Berlin - Nein, das hatte er nicht erwartet. Hans-Georg Schimmang, Hausverwalter und Immobilienunternehmer aus Stuttgart, ist spürbar verärgert. Da kommt er eigens nach Berlin, um sein Bauprojekt vorzustellen. Den Bezirksverordneten, die letztlich darüber entscheiden müssen, ob und wie gebaut wird. Und dem Baukollegium des Senats, das Investoren mit Ratschlägen hilft, Konflikte zu lösen.

Doch statt der erwarteten Zustimmung gab es Kritik. Zu eintönig, zu massiv und zu abgeschottet sei das, was da geplant sei. Schimmang: „Es war ätzend, ich bin furchtbar enttäuscht von Berlin.“

Beste Wasserlage

Der Unternehmer, der 1958 aus der Lausitz nach Süddeutschland ging, will eine der letzten Brachen am Kreuzberger Spreeufer bebauen: das Gelände der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft Behala entlang der Köpenicker Straße. Das fast 4,2 Hektar große Areal um den denkmalgeschützten Viktoriaspeicher gilt als Filetgrundstück in Wasserlage. Noch 1980 wurde dort Kohle umgeschlagen. Seit der Einstellung des Hafenbetriebs Mitte der 1990er-Jahre siedelten sich Betriebe an wie Getränkehandel oder Baustoff- und Papierrecycling-Unternehmen.

Im Jahr 2011 verkaufte die Behala, ein Tochterunternehmen des Landes, das Areal an Schimmang, der dafür die Schimmang Spreepark GmbH & Co. KG gründete. Noch ist das Geschäft nicht perfekt, ist der Kaufpreis nicht geflossen, steht die Behala als Eigentümerin im Grundbuch. Schimmangs Firma ist erst vorgemerkt. Bis Mitte 2014 muss Baurecht geschaffen werden, sonst könnte der Deal noch platzen.

Viele im Bezirksparlament Friedrichshain-Kreuzberg wären darüber nicht traurig. Zu weit liegen ihre Erwartungen und das Angebot des Investors auseinander. Erwartet werden möglichst viele preisgünstige Wohnungen, große öffentliche Flächen und weite Räume für Soziales und Kultur.

Schimmang plant an der Schillingbrücke ein Hotel oder Ärztehaus und auf dem Gelände Vier- bis Neungeschosser mit Büros, Läden und bis zu 580 Wohnungen. Die meisten Wohnungen sollen um ruhige Höfe gruppiert sein, die öffentlich nicht zugänglich sind. Auch nicht über drei „Spreefenster“ zwischen den Häuserblöcken, durch die der Fluss zwar sichtbar, aber nicht erreichbar ist. Zum Wasser und zum 20 Meter breiten, öffentlichen Uferweg, den das Land herstellen soll, käme man nur über einen Wirtschaftsweg östlich vom Viktoriaspeicher. Für das historische Speichergebäude stellt sich Schimmang eine Markthalle vor – obwohl es knapp fünf Minuten Fußweg von dort, an der Eisenbahnstraße, die Markthalle IX gibt.

Auch eine Kita ist vorgesehen

Auch eine Kita mit 100 Plätzen und die Schaffung bezahlbarer Wohnungen gehören zum Vorhaben, wobei er letzteres „nur zähneknirschend“ tue, so Schimmang. Er sagt: „Es ist Aufgabe des Staates, für preisgünstigen Wohnraum zu sorgen, nicht die privater Investoren.“ Er sei mit Lebensversicherungen und der Wohnungsbaugesellschaft Howoge in Verhandlungen, die Wohnungen auf dem Gelände kaufen wollten.

Auch den Wunsch nach mehr öffentlichen Zugängen empfindet der Investor als Zumutung. „Ich stelle der Stadt 6400 Quadratmeter für den Uferweg zur Verfügung, was wollen die denn noch?“, fragt er und bezeichnet die Wünsche gar als „Teilenteignung.“

Im Baukollegium des Senats, dessen Ergebnisse üblicherweise geheimbleiben, gab man dem Stuttgarter den Rat, einen städtebaulichen Architektenwettbewerb für mehr Vielfalt auf dem Filetgrundstück zu organisieren. Das lehnt Schimmang kategorisch ab. „Wir bleiben bei unserer Marschroute, denn wir haben schon zu viel Zeit verloren“, sagt er.

Zeit hat er tatsächlich verloren, vor allem durch einen sogenannten Störfallbetrieb gegenüber dem Behala-Gelände. Hintergrund ist die sogenannte Seveso-II-Richtlinie der EU. Sie wurde nach dem Dioxin-Unfall in der italienischen Stadt Seveso 1976 erlassen, der als eine der größten Umweltkatastrophen Europas bekannt ist. Aus einer Chemiefabrik strömte damals hochgiftiges Dioxin aus, viele Krebserkrankungen in der Region werden damit in Zusammenhang gebracht. Die EU-Richtlinie besagt, dass Bauvorhaben erst „in angemessenem Abstand“ zu einem „Störfallbetrieb“ möglich sind.

„Störfallbetrieb“ Otek

Der Kreuzberger „Störfallbetrieb“ heißt Otek und liegt an der Köpenicker Straße 147, gegenüber vom Behala-Grundstück. Otek ist seit vielen Jahren auf die Beschichtung von Metallen spezialisiert, arbeitet mit Materialien wie Chrom, Nickel, Kupfer oder Zink. Seit acht Jahren bemüht sich das Land um eine Umsiedlung, denn nicht nur der Bau neuer Wohnungen ist derzeit blockiert, auch Kitas im Umfeld dürfen nicht erweitert werden. Doch die Umsiedlung kostet viel Geld, zu viel für Berlin. Schimmang hat sich bereiterklärt, für die Verlagerung des Betriebs aufzukommen. Er spricht von einer zweistelligen Millionensumme, die er dafür bezahlen will. In einer Projektpräsentation ist von elf Millionen Euro die Rede. Noch gibt es auch dafür nur eine Verabredung. Schimmang sagt: „Wenn man mich in Berlin weiter ärgert, verkaufe ich das Ganze einfach weiter.“

Wie ernst er diese Drohung meint, bleibt abzuwarten.