Doppelte Preise bei Penny in Berlin-Spandau: der Verkaufspreis und die „Wahren Kosten“. 
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinIst das Ganze einfach nur eine Werbung oder ist es auch eine ernst gemeinte Aufklärungskampagne, die da bei Penny in Spandau läuft: Die Billig-Kette des Rewe-Konzerns hat dort eine neue Filiale namens „Grüner Weg“ eröffnet, die sie als Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt bezeichnet. Dort werden für einige Produkte doppelte Preise angezeigt. Der offizielle Verkaufspreis steht auf den üblichen roten Preisschilden. Bei 220 Gramm Mozzarella sind es 59 Cent. Daneben hängt ein grünes Schild mit den „Wahren Kosten“: In diesem Fall 89 Cent, also 50 Prozent mehr.

Als Erklärung steht dazu, dass zum Verkaufspreis noch die „versteckten Zusatzkosten“ dazu gerechnet werden müssten. Besonders deutlich ist der Unterschied beim Bio-Hackfleisch, beim Kilopreis stehen sich 9 Euro und 20,38 Euro gegenüber.

Penny argumentiert, dass die „Wahren Kosten“ jene Preise sind, die der Discounter nehmen müsste, wenn ganz verantwortungsbewusst alle sozialen und ökologischen Folgekosten eingerechnet werden würden: Also auch sogenannte Schadkosten, die immer bei der Produktion und beim Lkw-Transport anfallen. „Sie werden von den Lebensmittelproduzenten verursacht, aber aktuell – indirekt – von der Gesamtgesellschaft getragen“, heißt es bei Penny.

Der Preisvergleich beim Bio-Hackfleisch. 
Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Gemeint sind etwa klimaschädliche Gase wie Kohlendioxid oder der hohe Verbrauch von unökologischer Energie, oder es geht um Stickstoff aus dem Dünger im Trinkwasser, das gereinigt werden muss.

Der Konzern hat die Kosten von Uni-Fachleuten errechnen lassen. Die wahren Kosten wären 60 Prozent höher. Die Kunden in Spandau zahlen aber nur die üblichen Preise.

Seit vielen Jahren gibt es eine Debatte in Deutschland, dass die Lebensmittel hier deutlich billiger sind als etwa in Frankreich, wo sie im Schnitt ein Viertel mehr kosten, weil dort die Discounter nicht eine so preisdrückende Rolle spielen. In Deutschland rollen seit Monaten immer wieder lange Traktoren-Konvois durchs Land, mit denen die Bauern mehr Geld für ihre Arbeit einfordern und ein Ende für Billig-Lebensmittel.

„Ich wäre skeptisch, ob bei höheren Preisen tatsächlich mehr bei den Bauern ankommen würde“, sagt Robert Kecskes von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) der Berliner Zeitung. Derzeit sei in der Branche wieder mal ein Billig-Preis-Kampf zwischen Aldi und Lidl zu beobachten, die sich im Zuge der Mehrwertsteuersenkung gegenseitig unterbieten. Aldi wirbt in seinen Prospekten damit, „Preisführer“ zu sein.

Kornernte auf einem Getreidefeld bei Bernau, nordöstlich von Berlin.
Foto: imago images/Jürgen Ritter

„Mit seiner Aktion will der Discounter Penny offenbar seine Kunden warnen, dass es nicht noch billiger geht“, vermutet der Fachmann. Das sei existenziell für die Discounter, bei denen sich fast alles um den Preis dreht. Es sei interessant, dass die Aktion von einem Billiganbieter komme und nicht von den Supermärkten wie Edeka oder Rewe, die höhere Preise nehmen.

Grundsätzlich war bereits vor Corona die Zeit lange vorbei, in der es in Deutschland nur um den billigsten Preis ging. Kecskes sagt, dass die Kunden zwar aufs Geld schauen, dass viele inzwischen aber genau unterscheiden. Meist kaufen sie dann günstig, wenn es um oft gekaufte Standardprodukte geht, über die sie nicht viel nachdenken. „Gleichzeitig zahlen sie mehr für Premiumprodukte, bei denen sie eine hohe Wertigkeit erwarten“, sagt Robert Kecskes. Etwa für hochwertige Qualität, für ausgesuchte Bio-Produkte, für regionale Erzeugnisse, für vegane Trendlebensmittel, für nachhaltige oder fair gehandelte Erzeugnisse oder für angesagte Protein-Produkte. Kecskes spricht von einem „Bastel-Konsum“.

„Wer heute als Händler auf die Billigschiene kommt, hat es schwer.“ Nicht mehr billig sei heute das entscheidende Schlagwort, sondern günstig. „Günstig im Sinne von: Wir bieten Ihnen Bio, aber es ist trotzdem günstig.“

Reinhard Jung vom Bauernbund Brandenburg.
Foto: Privat

Ärgerlich findet die Aktion Reinhard Jung vom Brandenburger Bauernbund, der Interessenvertretung von 480 bäuerlichen Familienbetrieben. „Penny greift etwas auf, das real ist, das falsch ist und das gefährlich ist – nämlich, dass Lebensmittel in Deutschland verramscht werden“, sagt der Biobauer aus Lennewitz in Nordbrandenburg. „Aber Penny ist ganz klar Teil des Problems.“

Er sieht zwei politische Entscheidungen als Hauptgründe an, warum die Lebensmittel in Deutschland so billig sind. Erstens würden Agrarprodukte aus Ländern importiert, in denen mit zu niedrigen sozialen und ökologischen Standards produziert wird – Stichwort: brennende Regenwälder. Der zweite Grund sei, dass die Vielzahl der heimischen Bauern wenigen Lebensmittelkonzernen und noch weniger Handelsketten gegenüberstehen.

Jung glaubt auch nicht, dass die Bauern bei höheren Preisen so viel mehr abbekämen. Sein Beispiel: Das Getreide ist zwar der absolute Hauptbestandteil bei Brötchen, aber von jedem Brötchen bekommen die Bauern nur einen Cent ab. „Das ist extrem niedrig“, sagt Jung. „Bei Milch, Fleisch und Gemüse ist der Anteil höher, aber längst nicht ausreichend“, so Jung. „Insgesamt kommen von jedem Euro, den der Kunde für Lebensmittel ausgibt, nur 22 Cent im Schnitt beim Bauern an.“ Der Rest bleibe bei der Lebensmittelindustrie und im Handel. Die Bauern könnten ohne Subventionen gar nicht überleben.

„Natürlich wäre es eine schöne Illusion, wenn sich die wenigen dominanten Handelsketten nicht mehr nur einig wären, den Bauern wenig zu bezahlen, sondern endlich faire Preise. Wer etwas ändern will, muss die Landwirte besser bezahlen und die monopolisierten Strukturen mithilfe des Kartellrechts aufbrechen.“ Dann gebe in dieser Branche mehr Wettbewerb und wieder eine soziale Marktwirtschaft, die den Namen verdiene.