Berlin - #image0

Die Leute stehen auf der Terrasse der Humboldt-Box und erkennen: nichts. Sie schauen hinunter auf die Baustelle und wundern sich auf Schwäbisch oder Spanisch. Eine große Sandfläche ist zu sehen, ein paar Kräne, Betonzylinder, Zementmischer. Die Menschen auf der Humboldt-Box fotografieren, ganze Serien zum Thema „Erdarbeiten“ dürften das Ergebnis sein. Touristen müssen dokumentieren, auch wenn der Schauwert gering ist.

Erst vom nächsten Jahr an wird in der Mitte Berlins das „Berliner Schloss – Humboldt-Forum“ in die Höhe wachsen. So heißt offiziell das umstrittene Schlossimitat, das dem Zentrum Berlins wieder eine ideelle oder städtebauliche oder kulturelle Identität geben soll.

Wieder einmal fiebert die Stadt einer Zukunft entgegen, die erst in Plänen und Modellen existiert. Und dieses Mal ist soviel Geschichte dabei nie zuvor. Weil auch das Umfeld des Schlosses in naher Zukunft eine Form finden muss, stellt sich die Frage: Wie viel Historie will und muss Berlin noch in Erinnerung rufen und in welcher Weise?

Der Investor macht, was er will

Das Gebiet zwischen Fernsehturm und Spreeufer, unter dem die Fundamente der mittelalterlichen Stadt liegen, ist die nächste große Baustelle, auch im übertragenen Sinn. Um die heute mit Brunnen und Bäumen bestückte Asphaltfläche ist bereits Streit entbrannt. Es geht um die künftige Gestalt des Geländes, dessen kriegsbeschädigte Altstadt von der DDR abgeräumt worden war, um Platz zu machen für die zentrale Staatsachse. Bleibt es frei, wird es bebaut, und wenn ja, wie?

Bürger, Planer und Politiker haben viele unvereinbare Vorstellungen und regen sich schon mal auf. Im Osten des Schlosses wartet das Problem der ehemaligen Altstadt, und im Westen gibt es den Schinkelplatz. Seine Wiederherstellung nach historischem Vorbild ist immerhin abgeschlossen. Er ist grün. Er hat eine Form, er hat ein Pflaster, es gibt Laternen und Bänke und auf den Bänken Spatzen, die nach Futter suchen. Doch welche Art der Bebauung wird auf dem kleinen freien Grünstreifen noch entstehen? Die Lage ist unübersichtlich.

#gallery0

In den Diskussionen um die künftige Gestalt der Stadt taucht der immer gleiche Kampfbegriff auf. Historie! Das Wort ist bis zum Bersten mit Bedeutung aufgeladen. Traditionalisten und Anhänger des zeitgenössischen Städtebaus bringen sich gegeneinander in Stellung. Wie gehen wir mit der Geschichte um? Es scheint, dass keine andere Stadt über diese Frage so in Wallung gerät wie Berlin. Keine andere Stadt scheint mit ihrer Geschichte derart überfordert.

Für städtebauliche Aufgaben ist als Senatsbaudirektorin die gebürtige Schweizerin Regula Lüscher zuständig. Vor fünf Jahren ist sie nach Berlin gekommen. Anders als ihr Vorgänger Hans Stimmann wirkt Regula Lüscher immer recht entspannt und ausgeglichen.

Die Grünanlagen zu Füßen des Schlosses, erzählt sie, sollen in zeitgenössischer Formensprache entstehen, wobei aber historische Spuren „interpretiert“ werden sollen. Der berühmte Neptunbrunnen von Reinhold Begas wird vorerst bleiben, wo er seit DDR-Zeiten steht, nämlich auf dem Freigelände vor dem Fernsehturm. „Der Boden vor dem Schloss müsste statisch gesichert werden, das ist teuer, und dafür ist im Moment einfach kein Geld da“, sagt die Senatsbaudirektorin.

Das Areal zwischen Alexanderplatz und Spree, Regula Lüscher hat es Rathausforum getauft, sollte ihrer Meinung nach ein öffentlicher Ort für alle Bürger sein. „Dieser Ort könnte auch bebaut werden. Aber ich bin eindeutig dafür, das Gelände freizulassen und als attraktiven Raum zu entwickeln“, sagt Regula Lüscher, „auch als Reserve für spätere Zeiten, wenn die Stadt hier eine herausragende öffentliche Nutzung haben will.“

Nicht nur die Sache mit dem Neptunbrunnen bringt Lüschers Amtsvorgänger auf die Palme. „Der Brunnen gehört natürlich an seinen alten Standort auf den Schlossplatz“, sagt Hans Stimmann. Er ist Anhänger der Tradition und hat als solcher die Gestalt der neuen Friedrichstadt, des Potsdamer Platzes und des Leipziger Platzes maßgeblich mitbestimmt.

