Baumhaus im Potsdamer Volkspark: Luftschloss zwischen Eichen

Potsdam - Lino denkt schon mal ans Umziehen. „Dies kann unsere neue Schule werden“, ruft der Siebenjährige begeistert. Mit seinen Klassenkameraden sitzt er viereinhalb Meter über dem Waldboden, im neuen Baumhaus des Volksparks Potsdam. „Ist cool“, befindet auch Luisa knapp und will ebenfalls am liebsten immer hier Unterricht haben. Und im Winter? „Dann muss man eine Heizung einbauen – oder Decken mitnehmen.“

Den Kindern von der Potsdamer Montessori-Schule fällt für alles eine Lösung ein. Ähnlich erfinderisch mussten auch Emanuel Stahlmann und Bernd Lang sein, die das riesige Baumhaus entworfen und errichtet haben. „Das ist wirklich etwas Neues“, sagt Stahlmann, der sonst in Berlin als Baumpfleger und Industriekletterer arbeitet. Seines Wissens sei dies das erste Baumhaus in Deutschland, dass in einem öffentlich Park steht, keine feste Verbindung zum Boden hat und ohne gesonderte Kontrolle für jede und jeden zugänglich ist.

Vor allem aber ist das Haus ein Kuriosum, das nur dank der großen Begeisterung aller Beteiligten überhaupt entstehen konnte. Als vor zwei Jahren die Idee erstmals aufkam, sagt Volkspark-Leiterin Diethild Kornhardt, „stellten wir fest, dass man Baumhäuser nirgends kaufen kann“. Und ein Haus auf Stelzen kam ebenso wenig in Frage wie eine romantische Laube. „Wir wollten was Modernes, das zur Gestaltung des Parks passt“. Kornhardt stieß auf die Firma „Luftschlösser“, die Stahlmann mit einigen Freunden nebenbei in Berlin-Kreuzberg betreibt.

Als schwierig erweis sich wider Erwarten auch die Standortsuche: Zwar gibt es im Norden des Volksparks zahllose Bäume. Die meisten indes kamen nicht in Frage, erzählt Kornhardt, weil sie vom geschützten Heldbock bewohnt werden, einem fingerlangen Käfer. „Und der Käfer braucht Ruhe.“ Schließlich fanden sich doch zwei vom Heldbock unbehauste Eichen, die nahe genug beieinander stehen und kräftig genug sind. Denn das Haus aus Stahl, Holz und Bolzen, das an den Baumstämmen aufliegt und zusätzlich mit Drahtseilen in die Äste gehängt ist, wiegt rund eine Tonne.

Statiker weichgekocht

Dann mussten die Behörden überzeugt werden. „Sogar der Prüfstatiker war irgendwann weichgekocht“, erzählt Stahlmann, dessen Leidenschaft für das Projekt offenbar ansteckend wirkte. Auch der Architekt Lang berichtet von jeder Menge Schwierigkeiten, die jedoch für ihn den besonderen Reiz ausmachten. „Es gab ein paar Sackgassen, wir mussten immer wieder neue Wege suchen.“ So wurde das wichtigste Bauteil – ein Stahlbogen, der Decke und Boden verbindet und zugleich die Rückwand bildet des Baumhauses – erst mit erheblicher Verspätung geliefert. „Das hat uns graue Haare beschert“, sagt Stahlmann, aber er grinst dabei.

In die Begeisterung mischen sich Stolz und Zufriedenheit, dass es am Ende doch geklappt hat. Nun gelangen kleine wie große Besucher über eine Holztreppe nach oben. Dort müssen sie erstmal eine leicht ansteigende Hängebrücke überqueren, um auf die Plattform des Baumhauses zu kommen: Sieben Meter lang ist sie und zweieinhalb Meter breit, von einem stabilen Geländer umgeben und unter dem Dach mit einer langen Sitzbank ausgestattet. Schließlich sollen Schüler hier naturnah lernen können. Das Baumhaus wird als „grünes Klassenzimmer“ genutzt wie schon andere Orte im Potsdamer Volkspark.

An der Hängebrücke stocken einige Kinder aus der Montessori-Schule kurz, bis sie sich doch hinüber und ganz hinauf trauen. „Das Hochgehen war ein bisschen gruselig“, sagt Julia. Aber oben gefällt es ihr dann „sehr, sehr gut“. Was Stahlmann in seiner Ansicht über das Leben in luftiger Höhe bestärkt. „Man fühlt sich anders, wenn man in einem Baum ist.“ Es ist wohl kein Zufall, dass der studierte Psychologe nach der Universität umgesattelt hat. Baumpfleger, sagt er, seien Erhebungen zufolge beruflich die glücklichsten Menschen von allen. Und jedes Kind klettere schließlich gerne auf Bäume.

Für den Volkspark ist das „Luftschloss“, wie sie es hier nennen, zudem ein Experiment. Sie hoffe, dass das Baumhaus pfleglich behandelt und nicht etwa zum Grillen zweckentfremdet werde, sagt Diethild Kornhardt. Um Risiken auszuschließen, soll es zweimal jährlich umfangreich untersucht und bei Bedarf nachjustiert werden. Die Konstruktion gilt nicht als Spielgerät, sondern ist amtlich ein Bauwerk – allerdings kein statisches, wie die Volkspark-Leiterin betont: Es handele sich um ein „lebendes System“, weil die beiden Eichen ja weiter wachsen und sich das Baumhaus bewegt – auch ohne tobende Kinder.