Basta, Berlin: Fünf Anzeichen, dass Sie mit der Stadt fertig sind

Jeder fragt sich irgendwann einmal, ob Berlin noch gut für ihn ist. Wird es Zeit für einen Ortswechsel oder lohnt es, noch zu bleiben? Eine Entscheidungshilfe.

Reicht die S-Bahn? Manchmal genügt schon die Fahrt in einen anderen Kiez, um sich mit Berlin wieder zu versöhnen.
Reicht die S-Bahn? Manchmal genügt schon die Fahrt in einen anderen Kiez, um sich mit Berlin wieder zu versöhnen.Christian Schulz

Von Berlin kann man schnell mal genug haben. Zu viel Müll, zu viel Lärm, zu viele Hipster, zu viele Touristen, zu wenig Wohnraum – die Liste der Nervthemen ist lang, und ständig kommen neue hinzu. Meistens reicht ein längerer Urlaub, um sich wieder mit der Hauptstadt zu versöhnen. Ein Blick ins Ausland genügt mitunter, um die hiesigen Gegebenheiten wieder wertzuschätzen oder sie doch zumindest zu relativieren.

Zumal für die meisten Berliner außer Hamburg eh keine andere deutsche Stadt infrage kommt, in der man dauerhaft leben möchte. Und da Hamburg noch teurer ist, erledigt sich ein Umzugsgedanke recht schnell wieder. Sollten Sie jedoch diese fünf Anzeichen bei sich entdecken, dann ist es vielleicht doch Zeit, Berlin dauerhaft den Rücken zu kehren. 


1. „Geheime Orte“ nötigen Ihnen nur ein müdes Lächeln ab

Wir alle kennen die Empfehlungen für ganz geheime Geheimtipps in Berlin, für Hidden Places, die derart im Verborgenen liegen, dass sie angeblich kaum einer kennt. Außer natürlich jene Menschen, die drüber schreiben, und jene, die davor schon darüber geschrieben haben.

Ein paar Beispiele: Die Website berlin-hidden-places.de listet unter unbekannten Museen das Georg-Kolbe-Museum in Westend und das Gründerzeitmuseum im Gutshaus Mahlsdorf auf. Unter Bars und Restaurants werden das Sale e Tabacchi in der Rudi-Dutschke-Straße und der Spiegelsaal in Clärchens Ballhaus genannt.

Glanz alter Tage: Spiegelsaal in Clärchens Ballhaus.
Glanz alter Tage: Spiegelsaal in Clärchens Ballhaus.Sabine Gudath

Auch Berlins offizielles Reiseportal VisitBerlin weiß um „Hidden Places in Berlin“ und schreibt im Text dazu: „Wenn Sie eine so große Stadt wie Berlin besuchen, ist es hilfreich, zu wissen, wie Sie das Beste aus Ihrer Reise herausholen können. Es gibt ein paar weniger bekannte Juwelen, nach denen Sie Ausschau halten sollten. Der Volkspark Friedrichshain gehört zu den schönsten und ältesten Stadtparks und erfreut sich heute eines trendigen Flairs.“ Als weiterer „großartiger Insidertipp“ wird der Besuch des oft übersehenen Deutschen Spionagemuseums empfohlen.

Sollten Sie bei der Lektüre innerlich mit den Augen rollen, weil Sie all diese Orte schon kennen oder nie beabsichtigt haben, diese zu besuchen, dann deutet das ganz klar auf einen Berlin-Koller hin. 


2. In Ihrem Innersten betreiben Sie Berlin-Bashing

Man muss nicht lange warten, bis die im Berlin-Bashing bestens geübte Facebook- oder Twitter-Kommentatorenarmada zuschlägt. Dabei ist es eigentlich egal, worum es im Ursprungstext geht. Ob Verkehrsunfälle, Klimaaktivisten, ein Neubauprojekt am Alexanderplatz oder Ferienansturm am BER, es sind die immer gleichen Kommentare.

Vom „Shithole Berlin“ ist da die Rede, vom Moloch, der Failed City, in der nichts funktioniert, in der längst Aktivisten und Ideologen das Ruder übernommen haben. „Berlin ist ja auch eine Hochburg von Linksgrün. Die Bürger dort stehen mehrheitlich ganz weit links und grün“, ist so ein typischer Social-Media-Take. Oder auch: „Die wollen es da genau so. Wie gewählt, so geliefert. Berlin ist komplett am Ende und dem Untergang geweiht.“

Nun hoffen wir einfach mal, dass Sie nicht zu den Troll-Apologeten gehören, die ihren Frust unter jeden Facebook-Post klieren müssen. Aber ein Gedankenspiel sei erlaubt. Stellen Sie sich vor, Sie lesen einen Artikel, in dem es darum geht, wie viel illegaler Müll im vergangenen Jahr in Berliner Parks und auf Gehwegen abgeladen wurde. Oder führen Sie sich nochmals vor Augen, wie teuer die möglichen Wiederholungswahlen in Berlin wahrscheinlich werden. 39 Millionen Euro!