Muss sich Vergessen senken?

Mit einer prall gefüllten Aktentasche sitzt Stimmann auf die Terrasse seines Verlegers, vor ihm liegen ein kleines Federmäppchen, Bücher und Fotos. Er braucht einen Kaffee für den Kreislauf, die Wetterlage ist drückend. Theoretisch ist der Mann im Ruhestand, tatsächlich kämpft er nur mit anderen Mitteln für sein städtebauliches Ideal der Kritischen Rekonstruktion, das sich an die europäische Stadt des 19. Jahrhunderts anlehnt. Den Neptunbrunnen könne man nicht versetzen? „Ach was, Räubergeschichten.“

Stimmann, der sehr liebenswürdig sein kann, hat leider meistens keine Zeit für Nettigkeiten, denn immer regt ihn etwas auf. Zwischen Fernsehturm und Spree eine Freifläche? Furchtbar. Anstelle des „Kommunistenhains“ mit den Statuen von Marx und Engels müsse hier die Altstadt wiedererstehen.

„Natürlich nicht als Kopie, das habe ich nie gefordert. Hier muss der historische Stadtgrundriss aufgenommen werden, hier muss auf kleinen Parzellen nach historischem Vorbild Wohneigentum entstehen, Häuser in zeitgenössischer Architektur.“ Es sei doch ein wahnsinniger Glücksfall, sagt er, dass junge Familien heute wieder in die Stadt zurückwollten, ein Wunder geradezu. „Denen muss man Angebote machen!“, ruft Stimmann. Er hat schon ein Buch zum Thema geschrieben.

Stimmann hat in kurzer Zeit mehrere Dinge angesprochen, über die man sich lange Gedanken machen kann. Zum Beispiel darüber, ob der historische Kern der Stadt ein Ort für Eigenheimbesitzer ist. Und auf welche historische Epoche sich neue Planungen eigentlich beziehen müssen. Nur auf die des Mittelalters?

Sind spätere Überformungen, auch solche aus DDR-Zeit, heute nicht auch Geschichte? Muss sich Vergessen senken über alles, was die „Kommunisten“ geplant haben? Regula Lüscher sagt: „Jede Zeitschicht hat ihre Authentizität, jede hat neue Formen hervorgebracht, und auch diese müssen wir anerkennen und in neue Planungen einbeziehen.“

Fragt sich nur, wann auch einmal Entscheidungen fallen werden. Was das Rathausforum betrifft, sieht Regula Lüscher keine Eile, wie sie sagt: „Wegen des Baus der U5 ist das Areal bis zum Jahr 2017 blockiert, da wird ohnehin nichts passieren.“ Erst einmal solle es jetzt eine möglichst lebhafte öffentliche Diskussion darüber geben, wie dieser Ort einmal aussehen könne.

#gallery1

Berliner Central Park

Tatsächlich ist es nicht so, dass sich in Berlin niemand Gedanken zu dem Thema gemacht hätte. Auf Aufforderung der Bauverwaltung oder aus eigenem Antrieb hat immer mal wieder ein Planer einen Vorschlag zur Gestaltung des Rathausforums in die Runde geworfen. Ein Architekt hat für das Rote Rathaus einen traditionellen Vorplatz mit Kolonnaden gezeichnet.

Es gab die Idee zu einer Art Berliner Central Park, es gab die Idee, auf der Fläche zwischen Funkturm und Spree ein Wasserbecken zu errichten, und auch ein archäologischer Park wurde schon in Betracht gezogen. Das seien alles nur Denkanstöße, wie Regula Lüscher sagt, „da sind auch bewusst utopisch gemeinte Vorschläge dabei“.

Auf dem westlichen Rand des Schinkelplatzes ist die Stadt schon einen Schritt weiter. Ein Bebauungsplan nach historischem Grundriss wurde geschaffen. Die Fläche ist an die Münchener MVV GmbH verkauft, ein städtebaulicher Wettbewerb ist entschieden. Die monotonen Lochfassaden der geplanten Wohn- und Bürogebäude haben nicht gerade Beifall gefunden in der Öffentlichkeit.

Ende 2015 soll die Bebauung fertig sein. Ob am Ende die Entwürfe der Wettbewerbsgewinner oder ganz andere umgesetzt werden, das sei völlig offen, sagt am Telefon ein Vertreter des Käufers, der nicht namentlich genannt werden will. Das dürfte Frau Lüscher enttäuschen. Hat sie doch im Gespräch erklärt: „Ich gehe davon aus, dass die Wettbewerbsergebnisse umgesetzt werden.“

Wettbewerbe sind eine schöne Sache, über die Ergebnisse kann man streiten, am Ende aber macht ein privater Investor das, was er für richtig hält. Weil er es darf. Auch im „historischen Zentrum“. Das historische Zentrum ist so gesehen also nur Baugrund wie jeder andere auch, mit dem Unterschied, dass er unvergleichlich kostbar ist.

