Bauen in Berlin: Berlin, Stadt der Architektur-Einfalt

Wer derzeit über die Stadtbahn zwischen Zoo und Ostbahnhof fährt und dabei die Neubauten sieht, die hier in den vergangenen Jahren entstanden sind, kommt aus dem Fassaden-Staunen nicht heraus: Das soll Berlin sein, die Stadt der Vielfalt? Man passiert Ministerien, Hotels, gewerbliche Bürobauten, den Bettenturm der Charité, die Universitätsbibliothek und das Archäologische Zentrum nahe der Museumsinsel. Und fragt sich schnell: War hier nur ein riesiges Architekturbüro tätig, das mit Variationen immer den letztlich gleichen Fassadenentwurf ablieferte, streng gerastert mit hochrechteckig-stehenden, raumhohen Fenstern?

Es gibt sicherlich Unterschiede. Die Stäbchen-Fenster-Stäbchen-Architektur des Motel One ist genauso unsäglich banal wie die Wand-Fenster-Wand-Fassade des Intercity-Hotels, entworfen von dem Braunschweiger Büro Reichel und Stauth. Sie erzählen nur eine Geschichte: Geiz-ist-Geil. Die Investoren haben bis hinunter zur Materialauswahl ihre Architekten auf Billigarchitektur gezwungen.

Was wurde im Vergleich dazu schon materiell ein Aufwand betrieben für die Stein- und Betondetails der schier endlosen, strahlend weißen Fensterreihen des Bundesinnenministeriums, entworfen von den Berliner Architekten Thomas Müller und Ivan Reimann. Feine Abstufungen der Rahmungen, genau abgestimmte Farben zeigen sich hier, eine Monumentalität, die aus der Reihung heraus ihre Kraft bezieht.

Sehnsucht nach Emotion

Doch das schroffe Aufsteigen der Fensterreihen hinter dem Garten der Kanzlerin demonstriert genauso wie die vieltausendfenstrige Festung, die sich der BND nach den Plänen von Jan Kleihues an der Chausseestraße errichtet hat, ein in der Demokratie fatales Behördenselbstbewusstsein: Wir herrschen, egal wer gerade regiert. Und wir haben diese Macht, weil wir nicht erkennbar sind.

Es ist eine Männer-in-Grau-Architektur. Diese Bauten leben vom Wahn, dass alles ohne Verantwortung kontrollierbar und planbar ist. Immerhin hat sich das Innenministerium jene totalitären Machtgesten erspart, die etwa das für Hermann Göring errichtete Reichsluftfahrtministerium Ernst Sagebiels an der Wilhelmstraße mit Ehrenhof, hohem Fassadensockel, Metalldetails und schwer lastendem Fassadenmaterial hat; der BND hingegen hat hier alle Register nachgezogen, mit seinen weiten Abstandszonen, den monumental hohen Vorhöfen und den dicht gereihten Fenstern, die jede Vermutung über das, was hinter ihnen geschieht, verschleiern. Auch in dieser demokratiemethodischen Hinsicht also eine überaus fragwürdige Architektur.

So wie man sich vor dem von Heinle, Wischer und Partner entworfenen Bundesbildungsministerium an der Spree fragt, was eigentlich die monumentale Vorfahrt mit Riesendach soll, warum es hier eine Zentrierung der Fassade braucht, wo doch gar kein Platz da ist, auf den sich die Mittelachse ausrichtet. Und warum gibt es in diesen immerhin schillernd farbigen Wänden wieder nur die Fensterschlitze statt Offenheit und Transparenz, wie sie einem Bildungsbau entsprächen?

Weniger Stein, weniger Reihe, weniger System

Man sehnt sich schnell nach weniger Stein, weniger Reihe, weniger System. Nach Glas, Durchsichtigkeit, nach irgendeiner weniger irrationalen Welle. Kurz: Man sehnt sich nach Emotion. So, wie es sie im Grimm-Zentrum der Universitätsbibliothek von Max Dudler neben der Stadtbahn gibt. Ein Vorplatz, auf dem sich die Mitarbeiter und die Studierenden tummeln.

Eine strenge Fassade, hinter der das für studentisches Arbeiten typische Materialchaos und sehr, sehr viele Bücher sichtbar sind. Nicht sichtbar ist allerdings auch in diesem Haus wie in den meisten Rasterarchitekturen der jüngeren Zeit das eigentliche Herz der Anlage, der dramatische Lesesaal. Er wird umhüllt von den Nutzräumen, eingepackt, vor der Öffentlichkeit regelrecht verborgen. Aber immerhin ist für das Drama in der Umgebung gesorgt.

Manche Probleme, die als Grund für diese Architekturen angegeben werden, könnten auch mit ganz anderen Fassaden gelöst werden. Ein Blick nach Amsterdam, Hamburg, sogar Brüssel und Leipzig zeigt das. Sicher, jeder Schreibtisch soll sein Fenster haben, das fordern im verwöhnten Deutschland Betriebsräte und Gewerkschaften; überall sonst gilt das als Luxus.

Die Investoren wollen radikale Flexibilität, zwar nicht in der Nutzung, aber im möglichen Zuschnitt der Räume. Die Wände müssen also ohne Verluste an vermietbarer Fläche verschiebbar sein. Schmale Fensterreihen erleichtern das. Ganz wichtig aber ist, dass der Bau effizient und schnell errichtet werden kann. Und dafür sollten Konflikte mit der Berliner Bauverwaltung vermieden werden.

Hohe Zeit für einen Neubeginn

Und jeder, der sich im Architekturgeschäft auskennt, weiß: Hier in der Hauptstadt gelten seit den 1990er-Jahren informelle Gestaltungssatzungen. Seit den Zeiten des bis heute höchst einflussreichen Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann gibt es die Suche nach einer speziell „berlinischen“ Architektur. Sie soll steinern sein, klar im Ausdruck, aus der Tradition der Schinkelschule entwickelt. In den 1990ern ersparte Berlin die wortgewaltige Beharrungskraft von Stimmann so manches städtebauliche Ungemach. Inzwischen aber ist die Behauptung des Berlinischen ein Schema geworden, dem sich Investoren und Architekten einfügen, um Konflikte mit der Verwaltung zu vermeiden. Die aber unter Stimmanns Nachfolgerin Regula Lüscher, auch das wird an diesen Neubauten deutlich, nur noch in Ausnahmefällen in der Lage ist, Bauherren mehr als das Raster abzuhandeln. Ein Fall wie das überaus elegant in sich gedrehte Total-Hochhaus von Barkow Leibinger am Hauptbahnhof ist eben die Ausnahme geblieben.

Das Resultat ist fatal und erinnert in seiner Einheitlichkeit an die heftigen Debatten in der Architektenschaft, die um 1880 tobten. Scharf wurden damals die aus der Tradition Schinkels entwickelten Berliner Fassaden mit immer gleichen Gesimsfolgen und streng gereihten Fenstern kritisiert, und man fuhr auch damals lieber nach Hamburg, Leipzig und schon gar nach London, um architektonisch etwas zu erleben. Berlin galt als provinziell, als eingefahren im gewohnten Raster, als anti-individuell. Der Ausbruch daraus war der Beginn dessen, was wir heute Moderne nennen. Es ist hohe Zeit für einen Neubeginn.