Zum Schluss drehten die Männer richtig auf. „Da haben wir mehr als 20 Meter pro Tag zurückgelegt“, sagt Udo Kailuweit, Bauingenieur bei Bilfinger Construction. Knapp ein Meter oder 0,001 Kilometer pro Stunde – das ist nicht viel, wenn man auf der Straße unterwegs ist. Doch wenn es darum geht, sich mit einem 700 Tonnen schweren Tunnelbohrer durch den Boden zu wühlen, ist das eine reife Leistung. Normal sind acht Meter pro Tag. Jetzt ist der Bohrer am Ziel und der Rohbau der ersten Röhre der neuen U-Bahn-Linie U5 in Mitte ein Monat früher fertig als zuletzt gedacht. Während oben Touristen flanieren, wartet die Maschine unter der Straße Unter den Linden darauf, auseinandergebaut zu werden.

Arbeiten im Untergrund: Das ist für die Kailuweits normal. „Ich komme aus einer Bergmannsfamilie“, sagt Udo Kailuweit. Bevor der Bauingenieur vom Niederrhein als Projektleiter U5 anheuerte, war er schon für den Bau anderer Tunnel verantwortlich – darunter ein U-Bahnhof in Köln und eine unterirdische Bahnstrecke in Düsseldorf, die Wehrhahn-Linie. Das waren ebenfalls anspruchsvolle Projekte, doch in einem wesentlichen Punkt waren sie einfacher als der Lückenschluss zwischen den U-Bahnhöfen Alexanderplatz und Brandenburger Tor.

„Am Rhein herrschen Kiesböden vor, die wesentlich gutmütiger sind als der sandige und grundwasserreiche Berliner Untergrund“, sagt der 51-Jährige. Hier machen auch Findlinge, Holzpfähle aus früheren Jahrhunderten und andere unterirdische Hindernisse Probleme. „Der Berliner Boden ist schwierig, das stimmt wirklich“, so der Ingenieur.

Das Dixi-Klo war immer dabei

„Doch die Mannschaft der Tunnelvortriebsmaschine ist einfach gut, die kennt sich aus“, sagt Kailuweit. Man kennt sich auch persönlich, denn die Crew hat schon die Wehrhahn-Linie in Düsseldorf gebohrt.

Zu ihr gehört Michael Kolmsee. Sein berlintypischer Spitzname Paule verwundert nicht: Kolmsee wurde in Weißensee geboren und hat bei den Ost-Berliner Verkehrsbetrieben BVB Schweißer gelernt. Seit fast 20 Jahren fährt er schon Schildvortriebsmaschinen, er war bereits in Österreich und Schweden. Nun arbeitet er auch mal in seiner Heimatstadt – und in der Nähe der Familie, die im Kreis Barnim lebt.

Im Juni vergangenen Jahres hatte sich die 2661 PS starke Tunnelbohrmaschine unter dem Marx-Engels-Forum in Mitte in Bewegung gesetzt. Nach einer monatelangen Unterbrechung, an der Probleme mit dem Grundwasser schuld waren, konnte sie Ende März wieder starten. Zuletzt rotierte das 6,67 Meter hohe Schneidrad, eine mit Meißeln und Klingen bewehrte Stahlscheibe, Tag und Nacht. Für den Hunger hatten Kolmsee und seine Kollegen die Crew gut gefüllte Stullenbüchsen dabei, als Toilette ein Dixi-Klo, das hinten mitfuhr. Handys sind nicht erlaubt, doch im Führerstand gibt es ein Festnetztelefon – die Maschine zieht die Kabel hinter sich her.

Im Herbst geht es wieder los

Laser und Sensoren sorgten dafür, dass die Maschine bei ihrer Blindfahrt unter der Straße Unter den Linden millimetergenau Kurs hielt. Dass sie 74 Meter lang ist, liegt daran, dass sie eine komplette Tunnelbaufabrik mitschleppt. Die Röhre wurde umgehend mit Betonteilen ausgekleidet. So entstand der nördliche U5-Tunnel Ring für Ring.

Am Sonnabend gegen 15 Uhr war es so weit: Wie berichtet erreichte die Maschine hinter der Russischen Botschaft ihr Ziel. „Sie hat 1617 Tunnelmeter zurückgelegt und 1073 Ringe verbaut“, sagt Jörg Seegers, der den Bauherrn, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), vertritt. Der Geologe ist Geschäftsführer der Projektrealisierungs GmbH U5.

Jetzt steht die Maschine erst einmal still. Nur eine knapp drei Meter dicke Wand trennt sie vom U-Bahnhof Brandenburger Tor. Als Nächstes wird das 54 Tonnen schwere Schneidrad zerteilt und verschrottet. Das neue Rad geht in Baden, wo die Firma Herrenknecht Tunnelbohrer herstellt, in Kürze auf die Reise, am Dienstag soll es per Schiff im Westhafen ankommen. Der Großteil der Bohrmaschine wird jedoch nach dem Rücktransport zum Marx-Engels-Forum dort wieder zusammengefügt – vor dem Schrein der Heiligen Barbara, die als Schutzheilige der Tunnelbauer gilt. Ende Oktober oder Anfang November heißt es: auf ein Neues! Dann wird die zweite Röhre der U5 gebohrt.