Berlin - Tausend Mal berührt, tausend Mal ist nichts passiert, hat Klaus Lage gesungen. Jürgen Schneider, dem Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen, ist jetzt etwas Ähnliches passiert. Neun Mal ist Jürgen Schneider in den vergangenen Tagen mit dem Bus gefahren. Jedes Mal hat er den blau-gelben Knopf neben der mittleren Tür gedrückt, der dem Fahrer signalisiert, dass der Doppeldecker abgesenkt und das Einsteigen erleichtert werden soll. „Aber in allen neun Fällen ist nichts geschehen“, berichtete Schneider am Montag im Sozialausschuss des Abgeordnetenhauses.

Auf Anfrage hätten die Busfahrer mitgeteilt, dass sie die Anforderung nicht mehr ernst nähmen, weil mit dem Knopf zu oft Schabernack getrieben werde. Schneiders Bilanz des Selbstversuchs auf der Linie M 29: Das neue Konzept der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), wonach Busse nur noch auf Anforderung in die Knie gehen, funktioniere nicht.

„Kneeling“ ist das englische Wort für knien. Busse gehen in die Knie, damit Behinderte, Senioren, Blinde und Menschen mit Kinderwagen oder Gepäck keine großen Stufen überwinden müssen. Bisher senkten sich die rund 1 300 BVG-Busse an jeder Haltestelle automatisch ab.

Doch inzwischen hat die BVG 152 einstöckige Busse und alle 416 Doppeldecker auf Bedarfs-Kneeling umgestellt, um die Technik und das Fahrpersonal zu schonen. Diese Busse gehen nur in die Knie, wenn dies angefordert wird – zum Beispiel, indem jemand den „Komfortknopf“ an der Außenseite drückt.

Kritik nun auch vom Senat

Während der Ausschusssitzung am Montag sprach sich der Staatssekretär für Soziales, Michael Büge (CDU), klar gegen die Umstellung aus. „Wir setzen uns dafür ein, dass es nicht dazu kommt“, sagte er. Die bisherige Praxis sei „die richtige“. Er bemängelte, dass die BVG ohne viel Aufhebens sämtliche Doppeldecker ebenfalls umgerüstet habe. Büges Kritik zeigte, dass die BVG nun auch in der Koalition auf Kritik stößt.

In der Opposition sowieso: „Behinderte werden zu Bittstellern, das wollen wir nicht“, sagte Elke Breitenbach (Linke). „Menschen, die im Rollstuhl sitzen, müssen erst mal an den ’Komfortknopf’ herankommen, Blinde müssen ihn erst mal finden.“ In halbleeren Bussen mit netten Fahrern könne das Konzept vielleicht funktionieren, sagte Jasenka Villbrandt (Grüne), im BVG-Alltag dagegen nicht. „Wir können die Entscheidung, ob ein Bus abgesenkt wird, nicht dem Fahrpersonal überlassen“, pflichtete Schneider bei. Es sei schon überlastet genug.

In Anträgen fordern die Linke und die Grünen dafür zu sorgen, dass es beim automatischen Kneeling bleibt. Darüber will der Sozialausschuss am 3. September entscheiden – nach einer Anhörung, zu der auch die BVG geladen wird.

Doch das Landesunternehmen hält an seinen Plänen fest, Busse nur noch mit Bedarfs-Kneeling zu kaufen. „Im vergangenen Vierteljahr haben wir lediglich 14 Beschwerden bekommen, das ist nicht nennenswert“, sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Was Jürgen Schneider passiert ist, sei nicht akzeptabel. „Wenn der Knopf gedrückt wird, muss der Fahrer den Bus absenken. Sonst gibt es Ärger mit dem Vorgesetzten.“