Die Jägerschaft wird aufgerufen, jetzt noch mehr Wildschweine zu jagen.
Foto: dpa/Jens Büttner

BerlinDer bundesweit erste Fall von Afrikanischer Schweinepest (ASP) wurde am Donnerstag der vergangenen Woche in Brandenburg festgestellt, am Montag folgten fünf weitere Fälle, am Donnerstag dann der siebte Fall. Deutschland gilt nicht mehr als ASP-frei und das Fleisch kann in viele Länder nicht mehr exportiert werden. Ein Gespräch mit Henrik Wendorff, dem Präsidenten des Brandenburger Bauernverbandes, über die Folgen für die Landwirte.

Berliner Zeitung: Herr Wendorff, wahrscheinlich kommen noch weitere ASP-Fälle dazu. Das Virus steht seit Monaten in Polen kurz vor der Grenze zu Deutschland. Wie gut sind die heimischen Bauern vorbereitet?

Henrik Wendorff: Natürlich wussten wir, dass die Schweinepest in Polen grassiert, sowohl bei Wildschweinen als auch in Hausschweinbeständen. Wir haben die Zeit für Vorkehrungen genutzt. Die betrieblichen Notfallpläne dienen der Einhaltung der Bio-Sicherheit …

Was bedeutet Bio-Sicherheit?

Alle Maßnahmen, die dazu dienen, das Übergreifen des Virus auf Ställe zu verhindern. Kurz gesagt: die hermetische Abriegelung der Höfe, die Betriebe wirklich dicht machen. Also allerhöchste hygienische Sicherheit für alle Waren, die rausgehen, sowie für alles, was in die Ställe gelangen kann, egal ob Futter oder Mitarbeiter. Da wurden auch mehrsprachige Schutzpläne erarbeitet, weil es auch Mitarbeiter gibt, die nicht Deutsch als Muttersprache haben.

Düften Sie noch in einen Hof eines Schweinehalters?

Also ich dürfte bis vor den Hof, dann müsste ich komplett die Kleidung wechseln, auch die Schuhe und so weiter. Fahrzeuge müssten durch eine Desinfektionswanne. Es wird angestrebt, die Sicherheit auf 100 Prozent zu erhöhen und das Risiko auf null zu reduzieren.

Henrik Wendorff, Präsident des Brandenburger Landesbauernverbands.
Foto: imago images/Christian Spicker

Warum sprechen Sie von Brandenburg als Pufferland zu Niedersachsen?

Brandenburg hat bundesweit den niedrigsten Tierbesatz. Hier gibt es zum Beispiel etwa 800.000 Hausschweine, in Niedersachsen fast 9 Millionen. Aber wenn es bei uns nicht gelingt, die Seuche in den Griff zu bekommen, wird sie sich weiter in ganz Deutschland ausbreiten. Wir als Grenzregion stehen in der Verantwortung, da die Seuche in Polen nicht eingedämmt werden konnte. Es hätten auch zuerst Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen treffen können. Deshalb bilden wir jetzt eine Art Schutzschild.

Fordern Sie auch Geld?

Erst mal geht es um andere Dinge. Ein Beispiel: Nicht jeder Kreis sollte jetzt Schutzzäune vorhalten, sondern sie sollten gemeinsam gekauft werden und dann in die betroffenen Gebiete gehen, damit nicht überall totes Material herumsteht.

Dieser Zaun umgibt die Kernzone rund um die Fundstelle: Auf dem Schild steht: „Afrikanische Schweinepest bei Wildschweinen Kerngebiet“.
Foto: dpa/Bernd Settnik

Die Bauern und der Jagdverband fordern, „durch intensive Bejagung den Bestand weitestgehend zu minimieren. Sollen also alle 120.000 Wildschweine im Land getötet werden?

Natürlich sollen nicht alle getötet werden. Aber je weniger Wildschweine es gibt, umso weniger kann die Krankheit übertragen werden. Also sollten die Jäger die sehr hohen Bestände überall reduzieren. Anders ist es in der sogenannten Gefährdeten Zone, also im Radius von 15 Kilometern um die Fundorte. Dort müssen wir die Wildschweinbestände Richtung null reduzieren. Alles andere ist illusorisch. Die Tiere dort können hochinfektiös sein.

Die Jäger haben am Donnerstag gefordert, dass der Staat die Kosten für die ASP-Untersuchung übernimmt und dass sie eine Aufwandsentschädigung bekommen. Richtig?

Das ist richtig. Es gibt erste Ansätze, die Jägerschaft besser zu unterstützen. Sie muss jetzt viel mehr leisten. In Ostbrandenburg gibt es bereits höhere Prämien und die Jäger müssen keine Gebühren für die vorgeschriebenen Untersuchungen zahlen. Die Jäger verdienen auch kaum noch etwas mit Wildschweinfleisch. Es geht also um eine Entschädigung für eine gesellschaftlich gewollte Sache.

Nach dem Bekanntwerden des ersten Falls fiel der Preis um 15 Prozent. Wie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen?

Nach dieser Schockreaktion ist nun der Handel gefragt. Es kann nicht sein, dass nun kein Fleisch von Hausschweinen aus den betroffenen Regionen mehr gehandelt wird, obwohl nur Wildschweine erkrankt sind und nicht ein einziges Hausschwein. Der Preisverfall trifft alle Schweinehalter, denn Entschädigungen gibt es nur, wenn Not-Tötungen angeordnet werden. Aber die Ställe sind voller Tiere, die nicht mehr zu wirtschaftlichen Preisen verkauft werden können.

Ihr Verband beklagt, dass der Zaun um die Schutzzone lückenhaft ist?

Wir haben einen schnell aufgebauten Schutzzaun. Das ist gut und richtig. Der dient der Eingrenzung der Kernzone. Doch so ein mobiler Schutzzaun hält nicht alles auf. Da muss nachgerüstet werden.

Wie geht es den Bauern in der 15-Kilometer-Zone um die Fundstellen?

Wir haben ein Verbot der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Tätigkeiten. Wenn das noch bis November gelten sollte, können die Bauern nicht säen und nächstes Jahr nicht ernten. Das wäre eine Katastrophe für die Höfe.

Deutschland wollte auf der polnischen Seite der Grenze einen Schutzzaun finanzieren. Polen hat abgelehnt. Soll es einen durchgängigen Zaun an der Grenze geben?

Ganz klar: Ja.