Eine alte Fabrikhalle im Grenzgebiet zwischen Adlershof und Johannisthal. Unter dem Sägezahndach des Flachbaus am Westende der Rudower Chaussee hat sich Kleingewerbe niedergelassen. Es gibt einen Heizungs- und Sanitärhandel, eine Tuning-Werkstatt und einen Wäschereibetrieb. Abfallcontainer stehen vor den Eingängen. Die Peripherie der Wissenschaftsstadt, in die es die Wissenschaft noch nicht geschafft hat.

Doch der Schein trügt. Hinter einem blauen Stahltor, einem Vorraum und einem weiteren Rolltor stehen Messgeräte und Monitore auf Tischreihen. Auf der anderen Seite der Sechzehnhundert-Quadratmeter-Hallenparzelle wird an Werkbänken gearbeitet. Ein Gabelstapler parkt neben Paletten und Kisten. Aus einer nimmt Helmuth von Grolman, ein Mittfünfziger im fein gestreiften Zweireiher, eine kleine glänzende Platte heraus.

Akkus für die Elektromobilität werden entwickelt und gebaut

Es ist eine sogenannte Lithium-Polymer-Zelle von der Größe einer Schokoladentafel. Diese Zelle, so wird erklärt, soll genug Energie haben, um damit einen Schraubenschlüssel zum Glühen zu bringen. „Wir können für jede Anwendung die passende Batterie liefern“, sagt von Grolman. Es gibt sie also wirklich. Am Rande des Berliner Silicon Valley hat sich zwischen Heißmangel und Sanitärkeramik jene Akku-Manufaktur versteckt, die lange Zeit zu den rätselhaftesten Unternehmen der modernen Stromspeicherbranche zählte.

Eine Art Phantomfirma, die spektakuläre Lösungen präsentierte und dabei so viele Fragen unbeantwortet ließ, dass die Existenz des Unternehmens bezweifelt werden musste. Hier werden aber tatsächlich Akkus für die Elektromobilität entwickelt und gebaut. Die kleinsten haben das Format eines Schuhkartons, andere sind groß wie Pflanzkübel. Das von Helmuth von Grolman geführte Unternehmen Colibri Energy, ist jene Firma, die einst als DBM Energy gestartet war.

Es blieb still um DBM Energy

2009 hatte sie Mirko Hannemann gegründet, dem nach eigenen Angaben Samsung 600 Millionen Euro für sein Know-how geboten haben soll, was er jedoch ablehnte. Der damals 27-Jährige wurde über Nacht zum Superstar der Stromautoverehrer, als einen elektrifizierten Audi A2 mit einer Akkuladung nonstop von München nach Berlin fahren ließ und damit die Automobilindustrie vorführte.

Doch bald wurde Betrug unterstellt. Und als drei Monate nach der Fahrt eine Lagerhalle in Marienfelde samt Rekordauto und vermeintlichem Wunder-Akku abbrannte, sahen sich Kritiker bestätigt. Tatsächlich war seinerzeit Brandstiftung die Ursache, wobei die Brandstifter nie ermittelt wurden. Danach blieb es zunächst still um DBM Energy. Dann gab es ein Comeback.

Colibri Energy ist wieder da

Helmuth von Grolman, Jurist mit Management-Erfahrung bei AEG und Daimler hatte die Unternehmensführung 2011 übernommen. Mirko Hannemann wurde Entwicklungschef und blieb somit das Mastermind des neuen Unternehmens. Dieses mit Namen Kolibri beanspruchte weiterhin die Technologieführerschaft im Batteriegeschäft. Man versprach besonders hohe Energiedichte, Temperaturbeständigkeit von minus 20 bis plus 60 Grad Celsius. Zudem seien die Akkus absolut brand- und explosionssicher.

In der Folgezeit wuchs aus dem Sechs-Mann-Betrieb eine Firma mit 30 festen Mitarbeitern. Es gab kleinere Aufträge. Boeing hatte angefragt, um das Batterieproblem seines Dreamliners in den Griff bekommen zu können. Dennoch folgte im Frühjahr 2015 die Insolvenz. Zuvor hatte sich Akku-Erfinder Hannemann nach eigener Darstellung gegen einen Investor gewehrt, der angeblich „die völlige Offenlegung“ der Technologie verlangte.

