Der Notruf 110 der Berliner Polizei ist offenbar selbst ein Notfall. Seit Mitte Juli kann nur noch die Hälfte der Notrufe angenommen werden. Denn die Einsatzleitzentrale wird renoviert. Bei Arbeiten an der Klimaanlage waren im Juli gesundheitsschädigende Mineralfasern entdeckt worden. Aus Fürsorgegründen entschloss sich Polizeipräsident Klaus Kandt dazu, die Zentrale zu evakuieren.

Seitdem berichten Bürger und Polizisten immer wieder, dass es längere Wartezeiten unter 110 gebe. So erzählt ein Polizist von einem schweren Verkehrsunfall, bei dem der ausgebildete Rettungssanitäter Erste Hilfe leistete. Währenddessen habe sein Kollege siebeneinhalb Minuten in der Warteschleife gehangen.

Die Polizisten, die die Notrufe annehmen und die Funkwagen schicken, sind seit der Evakuierung in anderen, voneinander getrennten Räumen untergebracht. Normalerweise sind im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke 13 Annahmeplätze besetzt, und 47 weitere Leitungen stehen für Warteschleifen zur Verfügung, die nacheinander abgearbeitet werden. Bei besonders hohem Einsatzaufkommen, etwa zu Silvester, kann die Zahl der Annahmeplätze auf 24 erhöht werden. Zurzeit stehen zwar ebenfalls 13 Annahmeplätze zur Verfügung. Ihre Zahl kann aber nicht erweitert werden.

Verzögerungen bei den Bauarbeiten

Zudem gibt es nur 20 Leitungen für Warteschleifen für Anrufer, die sich zur selben Zeit melden. Der 34. Anrufer würde ein Besetztzeichen erhalten. Vereinzelten Medienberichten zufolge sollen Anrufer schon 30 Minuten in der Warteschleife verbracht haben. Das kann Polizeisprecher Stefan Redlich nicht bestätigen.

Seit der Evakuierung werden die Funkwagen nicht mehr zentral geschickt, sondern von den sechs örtlichen Direktionen, die dafür je zwei eigene Funkkreise haben. Zentrale Fahndungsdurchsagen auf dem stadtweiten Berolina-Kanal sind nicht mehr möglich. Laut Redlich ist das aber kein Problem. Bei einer stadtweiten Fahndung würden die Direktionen einzeln informiert. „Das ist ein arbeitsintensiver Weg“, sagt Stephan Kelm von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er verlangt, dass dem Gebäudeeigentümer, der Berliner Immobilienmanagement, auferlegt werde, die Baumängel schnellstmöglich zu beseitigen.

Eigentlich sollte die Leitzentrale schon im September fertig sein. Die Mineralfasern sind längst beseitigt. Dann hieß es Oktober. „Jetzt ist die erste Novemberwoche avisiert“, sagt Redlich. Die Verzögerungen seien durch zusätzliche Bauarbeiten verursacht worden, die ohnehin angestanden hätten. So seien neue Fenster eingebaut worden.

Aufgaben des Staates

„Was in Sachen Notruf in der Hauptstadt abläuft, ist absolut inakzeptabel und muss sofort abgestellt werden“, sagte der Landeschef der deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf. Das Recht des Bürgers auf Alarmierung der Polizei im Notfall sei untrennbarer Bestandteil der Daseinsvorsorge des Staates.