Der Autor dieser Zeilen fiel fast vom Fahrrad. Es sollte über den „Schwarzen Bunker“, das „Graue Massiv“ geschrieben werden, das graue Haus also, das nach Plänen des Berliner Architekten Roger Bundschuh und der Künstlerin Cosima von Bonin an der Torstraße Ecke Rosa-Luxemburg-Straße entstanden ist. Eigentlich ein Wohn- und Ateliergebäude, in dem aber inzwischen, wie die Türschilder zeigen, vor allem diverse kunstaffine Lifestyle-Unternehmen residieren.

Ein Bau, der Aufsehen erregt, nicht nur seines demonstrativen Kunstcharakters, der anthrazitfarbenen Fassade, sondern auch der dramatischen Lage an einer verkehrsumtosten Straßenecke und der Architektur mit ihren Aus- und Einschnitten wegen. Ein Projekt, das ein wenig Zeit braucht, um verstanden, noch mehr vielleicht, um gemocht zu werden. Dachte man.

Denkste. Da saßen doch auf der gegenüberliegenden Straßenseite so 20, 25 junge Männer und Frauen in der strahlenden Sonne, hatten den Zeichenblock auf den Knien, hielten Stifte, Kreiden und Kohlestäbe mit straffem Arm vor die Nasenachse, um einen Maßstab für die Vermittlung des dreidimensionalen Kunstwerks in die zweidimensionale Blattebene zu gewinnen.

Stopp das Fahrrad also, abgestiegen, und erst mal bewundert. Fürs zweite Semester teilweise hervorragende Arbeiten, perspektivisch geschickt komponiert, der dramatische Aufbau der Baumassen des „Schwarzen Bunkers“ klar aufs Blatt gesetzt, die Schatten in den Fensterschlitzen schön spiegelnd angelegt.

Architekturstudenten der Beuth-Hochschule für Technik sind es. Nein, sie lernten, erzählt eine junge Frau, keineswegs nur noch Computerprogramme. Sie etwa freue sich besonders am Strich auf dem Blatt, an Kontrasten, an den mal scharfen, mal weichen Kanten. Eine Welt, die sie sich ganz alleine schaffen könne. Professor Gerd Sedelies, locker-studentisch gekleidet, ist kategorischer: Mit der Handzeichnung könne man ein bisher unbekanntes Gebäude erfahren, quasi nachbauen, die Kniffe des Architekten herausbekommen.

„Sehen Sie“, sagt er einem Studierenden, „da ist der Aufbau an der Ecke. Und wenn Sie hier die Linie verlängern, sehen Sie auch, dass er höher ist als der Gesamtbau.“ Tatsächlich, an der Ecke zur Torstraße ragt ein kleines Türmchen aus der Bauskulptur heraus.

Und dann der Städtebau. Von hier aus, die Volksbühne ist fast im Rücken, sieht es aus, als stünde das Haus direkt an der Kante der Torstraße. Aber es steht etwas zurück. Kräftige Pfeiler werden künftig den schmalen Bürgersteig mit einer Kolonnadenhalle erweitern.

Sedelies ist erst kurz in Berlin. Das Zeichnen sei für ihn eine Möglichkeit, Berlin kennenzulernen. Jede Woche geht er mit den Studierenden an andere Orte. Was den Turm faszinierend mache? Das Projekt ist vor allem als gigantische Skulptur gedacht, nicht als Funktionsbau.

Jede Linie hat ihren künstlerisch zu identifizierenden Fluchtpunkt, und, wie die Tutorin erklärt: Es ist viel einfacher, erst einmal die große Form zu zeichnen, diesen gewaltigen Kubus, um dann zeichnerisch die Fenster, Lichtschlitze, Türen herauszuschneiden. Vor allem aber: Schraffieren Sie nicht einfach schwarz. Die Oberfläche schimmert im Oberlicht zwischen schwarz und hellgrün. Sie scheint das Licht einzusaugen, so dass der Bau viel kleiner wirkt, als er eigentlich ist.

Lage: Torstr. Ecke Rosa-Luxemburg-Str.
Architekten: Roger Bundschuh, Cosima von Bonin