Das Holzpodest sieht massiv aus, es ist fast einen halben Meter hoch. Gezimmert wurde es jetzt auf der Klosterstraße in Mitte direkt vor der Parochialkirche. Und es soll einem ganz speziellen Zweck dienen: Auf der Holzplattform wird in den nächsten Monaten die Stahlkonstruktion für den neuen Turm der Parochialkirche montiert. „Es ist traumhaft, dass der Turm mit seinem einzigartigen Glockenspiel über 70 Jahre nach der Zerstörung jetzt neu errichtet werden kann“, sagt der Architekt Jochen Langeheinecke aus Werneuchen (Barnim).

Schon seit 1991 begleitet der Architekt die Rekonstruktion der über 300 Jahre alten Barockkirche. Der Turmstumpf ist wiederhergestellt, ebenso das Kirchenschiff und die helle Putzfassade. Auch für den Turm hat der Architekt die Planung erarbeitet, doch trotz vieler privater Spenden fehlte lange das Geld. „Ich verfolge über 20 Jahre die Idee für den Turm. Von Tag zu Tag wird nun alles klarer“, so Langeheinecke.

Lotto gibt Geld

Denn die Finanzierung ist mittlerweile gesichert. Die Lotto-Stiftung Berlin hat im Herbst 2014 als eine erste Rate zwei Millionen Euro für den Turm bewilligt. Der soll aus einer Konstruktion aus Stahl und Holz entstehen und mit grauem Kupferblech verkleidet werden. Der Turm wird wie wieder mehrere Etagen erhalten etwa das Glocken- sowie das Uhrengeschoss, ganz oben befindet sich eine quadratische Pyramide mit dem sogenannten Kaiserstiel, der Turmspitze – sie wird in 65 Meter Höhe von einer 1,20 Meter großen, drehbaren Sonne gekrönt.

Die ersten Säulen und Träger hat die Stahl- und Metallbaufirma Heckmann in Hoppegarten schon angefertigt. Sie werden nun in der Zinkerei farblich beschichtet. Schon ab September wird das Holzpodest in der Klosterstraße gebraucht: „Dort werden alle Geschosse vollständig am Boden montiert“, sagt der Architekt. Wenn alles klappt, wird im Mai oder Juni 2016 ein Kran Etage für Etage in die Höhe hieven, so dass der neue Turm entsteht.

Berühmt war die Parochialkirche im Klosterviertel für ihr Glockenspiel. Stündlich wurden mit den damals 37 Glocken Lieder gespielt. An Wochenenden kamen Tausende Menschen und hörten den Melodien zu, auch im Rundfunk gab es Übertragungen. Doch im Mai 1944 fielen Brandbomben auf die Kirche. Der Turm stürzte samt Glockenspiel ein. Wegen der Bedeutung des Carillons ist es der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien, zu der die Parochialkirche gehört, sehr wichtig, dass beim Aufbau des Turms wieder ein neues Glockenspiel installiert wird.

Auch darum kümmert sich Langeheinecke: Er hat die königliche Glockengießerei Petit & Fritsen in den Niederlanden, die jetzt zur Glocken- und Turmuhrenfabrik Eijsbouts gehört, damit beauftragt, ein neues Glockenspiel anzufertigen. Denn auch die historischen Glocken stammen aus den Niederlanden. Wie der Architekt sagt, werde das neue Glockenspiel statt 37 künftig 52 Bronzeglocken haben.

Gespielt werden kann das Carillon digital aber auch manuell. Für einen Carillonneur wird im Glockengeschoss eine Spielstube eingerichtet, das ist ein extra Raum, von wo aus die Glocken gespielt werden.
Unterstützt wird die Gemeinde beim Wiederaufbau des Turms vom Verein „Denk mal an Berlin“. Dessen Chef Hans Wall hat das Projekt mit einer Privatspende von 420.000 Euro unterstützt. Wall bezeichnet den Turm als ein Juwel Berliner Barockbaukunst, das Glockenspiel werde wieder seinen Klang aussenden.

Zudem plant die Kirchengemeinde eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Kirchliches Kulturerbe, die in der Kirche ausstellen will, sowie mit der Universität der Künste. Insgesamt 3,5 Millionen Euro wird der neue Turm samt Glockenspiel kosten. Eine zweite Rate von Lotto soll 800.000 Euro bringen. Die Kirchengemeinde ist überzeugt: Der neue Kirchturm wird zur Belebung des Klosterviertels beitragen, einem der ältesten Viertel in Berlin.