefahr.

Offiziell nennt die BVG keinen Termin mehr, wann der Vordereinstieg wieder möglich ist. Deshalb kann Sprecher Jannes Schwentu jetzt auch noch nicht sagen, wann das Pilotprojekt für den bargeldlosen Ticketverkauf beginnt. Für die Straßenbahn testet die BVG bereits seit einem Jahr Fahrscheinautomaten, die kein Bargeld annehmen.

Zwar gehen die Beförderungsbedingungen des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) davon aus, dass Fahrgäste weiterhin mit Münzen und Scheinen bezahlen können. Bargeldverfechter weisen darauf hin, dass Wohnungslose und andere Menschen kein Bankkonto und auch kein Plastikgeld hätten. Auch Senioren zahlten lieber bar, hieß es.

Das sieht man dem Vernehmen nach auch in der Verkehrsverwaltung so. Weil Bargeld für zahlreiche Menschen das einzige verfügbare Zahlungsmittel sei, müsse es auch in BVG-Bussen akzeptiert werden, hieß es in Senatskreisen. Schon während des Pilotprojekts müsse es die Möglichkeit geben, mit Münzen und Geldscheinen zu bezahlen.

Fahrgastverband: Bargeld ist „Säbelzahntiger“ der Zahlungsmittel

Allerdings: „Eine Verpflichtung zur ausschließlichen Annahme von Bargeld ist nicht eindeutig aus den Beförderungsbedingungen abzuleiten“, hieß es am Dienstag in VBB-Kreisen. Die Regelung im Paragrafen 7 sei im Laufe der Jahre mehrfach geändert worden, „auch in Anpassung auf die sich verändernden Gegebenheiten in Bezug auf Bezahlmöglichkeiten“, so ein Hinweis. Und: Im Vergleich zu dem seit fast einem Jahr geltenden Zustand wäre es schon ein Fortschritt, wenn es in Bussen zumindest gegen Karten- oder Handyzahlung wieder Fahrscheine zu kaufen gäbe.

Beim Fahrgastverband IGEB sieht man das BVG-Vorhaben nicht kritisch. „In Deutschland hat sich ein dramatischer Wandel vollzogen“, sagte Sprecher Jens Wieseke. „Inzwischen gilt das Bargeld auch bei uns als das Mammut oder der Säbelzahntiger der Zahlungsmittel“ – früher oder später werde es verschwinden.

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