Die gelb geklinkerten Rathenau-Hallen an der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide haben eine lange Industrietradition. Sie gelten als Ursprungsort der Berliner Elektroindustrie, Emil Rathenau gründete dort die AEG. Elektropolis wird deshalb der Industriegürtel genannt, der sich über gut 1,5 Kilometer entlang der Spree erstreckt.

Klassische Industrie gibt es dort kaum noch. Die einstigen DDR-Großbetriebe, in denen unter anderem Transformatoren, Kabel oder Fernsehgeräte gefertigt wurden, sind längst geschlossen. Oberschöneweide galt lange als trister Ort. Doch mittlerweile wurden die Wohnungen saniert, Tausende Studenten der dortigen Hochschule für Technik und Wirtschaft beleben den Kiez, in den gern junge Familien ziehen. Und es siedeln sich wieder Unternehmen an. Allein in den Rathenau-Hallen, zu DDR-Zeiten Teil des Transformatorenwerks Oberspree (TRO), gibt es etwa 70 Handwerksbetriebe. Tischler, Metallbauer, Autowerkstätten, dazu 170 Künstler.

Jetzt will der neue Eigentümer, die irische Toruro GmbH & Co. KG, das rund 70.000 Quadratmeter große Gelände schick machen. Geplant sind unter anderem ein Konferenzzentrum, Büros für Startups, eine Ladenpassage und ein Sportbereich. In die 20 Meter hohe, riesige Halle mit dem AEG-Logo an der Fassade soll ein Hotel gebaut werden. Und: Auf dem Gelände, direkt am Spreeufer, sollen Wohnungen entstehen. Sie sollen gut ein Viertel des Areals ausmachen.

Gewerbetreibende und Künstler sind alarmiert. Sie fürchten, dass sie weg müssen, weil der Lärm aus ihren Werkstätten die Wohnungsnachbarn stört. Beim größten Mieter Metamorph, einem Logistikzentrum für Kostüme mit mehr als 100 Beschäftigten, heißt es, man wolle expandieren und plane ein Outlet-Center auf dem Gelände. In einem Wohngebiet werde man jedoch nicht bleiben können.

Investor Toruro argumentiert mit den hohen Sanierungskosten für die maroden Werkshallen. Sie müssten durch Wohnungsbau kompensiert werden. „Wer möchte, dass der Schwerpunkt dort weiter auf Gewerbe liegt, muss die Mixtur mit Wohnungen akzeptieren“, sagt Peter Strieder. Der heute 64-Jährige war zwischen 1996 und 2004 für die SPD Bausenator in Berlin, inzwischen berät er Investoren. Auf dem Gelände, sagt Strieder, könne man sich „sauberes, nicht erheblich störendes Gewerbe“ weiterhin vorstellen. Ob darunter die derzeitigen Nutzer fallen, lässt er offen. Den Künstlern in den Atelierhäusern wurden jedenfalls Mietvertragsverlängerungen angeboten.

Die Entscheidung, ob auf dem Gelände Wohnungen gebaut werden, liegt beim Bezirk Treptow-Köpenick. Rein juristisch ist es möglich: Die Rathenau-Hallen sind das einzige Gebiet im Industriegürtel von Oberschöneweide, in dem Wohnen erlaubt ist. Dies wurde vor zehn Jahren im Flächennutzungsplan festgelegt, um dort überhaupt eine Entwicklung anzukurbeln.

Die Entwicklung finde längst statt, auch ohne Wohnungen, wie der vom Senat eingesetzte Regionalmanager Thomas Niemeyer sagt. Sein Team hat den Auftrag, wieder Industrie und Gewerbe in den Kiez zu holen. Bis 2035 sollen dort 10?000 Arbeitsplätze entstehen. Heute sind es etwa tausend, neben Handwerksbetrieben gibt es auch neue Unternehmen wie die First Sensor AG, die Spezialsensoren in alle Welt liefert. Er führe derzeit vielversprechende Verhandlungen mit diversen Firmen, die nach Oberschöneweide wollen, sagt Niemeyer.

Begehrlichkeiten bei Investoren

Dass Wohnungen die geplante Entwicklung torpedieren, glaubt Jan Ijspeert, Chef der dortigen Batteriefabrik BAE und des Unternehmerkreises Oberschöneweide. Wie Thomas Niemeyer sieht der Unternehmer in einer Zusage des Bezirks für den Investor ein falsches Signal: „Es weckt Begehrlichkeiten.“ Seitdem die Pläne von Toruro bekannt seien, würden Investoren im Gebiet auf Nutzungsänderungen auf ihren Grundstücken drängen, um ebenfalls lukrative Wohnungen bauen zu können. Anrainer sammeln derzeit Unterschriften gegen die neuen Wohnungen. Kommen tausend zusammen, muss sich das Bezirksparlament damit befassen.

Dort ist man hin- und hergerissen. Alle Fraktionen und auch das Bezirksamt sagen, dass das Gewerbe der Rathenau-Hallen gesichert werden soll. Auf neue Wohnungen wolle man angesichts des Bedarfs aber auch nicht verzichten. Wie beides zusammenpasst, bleibt derweil ungewiss.