Um so mehr, sagt der Architekt und Stadtplaner Arno Brandlhuber, müsse man dafür sorgen, dass die Mitte ein Ort für alle Bürger bleibt. In Berlin kennt man Brandlhuber, weil er ein ebenso kostengünstiges wie vielbeachtetes Wohn- und Bürogebäude in der Brunnenstraße gebaut hat. Und weil er ein lautstarker Vertreter jener Fraktion ist, die eine Stadtplanung ohne permanenten Rückgriff auf die Geschichte fordert.

Goldene Mitte Berlins

#image1

Arno Brandlhuber, ein großer und kräftiger Franke, steht an einem Regentag vor der Humboldt-Box, wo auf der Terrasse das Gespräch mit ihm stattfinden soll. Er geht dort hinein wie ein Atheist in ein Gotteshaus, halb widerwillig, halb belustigt. Unter dem regentriefenden Alu-Terrassendach der Humboldt-Box sitzend, legt er dann mit der Geduld eines Nachhilfelehrers seinen Standpunkt dar, vor sich eine Packung Zigaretten.

Mit dem Schloss und dem Thema Historie verhält es sich in Brandlhubers Augen so: „Diese historischen Formen, der Rückgriff auf das Alte, das bedeutet doch nur: Mit bildlichen Formen, die wir eigentlich aus dem Absolutismus kennen, wird die Aufwertung der Innenstadt zugunsten einer kleinen Gruppe von Menschen betrieben, die in der Lage ist, sich mit Eigentumsrechten zu bewaffnen.“ Das Ergebnis werde eine „goldene Mitte“ sein, eine Stadt, die im Zentrum reich ist und an den Rändern arm.

Das klingt nun sehr routiniert klassenkämpferisch und auch sehr theoretisch. Doch gleich hinter dem geplanten Häuserblock am Schinkelplatz, auf der anderen Seite der Friedrichswerderschen Kirche, entsteht mit den sogenannten Kronprinzengärten ein Projekt, das Brandlhubers These bebildert.

Hier baut die Bauwert Gruppe an einem „Once-in-a-Lifetime-Angebot“, wie sie es nennt. In elf erlesenen, hell verputzten Wohnhäusern wird Eigentum für sehr Vermögende geboten. Es gibt Dachterrassen und grüne Innenhöfe, Townhouses und dreistöckige Penthousewohnungen. „Historie“ ist hier nur noch Marketinginstrument.

Mit Prinzessin

Das historische Umfeld mit dem künftigen Schloss, der Kommandantur Unter den Linden und dem Kronprinzenpalais soll die Käufer überzeugen. Zur Feier des Baubeginns kam freundlicherweise eine Prinzessin von Preußen. 15 000 Euro pro Quadratmeter kostet die teuerste Wohneinheit in den Kronprinzengärten. Und wer das möchte, kann sich auf seiner Dachterrasse einen Swimmingpool installieren lassen.

„Haben Sie den Imagefilm zum Projekt im Internet gesehen?“ Brandlhuber freut sich, wie sich nur ein Mensch freuen kann, dessen Thesen von der Wirklichkeit bestätigt werden. „Die tun da so, als ob Fiaker im Hof auf die Bewohner warten“, sagt er. Was er noch gar nicht weiß: Die historische Falkoniergasse, die im Rahmen der Bebauung wiederhergestellt wird, wird abends zugesperrt, wie ein Sprecher der Bauwert Gruppe auf Anfrage mitteilt. Die teilweise sehr prominenten Käufer hätten ein „hohes Sicherheitsbedürfnis“.

Mit einem einzigen Hochsicherheits-Luxusprojekt ist nun die Privatisierung der Innenstadt noch nicht vollzogen. Aber ein Signal in Richtung Bürgerstadt sind die Kronprinzengärten sicher nicht. Vor allem illustriert das Bauvorhaben die Kapitulation der Stadt vor einem Investor, der die vielbeschworene „Historie“ nicht für Bürger zugänglich macht, sondern als Wohlfühlpaket an Meistbietende verkauft.

Die Touristen indessen, die sich um die Berliner Baupolitik nicht scheren, können noch keine Kronprinzengärten bewundern, keine Wohnhäuser am Schinkelplatz und auch keine grünen Schlossterrassen. Sie haben eben nur die Erdarbeiten als Fotomotiv.

Aus Erbarmen hat man an einem Zaun neben der Humboldt-Box ein Hinweisschild installiert. Es weist zum historischen Nikolaiviertel, das zu DDR-Zeiten in Plattenbauweise wiederaufgebaut wurde. Und an dieser Stelle ist der Umgang mit Geschichte endlich einmal lässig. Auf dem Schild steht: „Nikolaiviertel in 180 Metern. Echt Berlin seit 775 Jahren.“