Kurz danach wurde Hannemann gefeuert und mit Hausverbot belegt. Er soll in die Kasse gegriffen und zwei bis fünf Millionen Euro veruntreut haben. Es wurde Strafanzeige gestellt, die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf. Nach Informationen der Berliner Zeitung laufen diese noch immer. Colibri Energy indes ist wieder da. Von Grolman und Investoren unterbreiteten im Sommer 2015 das Höchstgebot für die insolvente Firma und bekamen den Zuschlag. Wenigstens drei Bieter soll es gegeben haben. Über die Höhe des Gebots spricht von Grolman indes nicht. „Es war der Neuanfang“, sagt er.

500 Fahrzeuge bestückt

Inzwischen hat das Unternehmen seine Marktlücke gefunden. Heute werden in Adlershof Lithium-Akku-Systeme vor allem für den sogenannten Flughafenvorfeld-Verkehr entwickelt und gefertigt. Es geht um Gepäckwagen und Zugmaschinen. Ein Auftrag von Qatar Airways stand am Anfang, den von Grolman als gute Referenz bezeichnet, weil die Akkus dort bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit ihre Qualität beweisen konnten. „Wir haben den Zuschlag bekommen, weil unsere Batterien das können“, sagt der 56-Jährige.

Mittlerweile bestückt Colibri Energy Fahrzeuge auf den Flughäfen etwa von Oman, Katar und Bangkok, beliefert Kunden in Kanada und in Kürze in den USA. Auch der Frankfurter Flughafen steht in der Kundenkartei der Firma. Insgesamt sollen weltweit rund 500 Fahrzeuge mit der Kraft aus Adlershof unterwegs sein, und Colibri kann auf 10.000-stündigen fehlerfreien Dauereinsatz verweisen.

Die Nachfrage wächst weiter

„Wir sind aus der Start-up-Phase raus“, sagt der Chef. In den vergangenen Monaten sei Colibri auf Effizienz und Skalierbarkeit getrimmt worden. Mit konkreten Zahlen hält er sich indes zurück. Im laufenden Jahr sei der Umsatz um 600 Prozent gesteigert worden, was nichts aussagt. Es gebe Großaufträge, die er auf ein bis fünf Millionen Euro beziffert. Immerhin: „Wir schreiben schwarze Zahlen.“

Colibri hat sich etabliert. Im elektrifizierten Flughafenvorfeld-Verkehr ist die Firma nach eigenen Angaben Marktführer, während die Nachfrage weiter wächst. Denn einerseits werden die Flughäfen immer größer. Zum anderen haben sich die Flughafengesellschaften weltweit darauf verständigt, ab 2020 kohlendioxidfrei zu wachsen. Das geht nicht ohne Elektromobilität. Aber die Konkurrenz schläft nicht.

„In Berlin haben wir unsere guten Leute, unsere Infrastruktur“

Das Unternehmen Voltabox aus dem nordrhein-westfälischen Delbrück etwa produziert ebenfalls Batteriesysteme für elektrische Spezialfahrzeuge im gewerblichen Einsatz. Vor zwei Wochen erst ging das Unternehmen erfolgreich an die Börse. In diesem Jahr erwartet es einen Umsatz von 25 Millionen Euro. Von Grolman will jetzt vor allem auf größere Stückzahlen kommen und im nächsten Schritt auch etwa bei Gabelstaplern, Hafen- und Bergbau-Fahrzeugen sowie der Innenstadt-Logistik zum Zuge kommen.

Dann will er rund um die Batterie ein intelligentes Flottenmanagement anbieten. Dafür braucht der Colibri-Chef Kapital und sucht einen strategischen Partner, um auf rund 5000 Quadratmetern eine Fertigung aufzubauen. Das soll in Berlin geschehen. „Es gibt keine andere Option. In Berlin haben wir unsere guten Leute, unsere Infrastruktur“, sagt von Grolman. Damit könnte sich Berlin zum Batterie-Standort entwickeln.

Im Cleantech Businesspark Marzahn, hat sich zwar noch kein Unternehmen angesiedelt. Aber immerhin haben fünf Unternehmen schon mal 20 der insgesamt 90 Hektar für reserviert. Eine von ihnen kommt aus der Speichertechnologie-Branche.