Die Möbel sind aus dunklem Holz, auf den Tischen liegen karierte Decken, und an den holzvertäfelten Wänden hängen alte Schilder, Bilder und Fotos mit Bussen und Bahnen. Die Kneipe "Zum Umsteiger" an der Schöneberger Yorckstraße ist ein traditionsreicher Ort. Sie trägt noch immer den Namen, den ihr der erste Wirt gegeben hat. Das war 1905, im Baujahr des Gebäudes.

Viele Jahre lang machte der Umsteiger schon frühmorgens für die Bahnarbeiter auf, die von der Nachtschicht kamen. Jetzt ist er einem ehrgeizigen Neubauvorhaben im Weg, und es steht sehr in Frage, wie lange es den Alt-Berliner Charme an der Yorckstraße noch geben wird. Die Pächter sind bereits zum Verlassen ihrer Kneipe aufgefordert worden. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es keinen Streit um die Pläne gibt.

Bezirk steht hinter dem Bauprojekt

Hintergrund sind ungewöhnliche Eigentumsverhältnisse aus der Zeit vor der Wende: Das Haus mit dem Kneipe gehört seit mehr als 20 Jahren Karl-Heinz Mühlenhaupt, ebenso zwei weitere Gebäude daneben. Den Grund und Boden aber hatte Mühlenhaupt nur gepachtet, und zwar von der ostdeutschen Deutschen Reichsbahn, die in West-Berlin mehrere Grundstücke in Bahn-Nähe besaß.

Nach der Privatisierung wurde das Gelände an einen Investor verkauft, der auf dem zwei Hektar großen Gelände zwischen Bahn und Bautzener Straße, der sogenannten Bautzener Brache, bis zu 350 Wohnungen errichten will. Grund und Boden gehört seit zwei Jahren mehrheitlich Reinhold Semer, dem Besitzer der Hellweg-Baumärkte. Erst kürzlich hat er eine Hellweg-Filiale auf der anderen Seite der Yorckstraße eröffnet. Insgesamt sind sieben Wohnhäuser für 70 Millionen Euro geplant. Mühlenhaupts Häuser stehen dem im Weg, doch er will nicht gehen.

In diesen Konflikt hat sich längst auch der Bezirk eingeschaltet – er unterstützt das Bauvorhaben. Ein Bebauungsplan wird gerade erarbeitet. Schönebergs Baustadträtin Sibyll Klotz (Grüne) hat dem Investor Auflagen erteilt. So sollen 80 Prozent der Wohnungen vermietet werden, und eine Mietpreisbindung von mindestens fünf Jahren gelten.

Bürger fühlen sich von den Grünen getäuscht

Aber nicht nur Mühlenhaupt wehrt sich gegen die Pläne, sondern auch viele Anwohner. Die Gruppe „Stadtplanung von unten“ sammelt Unterschriften für ein Bürgerbegehren. Mehrere Hundert hat sie schon zusammen. Sie will, dass auf der Bautzener Brache ein Park entsteht. Jahrelang haben die Menschen aus dem Kiez sich für einen Park engagiert. Sie haben mit Architekturstudenten Konzepte entwickelt, Ausstellungen organisiert, Gespräche mit Ämtern geführt. Vor allem von den Grünen fühlen sich die Anwohner getäuscht. Während diese jahrelang die Bemühungen für ein Park unterstützt haben, verteidigen sie nun das Bauvorhaben.

Neben mangelnder Transparenz und Bürgerbeteiligung kritisiert die Gruppe auch den Umgang des Investors mit dem Umsteiger. So hat das Unternehmen Mühlenhaupt mehrmals aufgefordert, alle Gebäude abzureißen. In einer Klageschrift heißt es: „Der Beklagte wird verurteilt, [...] massives Gaststättengebäude [...] abzubrechen und zu entfernen.“ „Hätte ich das gemacht, würde es den Umsteiger heute nicht mehr geben“ sagt Mühlenhaupt.

„Wir haben den Umsteiger in unseren Planungen von Anfang an miteinbezogen und wollen ihn erhalten“, sagt Nicole Bolle von Hellweg. Den eklatanten Widerspruch erklärt sie so: „Es geht hier um eine juristische Auseinandersetzung, die an unserer grundsätzlichen Haltung zum Umsteiger nichts ändert.“ Inzwischen scheint der Umsteiger gerettet. Er steht jetzt unter Denkmalschutz.