Es soll 19 Geschosse haben und 58 Meter in die Höhe ragen – das neue Hochhaus, das die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) am Mühlendamm/Ecke Fischerinsel errichten will.

Auf der Fischerinsel stehen bereits sechs Wohnhochhäuser, die zu DDR-Zeiten gebaut wurden. Ein weiteres war bisher nicht vorgesehen. Vor wenigen Tagen überraschte die WBM die Öffentlichkeit mit dem Entwurf für das neue Wohnhochhaus. Es ist das Ergebnis eines Architekten-Wettbewerbs.

Jetzt hagelt es Proteste. Prominentester Kritiker ist der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann. „Ich halte die geplante Bebauung der sogenannten Fischerinsel mit einem weiteren Wohnhochhaus für falsch“, sagte er der Berliner Zeitung. „Damit werden die Planungen der 70er-Jahre für ein sozialistisches Stadtzentrum mit Wohnen in Hochhäusern weitergeführt als existiere die DDR noch.“

Planwerk sieht keinen Turm vor

Der Senat sei in seiner Amtszeit seit Mitte der 90er-Jahre dabei gewesen, an die Geschichte des Ortes anzuknüpfen, sagte Stimmann, der bis 2007 im Amt war. Die neue Bebauung sollte sich mit vier bis sechs Geschossen stärker am früheren Stadtgrundriss orientieren. „Wenn es einen Ort gibt, an dem man sich mit der Geschichte vor der DDR beschäftigen muss, dann ist es dieser hier“, so Stimmann. Hintergrund: Das Gebiet um den Mühlendamm gilt als Keimzelle der Doppelstadt Berlin-Kölln, aus der die heutige deutsche Hauptstadt entstand.

Das vom Senat 1999 beschlossene Planwerk Innenstadt, das Grundlage für die weitere Bebauung sein sollte, sieht kein Hochhaus an dieser Stelle vor, betonte Stimmann. „Sollte man an eine Revision dieser Überlegungen denken, braucht man ein Konzept für den gesamten Fischerkiez und eine öffentliche Debatte“, so Stimmann.

Ähnlich äußert sich der Historiker Benedikt Goebel. „Die Planungsgruppe Stadtkern und das Bürgerforum Berlin, dem alle großen Berliner Geschichtsvereine angeschlossen sind, protestieren energisch gegen die Absicht des Senats, ein 19-geschossiges Hochhaus am Gründungsort Berlins errichten zu lassen“, sagte er. Ein Hochhaus habe dort nichts zu suchen. Die Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte, Annette Ahme, bezeichnet die Planung schlicht als „Katastrophe“. Damit würden alle Bemühungen, die Fehler der Vergangenheit zu heilen, zunichte gemacht.

Ahme sammelt Unterschriften für einen Brief, in dem sich die Unterzeichner dagegen aussprechen, vor Abschluss der vom Senat begonnenen Stadtdebatte unter dem Motto „Alte Mitte – neue Liebe?“, ein Wohnhochhaus am Mühlendamm zu etablieren. „Berlin braucht Zeit, um sich mit seinem Stadtkern zu beschäftigen“, heißt es darin.

Weil sich die Stadtdebatte auf das Gebiet rund um den Fernsehturm bezieht, lästert der Historiker Benedikt Goebel schon, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung habe „keine Ahnung, wo der Berliner Stadtkern liegt“. Die Stadtentwicklungsverwaltung verteidigt die WBM-Pläne. „Das Hochhaus ist das Ergebnis eines internationalen Architekturwettbewerbes“, sagte Behördensprecherin Petra Rohland. „Es ordnet sich durchaus in das Hochhausensemble auf der Fischerinsel ein und entspricht einer gewollten Verdichtung, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – auch in historisch bedeutender, zentraler Innenstadt-Lage.“

Veranstaltung für Mieter geplant

Das neue Hochhaus soll aus einer U-förmigen Randbebauung emporragen und fast so groß werden wie die benachbarten Hochhäuser, die zirka 65 Meter hoch sind. In dem neuen Komplex sollen rund 200 Wohnungen entstehen. Laut WBM sind Mietwohnungen „für breite Schichten der Bevölkerung“ geplant. Dazu gehören auch preiswerte Wohnungen, die mit Fördermitteln des Landes errichtet werden. Diese werden zurzeit für Quadratmetermieten von 6,50 Euro (kalt) errichtet. Mindestens die Hälfte der Wohnungen soll für Senioren geeignet sein. Im Erdgeschoss sind Läden für die Nahversorgung vorgesehen.

Die WBM will die Mieter kurzfristig bei einer Veranstaltung über die Pläne informieren, teilte sie mit.

Die Wettbewerbsmodelle sind vom 2. bis 16. Oktober im Foyer des Internationalen Handelszentrums, Friedrichstraße 95, zu sehen. Mo bis Sa von 8 bis 19.30 Uhr.