Was geht Ihnen nun durch den Kopf? Etwa ein Shithole-Gedanke? Typisch Berlin? Hier klappt aber auch gar nichts? Werden Sie etwa nächstens ein Facebook-Profil erstellen, in dem Sie sich einen Fantasienamen à la „Wolfgang Weißvonnix“ geben und fortan an jeder Stelle über Berlin herziehen? Dann nichts wie weg, bevor es zu spät ist!


3. Auch eine Fahrt nach Grunewald kann Sie nicht versöhnen

In Berlin ist es ja so: Wenn man in der Innenstadt lebt und irgendwann genug hat von Görlitzer Park, Hasenheide, dem Kollwitzkiez oder der Revaler Straße, dann reicht oft der Sprung in einen anderen Kiez, um sich wieder mit der Stadt zu versöhnen.

Ein Nachmittag in der dörflichen Idylle der Domäne Dahlem, eine Joggingrunde um den Grunewaldsee, ein Spaziergang in Rixdorf mit Abstecher in den Comenius-Garten, tropisches Feeling im Botanischen Garten ... Es gibt genug Orte, die einen fast vergessen lassen, dass man sich noch mitten in einer Millionenstadt befindet.

Aber eben auch nur fast, denn irgendwann muss man eben doch wieder zum Alex fahren oder zur Friedrichstraße und ärgert sich dann über den Trubel, die Baustellen und die hippen Stadtmöbel. Selbst wenn man noch so tief eintaucht in das größte Waldgebiet im Westen Berlins, der Erholungseffekt hält nicht lange vor. Wenn Sie am liebsten gar nicht mehr zurückkehren wollen von Ihrer Laufstrecke im Grunewald, dann ist Ihnen wohl die Berlin-Puste in Gänze ausgegangen.


4. Fahrradklau und angeschrien werden: Sie haben alles erlebt

Mehr als 12.000 Räder sind bei der Polizei allein im ersten Halbjahr 2022 als gestohlen gemeldet worden. Ob bekannt oder unbekannt, irgendwann erwischt es jeden. Vor zwei Jahren twitterte die Berliner Grünen-Politikerin Canan Bayram, dass ihr im Innenhof mit drei Schlössern angeschlossenes Rad geklaut worden war. Es sei ihr „Dienstwagen“, mit dem sie jeden Tag in ihrem Wahlkreis in Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs sei und in den Bundestag fahre. Auch Bayrams Vorgänger, dem im August verstorbenen Hans-Christian Ströbele, war 2013 das Fahrrad entwendet worden.

Neben dem Fahrrad-Klau gehören noch weitere Dinge zur unvermeidlichen Berlin-Folklore. Wer noch nie in der Ringbahn von einem verwirrten Fahrgast angeschrien und auf der Straße von einem Ramboradler angepöbelt wurde, wer nicht betrunken in einen Späti gestolpert oder an der Terminbuchung im Bürgeramt verzweifelt ist, der hat doch eigentlich nie in Berlin gelebt, möchte man meinen. 

Sollten Sie nun aber bereits Ihr drittes oder viertes gestohlenes Fahrrad beklagen, nur noch mit Kopfhörern Öffentliche fahren oder in Ihrem Stamm-Späti längst anschreiben dürfen, dann ist es vielleicht doch Zeit für einen Ortswechsel. Die gute Nachricht: Sie müssen Ihren neuen Wohnsitz dann nicht in einer Berliner Behörde anmelden.


5. Sie ertragen die Berliner Schnauze nicht mehr

Die Berliner Mundart müsse man zu nehmen wissen, heißt es gern zur Verteidigung unfreundlichen Verhaltens und kurz angebundenen Rumblaffens. Schnauze mit Herz und so. Die E-Learning-Plattform Babbel nennt die Berliner Schnauze in sehr freundlicher Gesinnung gar „die Kultsprache der Hauptstadt“ und gibt Tipps für all jene, die das Berlinerische erlernen wollen. Empfohlen wird, Sätze wie „Dit Kind wer’n wa schon schauk’ln“ oder „Mach bloß keene Fisimatenten“ zu büffeln.

Das alles mag man hochgradig albern oder peinlich finden, aber Fakt ist, dass man zur Berliner Schnauze ganze Abhandlungen schreiben kann und dass schon Goethe über  Berlin zu berichten wusste: „Es lebt dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“

Was aber, wenn man gar keine Haare auf den Zähnen hat? Wenn man gar nicht grob, sondern eher feinsinnig-zart unterwegs ist? Dann möchte man vielleicht irgendwann nicht mehr beim Bäcker „Ham wa nich“ hören und vom Busfahrer angeranzt werden. Wer nach vielen Jahren in Berlin noch immer nicht das Herz hinter der Schnauze entdeckt hat, dem kann man nicht verdenken, dass er irgendwann abwandert. Es gibt schließlich Millionenstädte in Deutschland, die sich den Slogan „Weltstadt mit Herz“ redlich verdient haben. Hallo, München!